Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Propaganda oder Kulturaustausch?Nordamerikas Filmschaffende nutzen den Schwerpunkt "Tel Aviv" auf dem Internationalen Filmfestival in Toronto für ideologischen Meinungsstreit
Eine emotional aufgeheizte Debatte um die Bewertung israelischer Filme dominierte die Schlagzeilen um das 34. Internationale Filmfestival (TIFF) vom 10. bis 19. September im kanadischen Toronto. Anlass zu den heftigen verbalen Auseinandersetzungen waren scharfe Proteste gegen eine Reihe israelischer Produktionen auf dem Festival. In der sogenannten Toronto-Deklaration richteten sich zahlreiche prominente Filmschaffende, Künstler und Wissenschaftler gegen den gewählten Schwerpunkt des Festivals - die israelische Metropole Tel Aviv - und beschuldigten darin die Veranstalter, Israel in einem einseitig positiven Licht darzustellen und dabei sowohl die Geschichte des Landes als auch den Nahostkonflikt zu verschweigen. Das Filmfestival in Toronto hatte anlässlich des hundertjährigen Gründungsjubiläums Tel Aviv als Partner für das «City to City Program»gewählt. Dabei sollte das Großstadtleben aus unterschiedlichen Perspektivengezeigt werden. Auf der Homepage des Festivals war als Begründung für die Wahl Tel Avivs zu lesen, dass die israelische Stadt, ebenso wie Toronto, eine«junge, dynamische Stadt» sei, die «ihre Vielfältigkeit» feiere.
«Wie eine Lobpreisung Kapstadts während des Apartheid-Regimes»
Der kanadische Regisseur und Produzent John Greyson widersprach dieser Darstellung und zog im Vorfeld des Festivals seinen Film zurück. Gemeinsam mit sechs weiteren nordamerikanischen Filmemachern verfasste er Anfang September die Toronto-Deklaration mit dem Titel «Keine Feier für die Besatzung». In dem offenen Brief protestierten die Verfasser dagegen, dass sich das TIFF als «israelische Propaganda-Maschine» instrumentalisieren lasse. In der Deklaration bezeichneten die Autoren Tel Aviv als eine Stadt, die «auf zerstörten palästinensischen Dörfern gebaut wurde» und bezogen kritische Position zur Rolle des Staates Israel im Nahostkonflikt. «Das moderne und kultivierte Tel Aviv zu zeigen, ohne auf die Vergangenheit der Stadt und die aktuelle Besatzung des Gaza-Streifenseinzugehen, ist wie eine Lobpreisung der Schönheit Kapstadts während des Apartheid-Regimes (in Südafrika - d.Red.)», schrieben Greyson und seine Kollegen in der Erklärung. Sie fügten jedoch einschränkend hinzu, dass sich der Protest gegen den Schwerpunkt, nicht aber gegen die beteiligten israelischen Filmemacher persönlich richte. Der offene Brief wurde von etwa 1.000Künstlern und Prominenten - unter anderem dem US-amerikanischen Wissenschaftler und Zionismus-Kritiker Noam Chomsky, der Schauspielerin und Oskar-Gewinnerin Jane Fonda und dem britischen Musiker David Byrne- unterzeichnet. Kurz nach Veröffentlichung der Deklaration zogen ägyptische Produzenten ihren Film ebenfalls von dem Festival zurück.
Reaktionen auf die Toronto-Deklaration blieben nicht aus. Der stellvertretende Direktor des TIFF und Initiator der Städtepartnerschaft, Cameron Bailey, wies auf der Homepage des Festivals die in dem Pamphlet geäußerten Vorwürfe zurück: «Die Schaffung des„City to City Programms" erfolgte unabhängig und ohne äußere Einflüsse».Er verteidigte die Wahl Tel Avivs damit, dass «die dort erschaffenen Filme die Stadt aus vielen unterschiedlichen Perspektiven» zeigten. Bailey reagierte mit Unverständnis auf den offenen Brief des langjährigen Festivalteilnehmers Greyson:«Es ist sehr überraschend, dass die Filmemacher eine Serie von Filmen denunzieren, ohne diese vorher gesehen zu haben.»
«Zensur von Filmen verhindert kulturellen Austausch»
Das TIFF stellte im Rahmen seines «City to City»-Programms zehn israelische Produktionen vor: drei aktuelle Filme, eine Dokumentation über das israelische Kino («A History of Israeli Cinema» von Raphaël Nadjarirge. JZ März2009) und fünf Produktionen, denen Bailey und seine Kollegen besonderen kulturellen Wert beimaßen, so unter anderem die Satire «Blaumilchkanal»von Ephraim Kishon aus dem Jahr 1969und den 1992 von Assi Dayan produzierten«Das Leben nach Agfa», in der die israelische Gesellschaft persifliert und das Problem der Gewalt thematisiert wird. Dieser Auswahl durchaus kritischer israelischer Filme «Propaganda» vorzuwerfen, erscheint daher schwer nachvollziehbar.
Auch politische Organisationen mischten sich in die Debatte ein. Das Simon-Wiesenthal-Center (SWC), eine Organisation für Menschenrechte und die Verfolgung von NS-Verbrechern mit Sitz in Los Angeles, bezeichnete die Toronto-Deklaration in einer Presseerklärung vom 4. September als einen «Angriff auf das Herz und die Seele Israels». SWC-Direktor Rabbiner Marvin Hier bezeichnete die Deklaration als einen Brief, «der genauso gut von der Hamas stammen könnte.» Kritik an der Toronto-Erklärung kam auch von zahlreichen nordamerikanischen Künstlern. Etwa 150 Prominente unterschrieben eine öffentliche Gegendarstellung unter dem Titel«Wir brauchen keine weitere Schwarze Liste», unter den Unterzeichnern waren die US-Schauspieler Jerry Seinfeld, Natalie Portman und
Lisa Kudrow. Darin begrüßen sie die Entscheidung des Festivals in Toronto, Tel Aviv als Programmschwerpunkt aufgenommen zu haben und kritisierten den Boykott als «Zensur von Filmen», die «den kulturellen Austausch, der vor allem Künstler verteidigen und schützen sollte», verhindere. An Torontos kleinem Bruder, dem Berlinerstattfindenden «Cinemaviv», ging die nordamerikanische Debatte komplett vorbei (siehe JZ-Bericht auf «Kultur»).
Im Zuge der scharfen Gegenproteste entschuldigte sich Jane Fonda in der US-Online-Zeitung «Huffington Post»für die Unterzeichnung der Toronto-Deklaration mit den Worten: «Ich habe die Deklaration nicht gründlich genug gelesen». Besonders wegen der «unnötig aufhetzenden Sprache» bereue sie die Unterzeichnung und ruft nun, weit sanfter, zum Dialog aller Parteien auf. Dass man israelischem Kino mittlerweile international eher selten das Attribut «Propaganda» anheftet, beweist auch der im September in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Film «Lebanon»von Samuel Maoz (siehe «Kultur»). Die Proteste in Toronto kommentierte Maoz denn auch ironisch: «Ich hätte wahrscheinlich nicht gewonnen, wäre Jane Fonda in der Jury gewesen.» Schaut man sich den Zickzackkurs Fondas im Zusammenhang mit der Toronto-Erklärung an, kann man davon ausgehen, dass sich die Schauspielerin aber später dafür bei Maoz entschuldigt hätte. |