Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Keine Plastikmöbel mehr im Haus der EwigkeitDie Jüdische Gemeinde Hannover hat ihren Friedhof von Bildern beräumt und die Friedhofsregeln verschärft
Fotografien, Bilder, Papierblumen, Figuren, Büsten, selbst Plastikstühle, Bänke und Kunstrasenflächen gehörten in der jüngsten Vergangenheit zum gewohnten Bild auf dem jüdischen Friedhof in Hannover-Bothfeld. Alte, nach Deutschland zugewanderte Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, gedachten so ihrer auf fremder Erde begrabenen Angehörigen und verbrachten oft viele Stunden am Tag an der letzten Ruhestätte der geliebten Mitmenschen. Manche pflegten die Gräber hingebungsvoll, pflanzten Bäume und Sträucher, errichteten zusätzliche Grabplatten. Einige kamen sogar auf die kostspielige und eigenwillige Idee, eigene Marmorbänke neben den Gräbern der toten Angehörigen aufzustellen.
Was hier wie ein menschlich rührendes, buntes, chaotisches und teilweise schrulliges Gedenkritual anmutet, stellt zur gleichen Zeit aber auch einen gravierenden Verstoß gegen die Friedhofsordnung und das für jüdische Friedhöfe geltende Bilderverbot dar. Die Jüdische Gemeinde Hannover hat dem individuellen Gestalten und Leben auf ihrem Friedhof jetzt ein jähes Ende bereitet. In einem Mitte August veröffentlichten Infoblatt forderte der Vorstand seine Gemeindemitglieder dazu auf, die für einen jüdischen Friedhof geltende Friedhofsordnung einzuhalten und den «Ort der Stille und Andacht» anzuerkennen. In dem Schreiben wies der Gemeindevorstand darauf hin, dass der Friedhof Eigentum der Jüdischen Gemeinde Hannover sei und diese nicht wolle, dass auch künftig «fremde Möbel in die Wohnung» gestellt würden. Bis 31. August sollten alle der Friedhofsordnung zuwiderlaufenden Gegenstände - von Fotos bis zu Plastikstühlen- vom Friedhofsgelände entfernt werden. Bei Nichteinhalten der Frist drohte der Vorstand, die Entsorgung selbständig vorzunehmen - auf Kosten der Ordnungssünder.
Das Beräumen des Friedhofs ging trotz Drohung nicht problemlos von statten. In Einzelfällen musste der Vorstand nachdrückliche Überzeugungsarbeit leisten. «Unsere aus der ehemaligen Sowjetunion zugewanderten Gemeindemitglieder waren eine andere Friedhofskultur gewohnt», sagt dazu der Gemeindesprecher Arkadi Litwan gegenüber der «Jüdischen Zeitung»: «Für die letzten Ruhestätten waren dort die Kommunen zuständig, die jüdischen Friedhöfe waren nicht im Besitz der jüdischen Gemeinden. Jüdische Friedhöfe, die die halachische (religionsgesetzliche - d.Red.) Tradition einhielten, konnten sich daher nicht behaupten». Litwan räumt ein, dass einige Hinterbliebene erst nach «langen Diskussionen» zum Räumen der corpora delicti bereit gewesen waren.
Der Gemeindevorstand versprach im Gegenzug, das zutage getretene Sitzplatzproblem auch gerade für die Alten zu lösen und «einzelne Bänke im Friedhofsbereich aufzustellen», gefolgt von der Bitte, «diese Bänke dort zu belassen, wo sie stehen».
Die Beräumungsaktion auf dem über 2.500 Gräber umfassenden Friedhof in Hannover ist nur ein Beispiel für den in den letzten Jahren permanent an den verschiedensten Orten jüdischen Lebens schwelenden Kampf um kulturelle Hegemonie: hier der Versuch, religiöse jüdische Tradition zu bewahren, dort der Versuch, Alltagskultur aus dem postsowjetischen Raum in das Einwanderungsland mitzunehmen. Der JG Hannover war deshalb in ihrem Infoblatt der Verweis wichtig, dass «jüdische Friedhöfe, zumindest in Deutschland, nicht wie christliche behandelt» werden. Inwieweit sich die theologischen Bestimmungen für jüdische Friedhöfe in Deutschland - vom Bilderverbot bis zum Verbot der Grabpflege und -bepflanzung - im Zuge der Bräuche russisch-jüdischer Gemeindeneumitglieder zukünftig ändern könnten, wird trotzdem zu beobachten sein.
Denn dass auch die jüdischen Friedhofsordnungen in Deutschland im Laufe der Zeit Modifizierungen unterliegen, lässt sich vielerorts ablesen. Etwa auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Dort wurden seit Ende des 19.Jahrhunderts an einigen Gräbern Bronzemedaillons mit den Porträts der Verstorbenen angebracht. Um nicht gegen das Bilderverbot zu verstoßen, wurden diese mit einer Abdeckung versehen und mit Scharnieren am Grabstein befestigt. Auch die im orthodoxen Judentum untersagte Bepflanzung der Gräber hat sich vielerorts durchgesetzt: Berlin-Weißensee hat eine Friedhofsgärtnerei und fünf große Gewächshäuser. Die dort in den letzten Jahrzehnten errichteten Gräber sind teilweise kaum noch von christlichen zu unterscheiden. Ein Gebot der jüdischen Friedhofsordnung dürfte jedoch sobald nicht zur Disposition stehen: das Tragen einer Kopfbedeckung für männliche Friedhofsbesucher. Auch das wurde in Hannover-Bothfeld in der Vergangenheit regelmäßig missachtet. Der Hannoveraner JG-Vorstand hat deshalb unmissverständlich klargemacht, dass sich die Friedhofsbesucher auch in diesem Punkt an die Regeln zu halten haben. Denn, «die Würde des Friedhofs ist unantastbar». |