Neulich in der Gemeinde

Rafis Planet

Ein schönes Ding hatte sie da. Einen Verlobungsring von ihrem kanadischen Freund, den sie vor fünf Wochen bei einer Bibelreise in Israel kennengelernt hatte. Ein kleiner weißer, spitzer Diamant, Antwerpener Schliff, der auf einem weißgoldenen Ring thronte. Er glitzerte in allen Farben, wenn er sich bewegte. So einen wünschen sich alle jungen Frauen. Beim Tippen am Computer oder beim Zurückstellen der Abrechnungsordner ins Regal störte er noch ein bisschen, aber das gab sich mit der Zeit. Voller Neugier fragte ich, wann denn endlich die Hochzeitsglocken läuten würden. Das hätte ich lieber nicht tun sollen. Sie schaute mich ungläubig und fast ein wenig vorwurfsvoll mit ihren grauen Augen an und sagte: «Hör mal, bei uns läuten keine Glocken! Wir sind jüdisch und werden auch jüdisch heiraten - und zwar orthodox.»

 

Ja, dass sie jüdisch war, konnte ich schon bei unserer ersten Begegnung sehen. Sie stellte sich als Ifat vor, ein sehr israelischer Name, und trug immer einen langen, meist farblosen Rock, der zwar ihre etwas breiten Knie verdeckte, ihre wurstigen, in hautfarbene Strumpfhosen eingepackten Beine jedoch bloß legte. Die aschblonden Haare waren zu einem strengen und ordentlichen Zopf oder Dutt zusammengesteckt und auf Schminke verzichtete sie ganz. Ein schwarzer, runder Hut verdeckte ihre Haare, wenn sie nach draußen ging. Sie hielt ihren Rücken, der von einem grasgrünen Businessjacket bedeckt wurde, wie einen Stift, unbiegsam und nach oben strebend. Den Job nahm sie sehr ernst, arbeitete fleißig, viel, gewissenhaft; kam und ging äußerst pünktlich. An stressigen Tagen gönnte sie sich nicht mal ein Mittagessen und auf die Toilette ging sie auch nicht. Die Beine wurden übereinander geschlagen und offensichtlich staute sich da dann das Innenleben ihres Körpers. Die Bürotür wurde auf- und zugeknallt, sie stampfte wie ein zorniger Krampus den Gang hoch und runter und einige Kollegen wurden dann als «dfukim», «Bekloppte», oder gar «debilim», «Gehirnamputierte», bezeichnet. Solche Ausdruckweisen auf Hebräisch hatte sie in einem Sprachkurs in Jerusalem gelernt.

 

Freitags stand sie unter Volldampf, denn der Sonnenuntergang wurde von Gott festgelegt und war daher unumstößlich. Alle halbe Stunde guckte sie auf ihre Armbanduhr und verglich die Zeit in einem kleinen Prospektchen, welches den Schabbatbeginn auf die Sekunde genau anzeigte. Ifat wirbelte durchs Haus und nickte jedem Juden ein bedächtiges «Gut shabbes» zu.

 

Ifat war Mitglied der orthodoxen jüdischen Gemeinde und verkehrte nur mit frommen Menschen. Dass es orthodoxe Juden gibt, deren Frauen eine Kunsthaarperücke tragen und in der Synagoge versteckt werden und dass liberale Juden daneben koexistieren, deren Gottesdienst von Frauen geleitet wird, verstand sie nicht. Ifat erklärte mir, wenn eines ihrer Kinder liberal heirate, wird sie «austicken». Legt sie sich dann einen Strick um den Hals und springt von der Wohnzimmercouch oder schmeißt sie sich gleich aus dem 14. Stock eines Hochhauses? Sie hatte zwar polnische Hüften, die viele Kinder versprachen, doch eine Garantie, dass sie das Volk Israel bereichern könnte, gab es auch nicht.

 

Mittags gingen wir manchmal zusammen essen. Die Kantine hatte braunbeige Kacheln und das Buffet, das keines war, stand in der Mitte des Raumes. Täglich wechselte das Menü zwischen ziemlich schlecht und ungenießbar. Das Angebot bestand aus lauwarmen, wässrigen Gemüse- oder Fleischsuppen, verschiedenen Salatbeilagen in stählernen Behältern und einer kleinen Kaffeemaschine, die chemischen Pulverkaffee oder eine braune Kakaosubstanz ausspuckte. Bevor Ifat zu essen begann, holte sie ein kleines Gebetbuch aus ihrer Handtasche, klappte das Register für das Essensgebet heraus und legte los. Sie flüsterte hebräische Worte und wippte ihren Kopf im rhythmischen Takt dazu. Ich folgte gebannt ihren Lippen, die sich leicht bewegten und nur die untere Zahnreihe freilegte. Dann erst durfte sie anfangen. Ich bat den lieben Gott nur, dass mir dieses Mal die Kartoffelsuppe nicht auf den Magen schlagen würde.

 

Ifat kaufte die Katze tatsächlich im Sack. Heute war ihr letzter Tag, bevor sie zu ihrem Verlobten, den sie nun etwas mehr als einen Monat kannte, nach Kanada zog. Ein bisschen aufgeregt war sie schon. Von nun an müsste sie Perücke tragen und arbeiten könnte sie sich auch erstmal an den Hut stecken, weil sich ihre Gebärmutter auf Geburten einzurichten hatte. Sie war nicht mehr die Jüngste, mit 29 Jahren ist man spät dran.

 

Von nun an saß ich alleine im Büro und ordnete die Mappen, Blätter, Rechnungen und Briefe. Den Empfehlungsbrief hatte Ifat vergessen und ich wählte schon ihre Nummer. Rechts oben, war ihr Geburtsname geschrieben. Sie hieß nicht Ifat, sondern Christina und den hebräischen Namen hatte sie sich nach ihrer Konversion zum jüdischen Glauben zugelegt. Ich schmunzelte und dachte - ja, sie sah zwar jüdisch aus, trank keinen Latte Macchiato nach dem Rindergulasch, hatte keinen Sex vor der Ehe und kannte fast jede Stelle des Gebetbuches auswendig. Aber jüdisch war sie irgendwie nie.

 

 

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2009