Antworten für das Heute

Elisa Klapheck wurde in Frankfurt als Rabbinerin eingeführt

 

Elisa Klapheck.

Foto: Jüdisches Lehrhaus Göttingen e.V.

Fast immer waren wir die letzten im Büro. Elisa Klapheck hatte ihres im Haus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gleich neben meinem. Damals war sie Redakteurin der Gemeindezeitung «Jüdisches Berlin». Da rauchte sie auch noch, wenn auch selten, und so ergab sich manches Gespräch miteinander auf dem Hof, dort, wo früher die größte Synagoge Deutschlands stand. So ganz «nebenbei» brachte sie mir auf diese Art ihr Wissen über das Judentum bei.

 

Elisa Klapheck hat ein weiteres Ziel in ihrem Leben erreicht: Im vergangenen Monat wurde die 47-jährige als Rabbinerin des Egalitären Minjan der liberalen Juden an der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main eingeführt. Als eine von drei hierzulande gegenwärtig amtierenden Rabbinerinnen ist sie so auch Mitglied der nichtorthodoxen Allgemeinen Rabbiner-Konferenz (ARK) Deutschlands und des Rabbinatsgerichtes. Vor fünf Jahren hatte Klapheck ihre Rabbinerinnenausbildung in den USA beendet und war bereits vier Jahre lang an der Progressiven Jüdischen Gemeinde Amsterdam als Rabbinerin tätig.

 

Über mehrere Generationen hatte Elisas Familie immer wieder in den Niederlanden gelebt. So hatte sich mit ihrem Amtsantritt 2005 ein Kreis geschlossen: «Es war für mich ausgesprochen symbolisch, dass ich in dem Land meine erste Chance als Rabbinerin bekam, in dem meine Mutter geboren wurde, in das meine Großeltern 1933 geflohen sind. Noch dazu bei der ersten Gruppe in Europa, die in der Tradition der egalitären Minjamin und Chawurot eine eigenständige Gemeinde gegründet hat.» Schon einmal lebte Elisa längere Zeit in den Niederlanden. In Nimwegen hatte die gebürtige Düsseldorferin Politologie studiert, wechselte später nach Hamburg. Nach dem Studium ging sie nach Berlin, volontierte beim «Tagesspiegel». 1988 wurde sie Redakteurin bei «Der Tageszeitung», ging schließlich nach Israel. Zwischendurch erwägte sie, Alija nach Israel zu machen. Doch damals in Israel habe sie das Gefühl gehabt, sagte sie einmal in einem Gespräch, eine Art Flüchtling zu sein. Daher kam sie zu der Überzeugung, nur in Deutschland Antworten auf die Fragen ihres Lebens finden zu können. Die Geschichte half ihr auf die Sprünge: Als in Berlin die Mauer fiel, kam sie zurück, produzierte in Osteuropa Magazinbeiträge für das Fernsehen und wurde 1997 Pressesprecherin der Berliner Gemeinde.

 

Elisa Klapheck ist die erste Rabbinerin, die in Frankfurt am Main amtiert. Wissenschaftlich beschäftigt sie sich schon seit Jahrzehnten mit Regina Jonas. Die Jonas wurde - als erste Frau weltweit - 1935 in Berlin in das rabbinische Amt eingeführt. In ihren Schriften hatte Jonas Anfang der 1930er Jahre zu beweisen versucht, dass die jüdischen Religionsgesetze die Gleichberechtigung der Frau nicht ausschließen.

 

Über ein halbes Jahrhundert später edierte Klapheck die Abschlussarbeit der «Fräulein Rabbiner» an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Sie brachte 2005 auch ein Buch über ihren eigenen Weg ins Rabbinat heraus. «Regina Jonas hat mir vorgegeben, wie man das macht», erklärt Klapheck, «ich hatte eine Lehrerin gefunden». Durch Jonas habe sie intensiv rabbinische Argumentation gelernt, wie man rabbinische Quellen minutiös liest, richtig studiert und schließlich anwendet, «Bibel und Talmud sowieso». Auf ihre Art wollte Regina Jonas, die vor 65 Jahren nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde, erneuern. Elisa Klapheck will das auch - unter den neuen Bedingungen der Gleichberechtigung.

 

So war sie 1999 Mitbegründerin von «Bet Debora», einer Organisation, die Rabbinerinnen und Kantorinnen, rabbinisch gelehrte und am Judentum interessierte Jüdinnen zusammenbrachte. Sie referiert regelmäßig zum Thema «Frauenrechte im Talmud».Immer wieder versteht es Klapheck, Religion und Alltagsleben miteinander zu verknüpfen, wenn sie etwa in öffentlichen Vorträgen zusammen mit Experten über «Bankenkrise und Talmud» spricht, mitten in der Bankenmetropole Frankfurt.

 

Elisa Klapheck ist noch lange nicht am Ziel. Bald wird sie ihre Promotion beenden und damit wieder eine Jüdin aus der Fast-Vergessenheit holen: die jüdische Philosophin Margarete Susman, die schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in ihren Schriften eine religionsphilosophische Antwort auf die Schoa zu finden versuchte. Elisa wird noch viele Fragen in ihrem Leben beantworten, aber noch viel mehr stellen.

 Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Oktober 2009