"...daz dich di erde vierslinde"

Ab dem 27. Oktober wird in der neu eröffneten Alten Synagoge Erfurt der älteste deutschsprachige Judeneid zu sehen sein

 

Auf einer Sauhaut stehend und die rechte Hand bis zum Gelenk in das vor ihm liegende Pentateuchexemplar hineingesteckt» - auf diese oder ähnliche Art und Weise war ein Jude lange Zeit im mittelalterlichen Europa gezwungen, einen Schwur vor Gericht zu leisten. Der so genannte Judeneid behielt im deutschen Kulturraum noch bis ins 19. Jahrhundert seine Gültigkeit und diente als Pendant zum christlichen Gelöbnis. Zur Eröffnung der Alten Synagoge Erfurt wird der älteste Judeneid in deutscher Sprache nun erstmals öffentlich ausgestellt. Obgleich die Synagoge zweifelsfrei allein mit ihrer bemerkenswerten Geschichte faszinieren dürfte - sie ist die älteste in einem ganzen Baukörper erhaltene in Mitteleuropa -, zählt dieses Schriftstück unter weiteren Exponaten zu den Höhepunkten der Ausstellung.

 

Die Judeneid-Urkunde in der Alten Synagoge Erfurt.

Foto: Stadtarchiv Erfurt

Fast quadratisch ist das Stück Pergament mit seinen exakt geformten gotischen Buchstaben und der dreizehnzeiligen Wendung, die, mit Anspielung auf das Alte Testament, vor Meineid warnt. Die Eidesformel war so abgefasst, dass sie jedem angeklagten Juden vor einem christlichen Gericht den Widerspruch sowie Rechtsgeschäfte ermöglichen konnte. Bemerkenswert ist das Schriftstück aus dem 12. Jahrhundertaber nicht bloß aufgrund seiner antiquarischen Qualität: Inhaltlich enthält der Text noch keine entehrenden Zusätze, wie es später hierzulande üblich wurde.

 

Der Ursprung des Judeneides ist vage. Im Byzantinischen Reich, wo bereits Kaiser Justinian im Jahr 531 den Juden und Häretikern vor Gericht die Zeugnisfähigkeit gegen rechtgläubige Christen abgesprochen hatte, ist die Formel des Judeneides zuerst nachweisbar. In der Mitte des 10. Jahrhunderts befahl Kaiser Konstantinos V. Porphyrogenetes mit einer Verordnung, dass Juden sich bei Eidesleistung mit Dornen umgürten und in ihren Händen die Gesetzesrolle halten sollen.

 

Der byzantinische Judeneid scheint als Vorbild für die christlich-europäischen Gesetzgebungen gedient zu haben. Ab dem 13. Jahrhundert enthielten entsprechende Verordnungen auch im deutschsprachigen Raum herabwürdigende Bestimmungen, die erst mit der jüdischen Emanzipation ab dem 18. Jahrhundert allmählich aus den vorgeschriebenen Gelübden verschwanden. So schrieb etwa eine Fassung des schlesischen Landrechts im 14. Jahrhundert vor, dass Schwörende jüdischer Herkunft barfuß auf einem Stuhl zu stehen und, falls sie herab fielen, eine Strafe zu zahlen hätten. Stürzte der den Eid Leistende viermal, so hatte er den Prozess gänzlich verloren.

 

So gesehen ist der Erfurter Judeneid aus zwei Gründen von Interesse: Zum Einen belegt er die Bedeutung der jüdischen Gemeinde vor Ort. Die Relevanz der jüdischen Kommune um 1200 zeigt sich daran, dass es dem zuständigen Erzbischof notwendig schien, einen gesonderten Rechtsparagraphen für Bürger nicht - christlichen Glaubens einzuführen. Zum Anderen dokumentiert der überlieferte Eid aus Erfurt eine inhaltliche Entwicklung, die der Judeneid im deutschsprachigen Raum vollzog. Der Beginn einer neuen Rechtstradition, in dem sich eine Mischung deutscher und jüdischer Rechtsauffassung zeigt, legte zugleich die Basis für neue diskriminierende Phantasien gegen Juden.

 

Mit der Neueröffnung der restaurierten Alten Synagoge Erfurt als musealer Stätte, wird den Besuchern ein Einblick in das Leben einer mittelalterlichen Kultusgemeinde gewährt. Seit Ende der 1980er Jahre wurde der Baukörper der Synagoge erforscht und seit Ende der 1990er Jahre systematisch freigelegt und saniert. Vier Bauphasen sind nun deutlich zu erkennen. Die ältesten Gebäudeteile stammen aus dem11. Jahrhundert, heute wird die Erscheinung vor allem von einer Bauphase von 1270 geprägt. Mit den Exponaten, wie dem ältesten deutschsprachigen Judeneid und einem Schatz aus Münzen, Barren, gotischem Schmuck und Gebrauchsgegenständen, sowie dem erhaltenen Synagogengebäude, dürfte die Kulturstätte in Erfurt sowohl rein architektonisch als auch allgemein kulturgeschichtlich zum historischen Verständnis und zur Einschätzung jüdischen Lebens im mittelalterlichen Deutschland beitragen.

 

Saro Gorgis

«Jüdische Zeitung», Oktober 2009