Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Obama und "Avatar"Michael Lerner
Bereits in den 50er Jahren haben wir 3D-Filme gesehen, wir kennen Action-Streifen und Kriegsfilme en masse aus dieser Zeit. Mal abgesehen von der Technikbegeisterung, sind es nicht die neuen technischen Spielereien, die «Avatar» zu einem bedeutenden Film machen, ebenso war der erfindungsreiche Einsatz des Internets der ausschlaggebende Grund für die Relevanz der Wahlkampagne für Barack Obama im Jahr 2008.
«Avatar» ist einer der ersten Filme, die die Geschichte westlicher kolonialer bzw. imperialer Arroganz aus der Sicht der Opfer erzählen, und zwar in der Art und Weise, dass sie auf das Bewusstsein der breiten Masse in der westlichen Welt Einfluss nehmen könnten. Indem Regisseur James Cameron die Geschichte des Films auf einem anderen Planeten spielen lässt und seinen Charakteren dabei ein wunderliches Science-Fiction-Aussehen gibt, war es ihm möglich, die radikale Botschaft, die in dem Film angelegt ist, ein wenig abzuschwächen: Die Botschaft, dass vereinigte Streitkräfte, die lediglich von dem Verlangen getrieben werden, ihre eigenen Profite zu steigern, an der mutwilligen Zerstörung von indigenen Volksstämmen beteiligt sind. Diese Volksstämme haben eine Verbindung zur Natur und zueinander, die sich auf einem höheren spirituellen Level bewegt, als die der Imperialisten und der Armeen, die sie finanzieren und darauf gedrillt haben, nach ihrer Pfeife zu tanzen.
Zudem übt der Film Kritik an dem von Kapitalgesellschaften finanzierten Militarismus. Er suggeriert dem Zuschauer, dass der Planet Erde durch tödliche Techniken zerstört wurde. Diese Technologien wurden von der modernen Wissenschaft entwickelt, um profitgierige Unternehmen dabei zu unterstützen, andere zu beherrschen und diejenigen zu vernichten, die ihnen im Weg stehen. Im Film wird die von Kapitalgesellschaften zerrüttete Erde einem erdähnlichen Mond im Alpha-Zentauri-Sternensystem, Pandora genannt, gegenübergestellt. Pandoras harmonisches Ökosystem wird von menschenähnlichen, blauhäutigen Lebewesen gepflegt, die sich «Na'vi» nennen. Sie leben mit der Natur in Einklang und verehren eine Muttergottheit mit dem Namen Eywa. Das Wort «Na'vi» könnte dabei vom hebräischen «navi» abgeleitet sein, das «Prophet» bedeutet. Der Zuschauer kann gar nicht anders, als sich mit den Na'vi und mit ihrem fundamental friedfertigen, umweltbewussten und spirituellen Wesen zu identifizieren. Der Film zieht uns hinein in ihren Kampf ums Überleben, den sie gegen ein interstellares kapitalistisches Imperium führen müssen, das sich einmal mehr ausdehnen möchte, um sich noch mehr zu bereichern.
Auch Barack Obama kannte diese Verlockung. 1996 wandte er sich mit der Bitte an uns von «Tikkun», eine in den USA publizierte progressiv-jüdische Zeitschrift, auf unserer nationalen Konferenz in Chicago sprechen zu dürfen - und er hielt dort eine Rede, in der er für Frieden, Umwelt und Arbeit eintrat. Als ich mich mit ihm 2006 privat in seinem Büro traf, versicherte er mir, dass er mit «Tikkun» voll und ganz auf einer Linie liege und zwar nicht nur beim Thema Israel, sondern auch in Bezug auf die Innenpolitik und auf unsere Vision eines globalen Marschallplans, obwohl er mir zugleich zu verstehen gab, dass es schwierig werden dürfte, dies dem «Raumschiff Washington» zu verkaufen. Als Obama und ich uns während eines Abends anlässlich des 80. Geburtstags des inzwischen verstorbenen Robert F. Kennedy eine Bühne im Kapitol teilten, sprach er sehr redegewandt von der Bereitschaft Kennedys, als Grundlage für einen sozialen Wandel gegen den Krieg in Vietnam zu opponieren und auf der Strategie der Gewaltfreiheit zu beharren. Damit wollte Obama zum Ausdruck bringen, dass wir diesen Weg heutzutage weiterverfolgen sollten.
Obama hätte kaum eine Chance gehabt, Hillary Clinton bei den Vorwahlen der Demokraten zu schlagen, hätte er nicht diesen Weg eingeschlagen und seine Anhänger davon überzeugt, dass er die Kriegstreiber, die Konzerne, die Umweltverschmutzer, die Menschenrechtsverletzer und die Vertreter der monetären Interessen in einer Art und Weise herausfordern würde, wie es die Clintons nie getan hätten und auch in der Zukunft kaum tun werden, sollten sie wieder ins Weiße Haus einziehen. Als er den Krieg im Irak einem eher gerechtfertigten Krieg in Afghanistan gegenüber stellte, glaubten seine Zuhörer, er würde einen Krieg meinen, der schnell zu gewinnen sei und durch den die Taliban gestürzt werden könnten, nachdem diese sich geweigert hatten, Osama bin Laden nach dem 11.September 2001 an die USA auszuliefern. Die Zuhörer gingen nicht davon aus, dass Obama von einer erheblichen Ausweitung der amerikanischen Aktivitäten in diesem Gebiet sprach, sollte er Präsident werden. Und viele seiner Anhänger nahmen diese Worte nur hin, weil sie darin eine Beruhigung für die Konservativen sahen, die Obama für einen «starken» Präsidenten halten sollten.
Obama redete von dem «Wandel, auf den Ihr euch verlassen könnt», und überzeugte so zahlreiche Gewerkschafter, Umweltschützer, Friedensaktivisten, Feministinnen und Millionen von Amerikanern, die des Kriegs im Irak überdrüssig waren. Er gab uns das Gefühl, einen Plan zu haben, wie unsere Stimmen zu guter Letzt doch noch Gehör finden würden und wie die Macht der Lobbyisten aufgehalten werden könnte. Es waren solche Botschaften, die Millionen von Menschen dazu bewegten, sich an ihre Nachbarn und an Fremde in anderen Bundesstaaten mit der Bitte zu wenden, großzügig für Obamas Wahlkampagne zu spenden. [...]
Es gibt eine Vielzahl von Gründen für unsere schwindende Hoffnung. Es begann mit Obamas Auswahl an Beratern Ende 2008, lange bevor ihn die Republikaner dazu drängten. Obama hatte versprochen, «von der Mitte aus zu regieren». Seine Anhänger glaubten, dies bedeute, dass sein Beraterstab sich aus einem breitgefächerten politischen Spektrum rekrutieren würde. Doch im Gegenteil, Obama entschied sich ausschließlich für Vertreter der Mitte und des rechten Flügels der Demokraten, niemand vertrat den linken Flügel seiner Partei und noch viel weniger die sozialen Bewegungen, die seine Kandidatur erst möglich gemacht hatten. Niemand kann behaupten, dass Obama nicht die nötige Freiheit gehabt hätte, diese Entscheidungen zu treffen. Lange Zeit bestand keine Gefahr, dass der Senat - in dem die Demokraten 60 Stimmen mehr hatten - seine Berater ablehnte. Zudem ist es Tradition, dass der Präsident sein eigenes Kabinett und seinen eigenen Beraterstab zusammenstellt.
Damit nahm das Schicksal seinen Lauf: Obama scheiterte bei der Schließung Guantánamos ebenso wie bei der Strafverfolgung Krimineller - bei George W. Bush angefangen, der Folter erlaubt und angeordnet hatte und somit amerikanisches und internationales Recht missachtete. Der Glaube, dass er dies nur mit Zustimmung des Kongresses tun könne, ist ein Trugschluss. Obama hätte seine Macht als oberster Befehlshaber der Streitkräfte dazu nutzen können, Inhaftierte in einen Militärstützpunkt innerhalb der USA oder im Ausland bringen zu lassen, damit sie dort eine Verhandlung nach geltendem amerikanischem Recht erhalten.
Obama und die Demokraten hätten auf eine Änderung der Regeln des Senats bestehen müssen, um dieser Verschleppungstaktik ein Ende zu bereiten und die Meinung der Mehrheit endlich überwiegen zu lassen. Und hätten die Republikaner wiederum dies verschleppt, hätten die Demokraten die Regierung über Monate blockieren können - und alle Schuld für den untätigen Kongress hätte bei den Republikanern gelegen.
Auch wenn Obama nicht die Unterstützung seiner Demokraten für ein solches Vorgehen gehabt hätte, so hätte er zumindest eines seiner Versprechen wahrmachen können: Er hätte die Wahrheit sagen und seine vier Jahre im Weißen Haus dazu nutzen können, um die Menschen von einer neuen Sicht auf die Dinge zu überzeugen. Reagan hat das gemacht. Obwohl die Demokraten damals die Mehrheit im Kongress hatten, konnte er die Amerikaner davon überzeugen, dem Kapitalismus und dem Militär als Lösungskonzepte für globale Probleme zu vertrauen. Er überzeugte die Öffentlichkeit, der Regierung zu misstrauen und sich nicht mehr um Benachteiligte zu sorgen. Sein Weltbild beeinflusste nicht nur seine Amtszeit, sondern auch die von Clinton und darüber hinaus.
Obama hätte auf lange Sicht legislative Erfolge und Wahlsiege gewährleisten können, wenn er das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Möglichkeit einer Welt, in der alle füreinander sorgen, gestärkt hätte. Sein Erfolg ist auch von der Begabung abhängig, uns von der armseligen Forderung «realistisch» zu sein, abzulenken - einer Forderung, die immer zu falschen Lösungen führen und die uns in der Zukunft schlecht aussehen lassen wird. Er hätte uns ermutigen sollen, auch Mitgefühl und Sorge für die Opfer von globaler und lokaler Armut, einer strukturellen Katastrophe, verursacht durch globalen Kapitalismus, zu haben, etwas, das wir momentan nur für die Opfer von Hurricanes, Erdbeben und anderer Naturkatastrophen empfinden. Er hätte uns auf die unausweichlichen Angriffe durch Mitglieder beider großer Parteien und den Spott der Medien vorbereiten können. Er hätte uns ermahnen müssen, alternative Medien und alternative Kandidaten zu wählen, die bereit sind, den ihm aufgetragenen Wandel gemeinsam durchzuführen, aufgetragen durch eine amerikanische Mehrheit, die so kein Kandidat in den letzten 25 Jahren erfahren hat.
Wenn wir einen Präsidenten hätten, der all dies tun würde und der mit genauso großem Elan ehrlich über seine eigene Partei und dessen unmoralische Kompromisse spräche, dann wäre eine unbesiegbare politische Macht geworden, fähiger seine eigene Partei, getreu der 2008 geäußerten Prinzipien, neu zu gestalten.
Nun kommen wir zum großen Problem des Films «Avatar» und des Präsidenten Obama. In beiden Fällen erfordert die Lösung der uns dramatisch aufgezeigten Probleme - beispielsweise der Einfluss von Gewalt, Umweltzerstörung, materialistischer Habgier, Egoismus und das Vertrauen in eine moralisch blinde Technik und Wissenschaft - einen einsamen Helden, genau wie in einem Cowboyfilm. Hier sind die Kriterien für eine Bewertung von Obama und «Avatar»: Haben sie aus unser Angst Hoffnung gemacht, in unsere passive Haltung Bewegung gebracht, aus unserem Alleinsein ein Gefühl für Gemeinschaft geschaffen, aus dem Individualismus eines einsamen Helden oder einzelnen Wählers ein energisches Mitglied einer Bewegung gemacht, willens die Welt zu verändern?
Diese Bewegungen aufzubauen, benötigt eine Menge Arbeit und verschiedene Ansätze, einige von denen haben wir noch nicht einmal entwickelt. Wir müssen versuchen, dies in den kommenden Jahren zu tun. Aber es gibt keine Alternative für das Gestalten dieser Bewegung, die zum einen eine starke und nach außen vertretbare Vision hat und zum anderen einen starken Sinn für Menschlichkeit und den Einsatz, Liebe, geistige Großzügigkeit und Vergebung für uns und andere auszudrücken. Schlussendlich kann die Heilung unseres Planeten nur wahr werden, wenn Millionen von uns nicht länger auf einen Helden oder Retter starren, sondern wirklich Obamas Slogan verstehen: Wir - mit all unseren Einschränkungen, Fehlern und Irrungen - sind die, auf die wir gewartet haben!
Michael Lerner ist Rabbiner der progressiven Beyt-Tikkun-Synagoge in San Francisco und Redakteur der US-amerikanischen jüdischen Zeitschrift «Tikkun». Wir dokumentieren den Text auszugsweise. Er ist in voller Länge und auf Englisch unter http://www.tikkun.org/article.php/mar2010lerner1 zu finden. |