Abschiede in Berlin

Der Älteste geht. Doch die Jungen werden flügge

Bei der letzten Repräsentantenversammlung der Hauptstadtgemeinde lagen Abschiedsstimmungen in der Luft, positive wie negative. Zu Beginn verließ der Gemeindeälteste Isaak Behar die öffentliche politische Bühne seiner Gemeinde. Er werde weiterhin Gespräche führen und für die Gemeinschaft da sein, vor allem für die Sephardische Synagoge, erklärte uns Behar in einem anschließenden Telefonat.

 

Künftig werde er sich allerdings seine Gesprächspartner aussuchen und nur noch dort einzuwirken versuchen, wo es wirklich Sinn habe. Sein vielzitierter und seit Jahren immer wieder bei aktuellen Vorkommnissen warnender Ausspruch «Genug ist genug!» stößt nur noch auf taube Ohren: So werde seit wenigen Wochen offener Rechtsbruch zugelassen, etwa auf dem Briefkopf der Sephardischen Synagoge.

 

Beklagt Rechtsbruch in sephardischer Synagoge: Isaak Behar.

Foto: Archiv

Auch sei dort eine Inventur nötig, denn viele gespendete Kultusgegenstände seien seit Monaten verschwunden, stellt Behar in der Hoffnung fest, dass diese «doch noch irgendwo in einem Schrank» lägen. Seine Hauptvorwürfe richtet Behar gegen Maurice Elmaleh, Gabbai (Synagogenhelfer) wie er selbst und früher mit Behar gemeinsamer Vorkämpfer für das Gotteshaus. Das sei lange vorbei und so forderte Behar in seinen letzten Worten von der Repräsentantenversammlung, diese möge auf die sephardischen Beter dergestalt einwirken, dass beide, er selbst wie Elmaleh, von ihren Posten zurückträten, um «den Weg für Ruhe in der Synagoge freizumachen».

 

In unserem Telefonat dankte Behar der Gemeindevorsitzenden Lala Süsskind ausdrücklich für ihre private Spende in Höhe von 1.000 Euro zugunsten der Synagoge. Dennoch sei er enttäuscht. Denn als Süsskind erklärt habe, sie wolle sich in die vielen Streitereien um die Synagoge nicht einmischen und die Beter sollten doch selbst für eine angemessene Bestuhlung sorgen, sei das für ihn die «vornehmste Art gewesen, keine Verantwortung zu übernehmen».

 

 Und noch ein Abschied, diesmal von einer Einrichtung der Jüdischen Gemeinde. Als «Todesurteil» für die Altenarbeit der Gemeinde bezeichnete Repräsentant Gideon Joffe die Planungen des Vorstandes, das Pflegeheim in eine andere Trägerschaft übergeben zu wollen, das während seiner Zeit als Gemeindevorsitzender umgebaut und eröffnet wurde. Auslöser seines wutschnaubenden Urteils war eine Wortmeldung Süsskinds, die erklärte, sie hätte ihre Mutter auch nicht in diesem Heim unterbringen wollen. Verstehen kann man diese undiplomatische Äußerung durchaus, wenn man weiß, dass beispielsweise in einem Notfall die Türen der Zimmer viel zu eng sind, um die Bewohner in ihren Betten schnell aus dem Haus zu bringen. Auf der anderen Seite jedoch steht das unbestrittene und oft bestätigte liebevolle Engagement des Personals. Das kann dennoch nicht darüber hinwegtrösten, dass das Pflegeheim auf Grund erheblicher Unterbelegung mit einem jährlichen Defizit von einer halben Million Euro in der ohnehin arg in Schieflage wirtschaftenden Gemeinde zu Buche schlägt. Doch die Wirtschaftlichkeit kann nur eine Seite der berühmten Medaille sein, gerade für eine Religionsgemeinschaft. «Schließen wir als nächstes unsere Schulen?», fragte Joffe abschließend provokant.

 

Zunehmende Alleingänge des Vorstandes in solchen Fragen stoßen auch auf zunehmende Kritik: Tuvia Schlesinger, Vorsitzender der Repräsentantenversammlung, monierte, dass Planungsideen ohne Analyse des Handlungsbedarfes und ohne Konzept völlig unvorbereitet zur Diskussion kämen. Gleiches trifft wohl für den Antrag auf die Gründung einer neuen Kindertagesstätte auf dem Gelände der Heinz-Galinski-Schule zu, der mehr oder weniger als Gerücht in die Versammlung getragen wurde.

 

Immerhin: Einen jubelnden Abschied aus allen Fraktionen gab es dennoch: Das Jugendzentrum der Gemeinde «Olam» hat von der «Jewrovision 2010» in Köln die Siegertrophäe nach Berlin geholt, wie auch wir bereits ausführlich berichteten. Nun heißt es, Deutschland beim gesamteuropäischen Jugendfestival in Stockholm zu vertreten. Die Mittel für die Reise der knapp 30 Jugendlichen wurden einstimmig bewilligt, ergänzt durch eine anonyme private Spende in Höhe von 5.000 Euro. Außerdem wird 2011der deutsche «Jewrovision»-Contest in Berlin ausgetragen. Bildungsdezernentin Mirjam Markus will zum Festival eine Beratergruppe für «Olam» ins Leben rufen, die das Jugendzentrum bei der Vorbereitung und Durchführung des größten nationalen jüdischen Jugendfestivals unterstützen soll und außerdem 2011 als «Jahr der Jugend» für die Berliner Gemeindedeklarieren.

 

 Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», April 2010