Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Auf den Spuren der RattenFluchthilfe für NS-KriegsverbrecherAls Stoff für Romanciers wäre die Geschichte unglaubwürdig. So unglaubwürdig wie das Gerücht, Hitler sei mit dem U-Boot nach Südamerika entkommen und nicht im Berliner Führerbunker durch eigene Hand gestorben. Es ist die Geschichte von Carlos Horst Fuldner: Als Sohn deutscher Einwanderer 1910 in Buenos Aires geboren und als Zwölfjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland zurückgekehrt, bringt es der bekennende Nazi-Anhänger schnell zum SS-Hauptsturmführer. Ausgerüstet mit zwei Pässen und perfekten Sprachkenntnissen taugt er zum perfekten Spion. Im Auftrag von Walter Schellenberg, Chef des «Sicherheitsdienst Ausland bei Polizei und Militär», beginnt er während der letzten Kriegsmonate durch den Verkauf von Kunstwerken, Gelder zur Fluchtfinanzierung von NSDAP-Mitgliedern zu organisieren. Schon zwei Jahre später sieht man ihn im argentinischen Präsidentschaftspalast Casa Rosada bei Treffen von NS-Größen und Kriegsverbrechern mit dem Präsidenten und Diktator Juan Domingo Peron, der weitere Finanzierung für Fluchthilfe verspricht. In der Schweiz handelt Fuldner einen Deal zur unbehelligten Flucht von NS-Mitgliedern mit dem obersten Polizeichef Heinrich Rothmund aus. Fuldner agiert mit den Fluchthelfern im Vatikan, mit seiner Hilfe setzten sich die Übelsten unter den Kriegsverbrechern nach Südamerika ab. Fuldner bezahlt manchem die Überfahrt und beschäftigt ihn nach Ankunft in seiner Firma. Unglaubwürdig ist die Geschichte, doch leider wahr - sagt zumindest der argentinische Historiker und Journalist Uki Goni. Er rekonstruiert in seinem Buch «Odessa. Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher» die «Rattenlinien» genannten Fluchtrouten, die bis 1951 funktionierten. Auf diesen konnten sich hunderte Kriegsverbrecher - unter ihnen Adolf Eichmann, Josef Mengele, Klaus Barbie, Ustascha-Faschisten und Vertreter weiterer Kollaborationsregime mithilfe eines organisierten Netzwerkes der Gerichtsbarkeit entziehen. Goni benennt Staaten, (nicht)staatliche Organisationen und Einzelpersonen, die an der Fluchthilfe beteiligt waren. Er widerlegt damit die These, dass es sich bei der Flucht tausender NS-Angehöriger und Faschisten nach Südamerika um ein Zusammentreffen individueller Fluchtbestreben handelt. Auf Basis jahrelanger Recherchen in Archiven und mehr als 200 Zeitzeugeninterviews hat Goni eine ausführliche Untersuchung verfasst, die nun auch in deutscher Fassung vorliegt. Die Menge des gefundenen belastenden Materials hätten ihn selbst überrascht, merkte der Historiker bei der Präsentation des Buches in Berlin an. Neben dem peronistischen Argentinien hätten sich die Schweiz und der Vatikan maßgeblich an der Fluchthilfe von NS-Mitgliedern beteiligt - natürlich aus unterschiedlichen Motiven: In Argentinien herrschte während der 30er Jahre starker Antisemitismus. Schon vor Perons Amtszeit hatte 1938 ein Erlass die «Einreise unerwünschter Personen» untersagt. Dies war offensichtlich gegen Juden gerichtet. Die vor dem «Dritten Reich» Flüchtenden reisten unter Leugnung ihres Jüdischseins oder mittels Bestechung ein. Ein verirrter militärischer Ehrbegriff und Perons persönliche Sympathie für Faschismus und Nationalsozialismus ließen ihn nach dem Krieg für NS-Angehörige Partei ergreifen, obschon ihm bewusst gewesen sein musste, dass die restliche Welt anders urteilte. Durch die Furcht vor dem sich ausbreitenden Kommunismus war die argentinische Führungsriege von der Idee besessen, aufgenommene Nazis als Antikommunisten zu «reimportieren». Die Schweiz wollte die rund 9.000 Flüchtlinge, etwa die Hälfte davon waren Juden, loswerden. Argentinien erklärte sich zur Aufnahme auch jüdischer Flüchtlinge bereit - dagegen ließ die Schweiz NS-Angehörige unbehelligt ziehen. Auch der Vatikan setze sich aus einem simplen Grund ein: Zahlreiche belgische, französische und vor allem kroatische Faschisten waren Katholiken. So konnte sich der größte Teil der Ustascha-Führung nach Südamerika absetzen, deren Kopf Ante Pavelic in Buenos Aires sogar eine Exilregierung ausrief. Weder Peronismus noch Antiperonismus habe ihn zu seinem Rattenlinien-Werk motiviert, und eigentlich auch kein Interesse am Nationalsozialismus, sagt der Historiker. Ihm geht es darum, Wahrheiten aufzudecken, über die ein jahrelanger Mantel des Schweigens gebreitet war. 1975 war der in Washington geborene Spross einer argentinischen Diplomatenfamilie als 22-Jähriger erstmals in das Heimatland seiner Eltern gekommen. In diesem Jahr feierte Peron eine triumphale Rückkehr ins Präsidentenamt - der Anfang einer Militärdiktatur, die noch blutrünstiger werden sollte als die vorhergehenden. Tausende Regimegegner verschwanden ungesehen, doch man berauschte sich an der Fassade des wirtschaftlichen Erfolgs. Niemand habe aufbegehrt, so Goni, der damals über Menschenrechtsverletzungen für namhafte englischsprachige Zeitungen aus Argentinien berichtete. Genauso hätten die Argentinier von den Nazi-Exilanten in ihren Nachbarschaften gewusst, doch auch dagegen nicht aufbegehrt. Dies sei nur in einer mit Lügen infiltrierten Gesellschaft möglich gewesen, sagt der Autor. In Argentinien ist er selbst in Akademikerkreisen auf Widerstand getroffen. Ex-Präsident Peron und besonders sein erste Gattin Evita gelten Vielen als unantastbare Nationalikonen. In Italien verhinderte der als Kriegsverbrecher verurteilte Erich Priebke mit einem Prozess das Erscheinen des Buches. Bei Präsentation des Buches in Berlin musste Goni, der sich auf britische und US-amerikanische Archive stützt, den Vorwurf dünner Archivrecherche gefallen lassen. Mit der am Schwarzen Meer gelegenen Stadt Odessa hat das Buch unterdessen nichts zu tun. Uki Goni wählte den Titel in einer Anlehnung an von Frederick Forsyth Roman «Die Akte Odessa». OdeSSA steht für «Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen», einem Netzwerk ehemaliger SS-Angehöriger, die sich mithilfe alter Seilschaften nach Südamerika und Ägypten abgesetzt hatten und nunmehr aus dem Untergrund gegen Israel agierten. Information: Uki Goni, Odessa. Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher, Assoziation A, 2006, 22 Euro
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