Zweimal ein halbes Jahr

Über den Umgang mit Initiativen der Mitglieder im Posteingangsfach des Zentralrates der Juden in Deutschland

Natürlich bekommen Präsidenten eine Menge Post. Dass in den seltensten Fällen das Oberhaupt selbst antwortet, kann man im Falle von Staatspräsidenten zuweilen sogar nachvollziehen. Um so mehr freut es, wenn der Präsident des Staates Israel, Schimon Peres, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, herzlich für einen Abend in der Hauptstadtgemeinde dankt.

 

Doch dass die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland die Post ihrer Mitglieder zum wiederholten Male liegen lässt oder einem Adlatus zur Beantwortung weiterreicht, verärgert mich schon sehr. Dabei ist nicht von Einzelpersonen die Rede, sondern von großen Gruppen Juden dieses Landes.

 

Das Schreiben an Frau Knobloch.

In unserer Februar-Ausgabe mussten wir von einem ausführlichen Brief an Charlotte Knobloch berichten, in dem es um dringende Rentenfragen ging. Ich kam dabei nicht umhin, den Beantworter dieses Briefes, Zentralrats-Generalsekretär Kramer, zu kritisieren: Er ist mit keinem Wort auf die Vorschläge von 24 Gemeinden seiner Dachorganisation eingegangen, sondern hat völlig «an den Mitgliedern vorbei» - so der Titel unserer Story - Bekanntes wiederholt und ohnehin starre Zuständigkeiten noch weiter vorgeschoben.

 

Ein wenig hatten wir gehofft, dass nach diesem Beitrag Briefe im Zentralrat anders bearbeitet würden. Doch seit November 2009 liegt auf meinem Schreibtisch die Kopie eines Briefes an Frau Knobloch, der sich mit Strukturfragen befasst. Das «Forum für die Zukunft des Judentums in Deutschland» e.V. verweist darin auf seien Zehn-Punkte-Plan, der sich unter anderem mit der «Verantwortungslosigkeit von Gemeindevorständen bezüglich der Verschleuderung von  Mitteln» beschäftigt. Auch für uns ist diese Problematik schon lange Thema und unsere Berichterstattung hat, so hoffen wir zumindest, ein wenig zu konkreten Ergebnissen beigetragen: Gemeindevorstände aus Bielefeld stehen inzwischen vor Gericht, ein Berliner Vorstandsmitglied musste gehen, der Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Rheinland-Pfalz kommt wohl alsbald ins Schleudern, wenn er Gemeinden wie Speyer, Ludwigshafen oder Kaiserslautern weiterhin finanziell unter den Tisch fallen lässt.

 

In einem zweiten Punkt schlagen die Mitglieder des Forums Maßnahmen vor, die der «erniedrigenden Lage der Rabbiner» entgegenwirken sollen. Auch wenn ich in dieser Frage dem «Forum» nur sehr bedingt Recht gebe - immerhin gibt es in diesem Lande auch selbstherrliche Rabbiner, die sich in ihren Gemeinden nicht nur als religiöse Autoritäten verstehen, sondern zugleich wirtschaftliche Machtpositionen ausgebaut haben, die einem den letzten koscheren Bissen im Halse stecken bleiben lassen oder die sich zu Gralshütern in Architekturfragen aufschwingen, die Synagogenbauten eher verhindern, als ermöglichen. Dennoch: Die Beantwortung der Frage nach der Rolle der Rabbinerinnen und Rabbiner in der modernen deutschen jüdischen Gemeinschaft ist eine viel zu kompromissbereite, um nicht zu sagen unreflektierte - zumindest scheint es mir für den Zentralrat so zu sein.

 

Ein dritter Aspekt aus dem Zehn-Punkte-Programm des Forums befasst sich mit der «Begrenzung der Amtszeit von Mitgliedern der Gemeindevorstände auf zwei Legislaturperioden». Auf der politischen Bühne ist das üblich, in so manchen Gemeinden jedoch könnte man meinen, hier amtierten die Vorstände schon zwei Jahrzehnte.

 

Wieder einmal haben sich Menschen ernsthaft Gedanken gemacht. Es gehört viel an Enttäuschung einerseits, aber auch an Mut zum Aufbruch andererseits dazu, sich hinzusetzen, Probleme zu benennen, auf Wesentliches einzugrenzen und schließlich im Konsens aller Initiativmitglieder auch zu formulieren. Doch inzwischen liegt das Schreiben des Forums ein halbes Jahr auf dem Tisch - vom Zentralrat unbeantwortet. Nun will ich der scheidenden Präsidentin und ihrem Stab nicht unterstellen, ihre Hausaufgaben als gewählte Vertreter derjenigen Juden nicht gemacht zu haben, die sich mit solchen Zeilen an sie wenden. Doch ohne Zweifel würde es Charlotte Knobloch und der Glaubwürdigkeit ihrer Politik sehr gut zu Gesicht stehen, ihren präsidialen Schreibtisch aufzuräumen, bevor sie ihn übergibt. Sie hat dafür noch ungefähr genau so viel Zeit, wie der Brief des Forums schon auf demselben liegt.

 Walter Soltau

«Jüdische Zeitung», April 2010