Gott in einer Welt auf Papier

Eine Begegnung mit der israelischen Schriftstellerin Mira Magén auf der Leipziger Buchmesse

Sie liest leise und zurückhaltend einen Satz auf Hebräisch, dann lehnt sich Mira Magén zurück und lauscht hinter einer großen Sonnenbrille versteckt der deutschen Übersetzung ihres Werks. Eine Schauspielerin trägt diese vor und hat dabei fast ebenso große Mühe gegen die feuchte Hitze und den Lärm in der Glashalle der Leipziger Messe anzukommen wie Mira Magén selbst. Nur eine Handvoll Zuhörer hat sich auf den Papphockern vor dem Stand versammelt. Nachdenklicher und ruhiger Sprache fällt es nicht leicht, gegen die literarischen Marktschreier der Buchmesse zu bestehen.

 

Einen Tag später sitzt Mira Magén in einem winzigen Raum im Innern des Standes ihres Verlages. Ihre Sonnenbrille hat sie abgenommen, leise spricht sie auch jetzt. Die israelische Schriftstellerin scheint dabei wie eine Verkörperung ihrer eigenen Literatur: Nachdenklich und tiefsinnig; laute, schrille Töne sind ihre Sache nicht. Deshalb ist sie in Deutschland noch immer recht unbekannt, obwohl ihre Bücher von Beginn an auf wohlmeinende Kritiken stießen und respektable Verkaufszahlen aufwiesen. «Die Zeit wird es zeigen» heißt ihr neuer Roman. Auch ein solcher Titel ist kaum dazu angetan, die Aufmerksamkeit eines nach Skandalen gierenden Marktes auf sich zu ziehen.

 

«Wissen Sie», sagt Mira Magén, «das Verhältnis von Gott und den Menschen ist das Thema meines Lebens.» Wie ihre früheren Werke handelt auch ihr jüngster Roman von der Auseinandersetzung mit Gott. Haben wir einen freien Willen? Können wir frei entscheiden, was wir tun, oder ist alles vorherbestimmt? Sie wisse es nicht, schiebt Mira Magén solchen Fragen fast flüsternd hinterher. Nun hat sie ihren Blickwinkel auf Kinder und Behinderte erweitert .Anna, die Protagonistin des Romans, ist von Geburt an behindert. Und sie trägt Schuld daran, dass sich ihr kleiner Bruder Tom eine schwere Kopfverletzung zuzog. Womöglich wird er sein Leben lang beeinträchtigt sein. Anna erzählt niemandem davon. Wie gehen Kinder mit Schuld um? Tragen sie Verantwortung? «Ich habe viele Zweifel und viele Fragen. Eine Geschichte zu entwickeln ist mein Weg, diese Konflikte zu organisieren», sagt Mira Magén.

 

Die israelische Autorin Mira Magén.

Foto: Thomas Zimbauer

In den knappen biografischen Angaben zu ihrer Person heißt es stets etwas verhüllend, Mira Magén sei «Anfang der fünfziger Jahre in Kfar Saba» geboren. Die Stadt, wenige Kilometer nordöstlich von Tel Aviv gelegen, gibt den Hinweis auf ihr orthodoxes Familienumfeld. «Ich wurde dazu erzogen zu akzeptieren, dass wir nicht verstehen, was mit uns passiert». Sie hat sich aus diesem Umfeld befreit, wenngleich auch nicht radikal mit ihm gebrochen. In ihrem schriftstellerischen Werk setzt sich Mira Magén damit auseinander. Annas Tante etwa lebt nach orthodoxen Vorschriften. Natürlich akzeptiere sie, dass Menschen eine begrenzte Intelligenz haben. Dennoch beharrt sie ebenso darauf, dass Menschen rational handeln. Es ist kein jüdischer Gott, mit dem Mira Magén ihre Figuren in Dialog setzt. Menschen hätten, so sagt Mira Magén, universell das Bedürfnis nach einer spirituellen Ebene über ihnen.

 

«Wenn Gott einen Gott hätte, hätte er ihn zur Ordnung gerufen», heißt es im Roman angesichts einer Fehlgeburt. Immer wieder stellt sie in ihren Romanen die Frage nach dem Schicksal. Im wirklichen Leben gebe es keine Möglichkeit, dieses zu ändern. Wenn sie aber am Schreibtisch sitze und ihre literarischen Figuren erschaffe, sei sie für diese Gott. «Ich entscheide über das Maß an Traurigkeit und Glück, das ihnen widerfährt.» Manchmal höre sie, wie ihre Figuren darum bitten, dass ihnen nichts Grausames widerfährt. Dann denke sie nach, wäge ab. Manchmal höre sie darauf, manchmal nicht. Nie vergesse sie dabei, dass die Figuren nicht wirklich existieren, dass sie aus Papier, Worten und nur in Gedanken bestehen.

 

Wer das Schicksal der Menschen tatsächlich bestimme, wisse sie nicht, auch nicht, ob es zufällig sei oder von jemandem geplant werde. Die Menschen seien dabei nicht für ihr Schicksal verantwortlich, sagt Mira Magén nachdenklich. «Sie sind aber dafür verantwortlich, dass ihr Leben einen Sinn erhält.» In der Abenddämmerung jedes Tages sage sie zu sich selbst: «Jetzt habe ich wieder einen Tag weniger.» Dann stellt sie sich stets die Frage: Was hat diesen Tag ausgemacht? Oft genug falle ihr dann nur Smalltalk und Shopping ein. Die Gefahr, Zeit zu verschwenden sei groß. Nur als sie als Krankenschwester gearbeitet hat, konnte sie sich in den Abendstunden stets sagen: Heute hast du deine Existenz gerechtfertigt.

 

Ein anderer Aspekt des Romans ist, wie das orthodoxe Judentum mit behinderten Menschen umgeht. Oft gilt streng religiösen Juden eine Behinderung als Strafe Gottes. Mira Magén wendet sich entschieden gegen eine solche Auffassung. Vielleicht suche sich Gott nur die Menschen aus, die stark genug sind, mehr Leid als andere zu ertragen. Das sei natürlich nur eine mögliche Antwort, fügt sie leise hinzu. Einmal habe sie vor ultraorthodoxen Frauen einen Vortrag über Behinderungen gehalten. Eine Mutter habe ihr danach sehr dafür gedankt, da sie selbst nie gewagt habe, Gott solche Fragen zu stellen.

 

Welche Rolle spielt Gott im heutigen Israel? Das hänge von der jeweiligen Bevölkerungsgruppe ab, befindet die Schriftstellerin. Die Extremen auf der rechten Seite sagten: «Gott gab uns dieses Land». Und die Säkularen sagen: «Es war unseres, aber wie müssen es mit anderen teilen, weil auch sie hier leben.» Und dann gebe es noch die Ultraorthodoxen, für die der Staat keine Rolle spielt. «Es gibt viele verschiedene Arten von Beziehungen zu Gott in Israel».

 

Im Hintergrund ist «Die Zeit wird es zeigen» also ein politisches Buch. Das heutige Israel sei immer noch auf dem Weg, eine Nation zu werden, sagt Mira Magén. Immer wieder kämen neue Einwanderer, zuletzt die äthiopischen Juden. Auch sie spielen eine Rolle im Roman. Jeder Einwanderer sei zunächst einmal Außenseiter. «Wir haben Kämpfe nach außen zu bestreiten, und wir haben Kämpfe nach innen zu bestreiten.» Sie sorgt sich mehr um die Kämpfe im Innern. Gegen religiöse und andere Extremisten etwa, auch die Siedler. In Nebensätzen bedient sich die Autorin einer deutlichen Sprache, wenn sie etwa von der «militärischen Verpflichtung der Gebärmutter» spricht und damit den familienpolitischen Kampf gegen die demografische Entwicklung meint, in der die jüdische Bevölkerung Israels einen immer kleineren Teil ausmacht. Scheinbar beiläufig berichtet sie auch über den Umgang mit den Arabern im Land. Annas Eltern dagegen sind weltliche Menschen, führen eine «offene Ehe», sind also ein Gegenbild zur Orthodoxie. Die israelische Gesellschaft sei eine in viele Gruppen zersplitterte, sagt die Schriftstellerin. Dass ihr Roman dies in allen Facetten aufzeigt, macht ihn zu einem großen Werk. Wie es mit dem Land weitergeht? Mira Magén weiß es nicht. Auch das wird die Zeit zeigen.

 

Mira Magén: Die Zeit wird es zeigen. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, München: Deutscher Taschenbuchverlag 2010. 396 Seiten, 14,90 Euro.

 

                                                                                                   Moritz Reininghaus

«Jüdische Zeitung», April 2010