Auf fremden Inseln

Das jüdische Museum Berlin ehrt die Schriftstellerin Nelly Sachs mit einer Ausstellung

 

«Hier in Schweden ist es schön soweit es dies auf Erden für uns heute noch sein kann.» Im November 1946 schrieb die 55-jährige Nelly Sachs aus dem eigenen Exil an den in New York lebenden Schriftstellerkollegen Kurt Pinthus und erkundigte sich nach dem Schicksal gemeinsamer Bekannter: «Wo sind die anderen geblieben?». Es waren Menschen wie der Journalist Leo Hirsch, der als Literaturredakteur die noch junge Dichterin nachhaltig gefördert hatte, von denen Sachs nach dem Ende des «Dritten Reichs» wissen wollte, ob sie noch lebten und, wenn ja, wo. Der Brief gibt zugleich einen Einblick in ihre Gefühlswelt der Schriftstellerin: «Einsam ist es überall. Der deutschen Sprache einmal anheimgegangen, ist es hier wirklich wie auf einer fremden Insel.» Das Bild der Insel, der abgeschlossenen Lebenswelt, wird von der Wanderausstellung «Flucht und Verwandlung», die nun zunächst im Jüdischen Museum Berlin zu sehen ist, aufgegriffen. Sachs' Leben wird in neun solcher Inseln dargestellt. Manche, die der bürgerlich behüteten Kindheit und Jugend etwa, können betreten werden, andere, wie die der späteren psychischen Erkrankung und zunehmenden Isolierung von der Außenwelt, kann man nur durch Gucklöcher von außen betrachten.

 

Nelly Sachs`Wohnung in Stockholm, Bergsundsstrand, 1970 c Kungl. bibliotheket, Stockholm. Foto: Harry Jävs

Geboren wurde Leonie, genannt Nelly, Sachs am 10. Dezember 1891 als Tochter einer assimilierten deutsch-jüdischen Familie in Berlin-Tiergarten. Ihr Vater Georg William Sachs war Erfinder und Ingenieur. Das elterliche Unternehmen florierte, die Familie lebte ohne finanzielle Sorgen. «Im Paradies-Gärtlein» haben die Ausstellungsmacher diese Insel daher genannt. Die zweite Station heißt «Der große Anonyme» und behandelt Sachs' Begegnung mit einem Mann während eines Kuraufenthalts. Der Name des Mannes ist nicht bekannt, die Liebe der knapp siebzehnjährigen Nelly wurde von ihm offenbar nicht erwidert. Darauf verweigerte sie die Nahrungsaufnahme, musste sich in ärztliche Obhut begeben. Zwei Jahre lang wurde sie in einem Sanatorium von Richard Cassirer, dem Bruder des Philosophen Ernst, behandelt. Er war es, der Nelly Sachs nach der Lektüre erster Gedichte zum Schreiben ermutigte, als therapeutische Maßnahme sozusagen. Immerhin ganze 32 Jahre lang verfasste Sachs zahlreiche Werke, die allerdings in der nun zeitgleich erscheinenden Werkausgabe fehlen. Diese wird vom Kurator der Ausstellung, Aris Fioretos, herausgegeben und setzt mit dem Jahr 1940 ein, was zugleich eine Einschätzung von Sachs' Werk vor der Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland ist. Zuvor war es Nelly Sachs dank der Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbundes gelungen, erste ernstzunehmende Erfolge als Dichterin zu erzielen.

 

1940 gelang ihr gemeinsam mit ihrer Mutter gerade noch die Flucht aus Berlin, mit einem der letzten Passagierflugzeuge kamen Mutter und Tochter - durch die Vermittlung der Schriftstellerin Selma Lagerlöf - nach Schweden. «Im Friedensschweden» heißt die entsprechende Insel. Sie bildet das Zentrum der Ausstellung und ermöglicht den Ausgang nach beiden Seiten. Hier ist der Wendepunkt im Leben und Werk der Nelly Sachs zu finden. Unter beengten Verhältnissen lebten Mutter und Tochter hier erneut zusammen. Gleichsam einer Antwort auf das noch nicht formulierte Verdikt Adornos über «Gedichte nach Auschwitz», war es eben diese aus der Ferne miterlebte Vernichtung des europäischen Judentums, die Nelly Sachs zu der Sprache führte, für die sie dann 1966 als erste deutschsprachige Dichterin mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet werden sollte.

 

Bereits 1947 erschien im Ostberliner Aufbau Verlag ihr Gedichtband «In den Wohnungen des Todes». Es war das erste deutschsprachige lyrische Werk, das sich ausdrücklich und allein mit der Schoa auseinandersetzte. Die Empathie, mit der sich Sachs in das Leiden der verfolgten Juden einfühlte, stieß bisweilen auf Misstrauen, teilweise auch auf Ablehnung. Davon zeugt auch das nicht einfache Verhältnis zu Paul Celan. Beide verband ein reger Kontakt, auch Besuche standen an, auch wenn die Ausstellungsmacher jetzt aufgedeckt haben, dass Celan nicht allein der Dichterin wegen gern nach Schweden kam. Sie diente ihm geradezu als Vorwand, das Land aufzusuchen, der wahre Grund scheint vielmehr seine Affäre mit einer angeblich bildhübschen schwedischen Regisseurin gewesen zu sein. Dokumentiert ist das schwierige Verhältnis der beiden Lyriker in einem umfangreichen Briefwechsel.

 

Zu dieser Zeit war Nelly Sachs bereits schwer psychisch krank, fühlte sich massiv verfolgt, von Nazis, die es auch in Schweden gab. Zudem fürchtete sie, dass man sich für die Entführung Adolf Eichmanns an ihr rächen könnte. Deutschen Boden betrat sie nur ungern, bis zuletzt weigerte sie sich, hier zu übernachten. Ihr literarischer Ruhm nahm dennoch rasch zu. Ihre Gedichte waren beliebter als die schwerer zugänglichen Paul Celans. Nun zog sie sich immer mehr in ihr Ein-Zimmer-Apartment zurück und schrieb. Die Ausstellung zeigt auch diesen Raum, betreten werden kann er nicht, nur von außen eingesehen werden. Nelly Sachs duldete nunmehr - neben ihren Ärzten - allenfalls ihren «Schwesternkreis» um sich. Auch Menschen wie ihr «Bruder Paul», wie sich Paul Celan mitunter nannte, fanden kaum noch Zugang zu ihr. Am 12. Mai 1970, an dem Tag, an dem Paul Celan in Paris zu Grabe getragen wurde, starb Nelly Sachs in Stockholm.

 

Ausstellung: Flucht und Verwandlung. Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin/Stockholm, bis 27. Juni 2010 im Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin. Öffnungszeiten: Montag: 10-22 Uhr; Dienstag-Sonntag: 10-20 Uhr. Katalog: Flucht und Verwandlung - Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin/Stockholm. Ein Katalogbuch von Aris Fioretos. Suhrkamp 2010, 300 Seiten, 29,90 Euro. 

                                                                                                  

                                                                                                   Moritz Reininghaus

«Jüdische Zeitung», April 2010