Felix Salten Foto: NFS/LWA

Bambis jüdischer Vater

Felix Salten: Schriftsteller, Journalist, Exilant

Felix Salten ist wohl einer der bekanntesten und beliebtesten Autoren der Weltliteratur und zugleich ein in Vergessenheit geratenes literarisches Multitalent. Jedes Kind kennt Bambi, das 1923 von Salten geschaffene sprechende Reh, das für Walt Disney zum Kassenschlager geworden ist, und auch seine pornographische Lebensgeschichte der Josefine Mutzenbacher, 1906 anonym erschienen, ist zum Millionenseller geworden. Zwischen diesen beiden Polen, zwischen Bambi und der Mutzenbacherin, verliert sich aber das Leben und vielfältige Werk von Felix Salten, der 1869 in Budapest als Siegmund Salzmann geboren wurde und 1945 im Schweizer Exil starb. Doch Salten, so sein Wiener Pseudonym, konnte mehr. Er war eine der vielschichtigsten Persönlichkeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Als Theater- und Filmkritiker der «Neuen Freien Presse», als Drehbuchautor, Kabarett-Unternehmer, Operetten-Librettist, Reiseschriftsteller, Kinderbuchautor, Präsident des österreichischen PEN-Klubs, Kunstkritiker und Übersetzer gestaltete er die Kultur seiner Zeit entscheidend mit. Es ist den beiden Kuratoren Siegfried Mattl und Werner Michael Schwarz zu danken, dass das Jüdische Museum Wien jetzt auch diese vergessenen Seiten des Literaten, der 1939 ins Schweizer Exil gezwungen wurde, in einer Sonderausstellung in Erinnerung ruft.

«Felix Salten ist nicht tot», sagte seine Enkelin und Nachlassverwalterin Lea Wyler bei der Ausstellungseröffnung im Dezember. «Er hat für mich immer gelebt, und ich wünsche mir und Ihnen, dass er durch diese herrliche Ausstellung auch für sie weiterlebt. Und ich wünsche mir, dass Sie seine Werke wieder zur Hand nehmen und sich in seine Welt, die zum Teil noch immer unsere ist - hineinfühlen und sich von ihm begeistern lassen.» Zu den weniger bekannten Seiten Saltens gehört auch sein Judentum. «Felix Salten bekannte sich wie kaum ein anderer der jungen Schriftsteller zu seiner jüdischen Herkunft. Er wurde Mitarbeiter von Theodor Herzls ‚Welt' und engagierte sich zeitlebens in den Debatten um den Zionismus. Von den Nationalsozialisten ins Schweizer Exil gezwungen, stellte er sich nochmals den Fragen der universalen Bedeutung der jüdischen Tradition, die er in den politisch-humanistischen und künstlerischen Überlieferungen aufsuchte», fasste Museumsdirektor Karl Albrecht Weinberger bei der Vernissage zusammen. «Moses und David, Karl Marx und Heinrich Heine bildeten die Brücken.»

Wegen Erfolgs vergessen?
Lebenslange Freundschaften mit Arthur Schnitzler und anderen Persönlichkeiten, die ihre Wurzeln im literarischen «Jung-Wien» hatten, und eine ebensolche Feindschaft mit dem von ihm geohrfeigten Karl Kraus prägten seine künstlerische und intellektuelle Biografie. Als Journalist war Felix Salten ein scharfsichtiger Beobachter seiner Zeit, kritischer Kommentator und als Autor unglaublich vielseitig. Eine besonders eindrucksvolle Genrestudie gelang ihm mit dem Essay über den Wiener Prater, der mit Fotografien des heute weitgehend vergessenen Emil Mayer illustriert, ein Gesellschaftsbild der 20-er Jahre des 20. Jahrhunderts darstellt, das auch für den heutigen Betrachter von besonderer Vielschichtigkeit ist. Mit Schnitzler teilte er sich einige Zeit den Verdacht, anonymer Autor des pornografischen Romans «Josefine Mutzenbacher» zu sein, des einzigen deutschsprachigen Klassikers dieses Genres - bis ihm die Urheberschaft allein zugeschrieben wurde. Saltens weit gestreute Tätigkeit sowie die anhaltende Popularität einzelner seiner Werke, mitunter ohne Wissen um ihn als Autor, stehen in erstaunlichem Gegensatz zur geringen öffentlichen Kenntnis seines Lebens. Dies überrascht umso mehr, als Leben und Gesamtwerk Felix Saltens sich doch auf besondere und exemplarische Weise mit den großen Themen der österreichischen und jüdischen Geschichte verknüpfen, also mit der Frage der jüdischen Identität zwischen liberaler Assimilation, kultureller Modernisierung und Zionismus. Und es gibt auch unvermutete Bezüge nach Berlin: Nachdem er dank seiner freundschaftlichen Beziehungen zum rebellischen Erzherzog Leopold Ferdinand mit Exklusiv-Interviews zu Skandalen im hocharistokratischen Milieu zum Starreporter aufgestiegen war, wurde Salten 1906 Chefredakteur der Ullstein-Blätter «Berliner Zeitung» und «Morgenpost»; er nahm in dieser Eigenschaft auch einer deutschen politischen Delegation teil, die in London mit Churchill und Lloyd George die deutsch-britische Friedenspolitik erörterte, verließ den Ullstein-Konzern aber schon nach wenigen Monaten im Streit.

«Jedes Kind kennt Bambi, doch nicht sehr viele, ob klein oder groß, wissen viel über Felix Salten. Es scheint beinahe, er ist vergessen nicht trotz, sondern eher wegen seines Erfolges», resümiert der Schriftsteller Doron Rabinovici im Ausstellungskatalog. Die Wiener Ausstellung präsentiert sich als biografisch orientierte Schau und befasst sich in Längsschnitten mit Themenkreisen wie Erotik, urbane Kultur, Zionismus oder Physiognomie als Erkenntnis. Illustriert wird diese Dokumentation durch Privatfotos, Aufnahmen aus Salten-Verfilmungen, Briefe sowie Gemälde, Kostüme und Plakate. Dank vieler Leihgaben aus dem Zürcher Nachlass werden dabei auch weniger bekannte Details aus dem Leben von Felix Salten zu Tage gefördert.

Hartmut Bomhoff

Information:

«Felix Salten. Schriftsteller - Journalist - Exilant» ist bis zum 18. März 2007 im Jüdischen Museum Wien (1010 Wien, Dorotheergasse 11) zu sehen. Das Museum ist von Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr geöffnet .

Details unter www.jmw.at

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2007