Die Orthodoxen-WG

Junge Männer auf jüdischer Indentitätsfindung am Tora-Kolleg. Eine Ortsbegehung

Ich bin zu Besuch im «Wohnheim» des Tora-Kollegs in Berlin. Allerdings trifft es das Wort «Wohnheim» nicht ganz. Die Studenten, die am Tora-Kolleg lernen, bewohnen nämlich eine geräumige Wohnung in einem Altbau in der Wilmersdorfer Straße. Von außen wirkt das Gebäude recht unscheinbar und ich bin überrascht, dass keine Sicherheitsleute vor dem Eingang stehen - ein Anblick, an den man sich in Deutschland inzwischen gewöhnt hat, wenn es um jüdische Einrichtungen geht. An der Tür empfängt mich Leonid Fuchs, einer der neun Studenten, mit einem freundlichen, aber zunächst noch etwas zurückhaltenden Lächeln. «Leider ist es heute nicht so ordentlich hier. Am Freitag vor dem Schabbat ist aber alles sauber», entschuldigt sich Fuchs.

 

Ich schaue mich um, für meine Begriffe sieht es in der «Männer-WG» ziemlich ordentlich aus. Als ich einen Blick in eines der Mehrbettzimmer erhasche, kann ich zwar verstreute Kleidungsstücke und Schreibutensilien erkennen, die über den Fußboden verteilt sind, aber die Gemeinschaftsräume wirken aufgeräumt und nur spartanisch möbliert. Im großen Gemeinschaftsraum befinden sich ein Holztisch und mehrere weiße Stühle, die eher nach Gartenmöbeln aussehen. In einer Ecke steht ein Bügelbrett und ein Fitnessgerät, in der anderen Ecke ein Buchregal mit Judaica. An einer der Wände hängen mehrere Gemälde, auf denen führenden Persönlichkeiten der Chabad-Lubawitsch-Bewegung abgebildet sind, allen voran und in Großdarstellung, der als spirituelles Oberhaupt verehrte Rabbiner Josef Jitzchak Schneerson.

 

Zweigleisige Integration

 

Anleitung: die russisch-jüdischen Studenten am Tora-Kolleg (linke Reihe) werden auch von Rabbinerstudenten der orthodoxen Chabad-Lubawitscher (rechts) unterrichtet. Foto: Tora-Kolleg

Das Tora-Kolleg ist ein jüdisches Bildungsprogramm der Lubawitsch-Bewegung, das 2008 gegründet wurde. Die Initiatoren des Tora-Kollegs wollen es jungen Männern im Alter von 16 bis 24 Jahren ermöglichen, einerseits ihre jüdische Identität zu entdecken und mehr über das Judentum zu erfahren. Andererseits haben sie in Berlin die Chance, ihren Schulabschluss an einer säkularen Schule zu machen und dadurch auch ihre Integration in die deutsche Gesellschaft weiter voranzutreiben. Dieser Aspekt ist besonders wichtig, da die Studenten in der Regel aus Osteuropa stammen und erst in den 1990er Jahren mit ihren Familien nach Deutschland gekommen sind. Derzeit lernen am Tora-Kolleg neun Studenten, die unter anderem aus Hannover, Osnabrück, Augsburg, Leipzig und Rostock kommen. Zwar ist das Studium am Tora-Kolleg kostenpflichtig, doch haben fast alle Studenten ein Stipendium, die meisten kommen aus sozial schwachen Familien.

 

Leonid Fuchs ist seit drei Monaten am Tora-Kolleg in Berlin und lebt in einer Wohngemeinschaft mit den anderen Studenten, die sich zu zweit oder zu dritt ihre Mehrbettzimmer teilen. Leonid stammt aus der Ukraine, vor 8 Jahren zog er mit seiner Familie nach Augsburg. Er begann, sich für die jüdische Religion zu interessieren und engagierte sich für das Jugendzentrum der liberalen Gemeinde vor Ort. Als er einen Flyer des Tora-Kollegs in die Hände bekam, musste er nicht lange überlegen. Leonid bewarb sich um einen Studienplatz am Tora-Kolleg und wurde angenommen. In Berlin angekommen wurde ihm schnell klar, dass er sich gut organisieren muss, um alles zu schaffen. An Wochentagen besucht er vormittags das Lichtenberg-College, um auf dem 2. Bildungsweg sein Abitur nachzuholen. Seine Mitbewohner verbringen die Vormittage entweder auf der Jüdischen Oberschule oder auf einer anderen Schule, wo sie sich auf die Mittlere Reife oder das Abitur vorbereiten. Nach der Schule holt sich Leonid sein Mittagessen, das von einem jüdischen Restaurant geliefert wird, im Chabad-Zentrum in der Münsterschen Straße ab. Den Nachmittag kann er sich frei gestalten. «Wenn ich nicht gerade lerne, mache ich viel Sport. Ich gehe laufen und momentan teste ich verschiedene Kampfsportvereine in Berlin aus.»

 

Von «Nevi'im» bis Kabbala

 

Um 17 Uhr müssen sich alle Studenten im Chabad-Zentrum einfinden, zum Gebet und für den zweistündigen Unterricht. Gedalya Palamarchuk, der selbst aus der Ukraine stammt und am Tora-Kolleg für die Koordination der Bildungsprojekte zuständig ist, erzählt mir, dass es im Moment zwei Lerngruppen gibt. In der einen Gruppe unterrichtet ein Rabbiner die Studenten, die keinerlei Vorwissen über die jüdische Religion mitbringen, während in der zweiten Gruppe die Studenten miteinander lernen, die bereits über Grundkenntnisse verfügen. Der Unterricht wird nicht nur von Rabbinern gestaltet, die an Jeschiwot (Religionsschulen) in Israel oder den USA ausgebildet wurden, sondern auch von US-amerikanischen Rabbinerstudenten, im Rahmen eines Praktikums.

 

Zu den Studienfächern am Tora-Kolleg gehören die «Fünf Bücher Moses», «Nevi'im» (Prophetenbücher), «Ketuvim» (Schriften), der Talmud und die geheime Tora (Chassidut). Zudem können sich die Studenten für eines der beiden Wahlpflichtfächer «Einführung in die Kabbala» oder «Geschichte der Jüdischen Philosophie» entscheiden. Der Unterricht findet auf Hebräisch, Deutsch, Englisch und, in Ausnahmefällen, auf Russisch statt.

 

Wenn die Studenten das Chabad-Zentrum nach dem gemeinsamen Abendessen verlassen, ist es meist schon dunkel. Für Leonid ist der Tag dann aber noch lange nicht vorbei. Er arbeitet meist bis spät in die Nacht, für die Schule und auch für die Weiterbildung zum Speditionskaufmann. «So richtig entspannen und ausschlafen kann ich nur am Schabbat, das genieße ich sehr», sagt er.

 

Unorthodoxe Freizeitgestaltung: Leonid Fuchs (links) und ein Mitstudent. Foto: privat

Leonid fühlt sich wohl in der Wohngemeinschaft, auch wenn es natürlich nicht immer leicht sei, mit acht fremden Menschen zusammenzuleben. Da müsse man schon mal sein Ego zurückschrauben. Im Großen und Ganzen würde sich aber jeder an die «Hausordnung» halten, die unter anderem vorsieht, dass keiner der Studenten unkoscheres Essen mitbringt und dass bis spätestens 22 Uhr jeder von ihnen wieder in der Wohnung ist. Leonid, der mit seinen 21 Jahren schon zu den älteren Studenten im Tora-Kolleg gehört, übernimmt manchmal die Aufsicht in der Wohnung. Doch bisher musste er lediglich den einen oder anderen Streit zwischen seinen Mitbewohnern schlichten oder dafür sorgen, dass der Putzplan eingehalten wird.

 

Für Familienbesuche bleibt außerhalb der Ferien nicht viel Zeit. Manche Studenten fahren am Sonntag nach Hause. Diejenigen, die in Berlin bleiben, können an Ausflügen mit einem der Rabbiner teilnehmen. Eine willkommene Abwechslung für die Studenten, ganz gleich, ob es sich um eine Besichtigung des Fernsehturms handelt, um einen Spaziergang durch das Pergamon-Museum oder um einen Abstecher auf die Kegelbahn.

 

Bald auch für Mädchen?

 

Auch Rabbiner Yehuda Teichtal, der vielbeschäftigte Direktor des Tora-Kollegs, ist manchmal bei diesen Ausflügen dabei. Bevor ich meine erste Frage stellen kann, ergreift er das Wort und erzählt über die Entstehung des Tora-Kollegs. Mit donnernder Stimme verkündet er, dass er das jüdische Volk in der heutigen Zeit vor allem mit zwei Herausforderungen konfrontiert sieht: Zum Einen sei es bedroht durch den Antisemitismus, zum Zweiten stelle die Assimilation die größte Gefahr dar. Das Tora-Kolleg widmet sich daher der Aufgabe, jungen jüdischen Männern dabei zu helfen, sich selbst zu helfen. Sie sollen etwas über jüdische Traditionen und Kultur lernen und sie sollen auch ermutigt werden, sich um eine gute Ausbildung zu bemühen. Das Tora-Kolleg finanziert sich ebenso wie alle anderen Chabad-Institutionen ausschließlich durch Spenden, weshalb Rabbi Teichtal unermüdlich auf Spendersuche ist. Besonderen Wert legt er zudem auf die Zusammenarbeit mit mehreren jüdischen Gemeinden, in denen die Flyer vom Tora-Kolleg regelmäßig verteilt werden. Hin und wieder schickt er einige seiner Studenten in kleinere Gemeinden, um diese zu bestimmten hohen Feiertagen zu unterstützen. Dennoch erhält das Tora-Kolleg bisher keine finanzielle Unterstützung von Seiten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sollte sich die finanzielle Situation positiv entwickeln, wird es laut Teichtal bald auch ein Bildungsprogramm für Mädchen geben. Das Programm soll ganz ähnlich angelegt sein wie das Tora-Kolleg, nur eben mit frauenspezifischen Fächern, die sich um Bildung, Familie und Kindererziehung drehen - kaum verwunderlich angesichts der strikten Geschlechtertrennung, die von den Chabad-Lubawitschern propagiert wird.

 

Bevor ich mich von Leonid verabschiede, will ich von ihm noch wissen, ob er denn schon darüber nachdenkt, bald eine eigene Familie zu haben. Er wirkt einen Moment verlegen, überlegt kurz und antwortet dann: «Die Gründung einer Familie will ich noch etwas aufschieben. Ich möchte noch zwei Jahre warten, bevor ich heirate.» Mit ruhiger Stimme, in der eine tiefe Überzeugung durchklingt, fügt er hinzu: «Ich denke, dass ich noch viel mehr lernen muss im Tora-Kolleg, das ist wichtig, denn die Tora bildet das Fundament für die Familie.»

 

Stefanie Neumeister

«Jüdische Zeitung», April 2010