Ganz rein!

Das jüdische Museum Hohenems zeigt Ausstelungen zu Ritualbädern und betreibt das Internetradio "Radio Mikwe"

Anlässlich der Restaurierung der einzigen österreichischen Mikwe zeigt das Jüdische Museum Hohenems Einblicke in einen intimen Bereich jüdischen Lebens: Liebe, Sexualität und Geschlechterrollen zwischen religiöser Tradition und weltlicher Gegenwart.

 

In Architekturstudien zeigt der Frankfurter Fotograf Peter Seidel die Vielfalt der Bauformen jüdischer Ritualbäder in Europa. Fast zwanzig Jahre hat er in verschiedenen europäischen Städten Mikwen fotografiert. Da sie aufgrund ihres intimen Charakters meist im Verborgenen geblieben sind, werden die Bäder unterschiedlicher Epochen erstmalig in einer Fotoausstellung präsentiert.

 

Ebenso führen die US-amerikanischen Künstlerinnen Janice Rubin und Leah Lax ihre Arbeit vor. Beide haben sich jahrelang in Portraits, Interviews und Unterwasseraufnahmen mit dem Verhältnis jüdischer Frauen zur Mikwe beschäftigt. Dabei kommen amerikanische Frauen mit ganz unterschiedlicher religiöser Orientierung zu Wort: von der Orthodoxie bis zum New Age, Frauen aus europäisch geprägten, wie orientalisch jüdischen Familien. Deren Aussagen lässt das Museum jedoch nicht unkommentiert - sie stellt ihnen Zitate von Frauen aus Europa, den USA und Israel gegenüber, die zum Ritual der Mikwe auf Distanz gehen.

 

Radio Mikwe.

Doch das heimliche Highlight der Ausstellung ist ein Projekt abseits der klassischen Museumspädagogik: Für 365 Tage wird ein Internetradio gesendet. Jeden Tag von 9 bis 20 Uhr wird ein methodisch vielfältiges Programm zum immer gleichen, aber vielfältigen Thema durch das World Wide Web geschickt.

 

Schülerinnen berichteten beispielsweise aus der Hohenemser Innenstadt. Sie befragten Passanten nicht nur nach der Mikwe, sondern gestalteten eine eigene Umfrage über Sex und Wasser in den Religionen. Mit kindlicher Neugier entlockten sie den Mitmachenden erstaunliche Äußerungen zur eigenen Sexualität. Auf Abneigung trafen sie nicht. Auch junge Erwachsene versucht das Programm mit einzubeziehen, so berichtet «Radio Mikwe» über eine junge Jüdin aus Wien, die für das Bad vor der Hochzeit extra nach Israel fährt.

 

Das Besondere ist jedoch das Mitwirkender Besucher - besonders der Schüler und Jugendgruppen. Nach einem gemeinsamen Rundgang durch die Ausstellung können die Schülerinnen und Schüler zu ihren Lieblingsthemen ihre eigenen Reportagen recherchieren und produzieren. Die Reportagen werden später ins Netz gestellt und sind über die eigens eingerichtete Internetseite «www.radiomikwe.at» zuhören.

 

Die Ausstellungen «GANZ REIN! Jüdische Ritualbäder - Fotografien von Peter Seidel» und «Das Mikwen-Projekt - Fotografien von Janice Rubin und Texte von Leah Lax» sind bis 3. Oktober 2010 im Jüdischen Museum Hohenems, Villa Heimann-Rosenthal, Schweizer Straße 5, in Hohenems (Vorarlberg/Österreich) zu sehen. Mehr Informationen finden Sie unter: www.jm-hohenems.at.

 

JZ

«Jüdische Zeitung», April 2010