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Jedes «Rausgehen» aus Berlin ist ein sinnlich tiefes Erlebnis. Wie elektrische Schocks brennt es sich ins Gedächtnis: Straßen, Bäume, der Himmel, alles sieht aus wie in einem 3D-Computerspiel: Irreal, mit großartigen Texturen. Deswegen war ich von primitivster Freude erfüllt, als wir über die Dörfer und die ländlichen Perspektiven Brandenburgs fuhren, vorbei an Seen und Mooren. Ein Besuch in dem 1273 errichteten Kloster Chorin, das sich rot und erhaben entdecken lässt, ist unvergesslich. Ich schwöre, dass ich leise Schritte gehört habe, als ich durch die Gänge des alten Gemäuers ging, und den Kräutergeruch spürte.
An einer der Abzweigungen in den endlosen Alleen Brandenburgs sind wir rechts abgebogen und zum Serwester See gelangt. Dort haben wir den brandenburgischen Jack London getroffen. Er leitet einen Campingplatz und Bootsverleih und verkauft frische Fische. Man läuft hinter ihm her, auf einer Brücke zu einer, auf dem spiegelglatten Wasser förmlich schwebenden, Hütte. Im Boden der Hütte ist eine Falltür eingelassen. Wenn man sie anhebt, kann man sich einen der im Wasser wimmelnden Fische auswählen...
Apropos Fische. Als Tochter einer Nordafrikanerin bin ich natürlich ein großer Anhänger von Chraime, einem typischen Fischgericht der Juden von Casablanca bis Tripolis. Die Leute sagen, man müsse sich nach dem Verzehr von Chraime die Finger lecken. Es ist wirklich so. Aber Achtung: mit den Fingern nicht die Augen berühren! Die Soße ist nämlich sehr schhharf!
Und wie wird's zubereitet? Dafür braucht man fleischige Fische - Goldbrassen oder Zackenbarsche, Karpfen oder Hechte tun's aber auch.
Chraime à la Serwest
Zubereitung:
In einem großen Topf die Zwiebeln anbraten bis sie goldbraun sind. Die Paprikaschoten in dünne Streifen schneiden, zusammen mit den Knoblauchstückchen und der Hälfte der Gewürze hinzugeben und kurz vermischen. Dann das Tomatenmark, mit Wasser verdünnt, dazugießen und alles zum Kochen bringen. Den Fisch in 5 bis 6 Stücke schneiden, inklusive Kopf und Schwanz. In einer Höhe in den Topf legen und mit dem Tomatensaft und den restlichen Gewürzen bedecken.
Ca. 15 Minuten kochen. Zitronensaft überall hinzugeben, den Topf abdecken und weitere 5 Minuten Kochen lassen. Wichtig: Von Anfang bis Ende der Kochzeit sollten die Fische mit Flüssigkeiten bedeckt sein. Abschließend mit Weißbrot servieren. Et violà: Afrika in Europa. Im Schneefall sind wir vom Serwester See nach Berlin zurückgefahren. Der Heimweg war wie ein Film. Alle saßen ruhig und sinnierend in den Sitzen des Autos. Die Musik von Amir Lev schickte uns weit hinaus ins Gedankenuniversum. Lev singt, aber Singen wird bei ihm neu definiert, da er redet und redet. Wie ein urbaner Mönch. Nicht heilig, eher tibetisch. Levs gesprochene Sätze schaffen eine Melodie, hypnotisch und warm. Dank ihm weiß ich jetzt auch endlich, wo genau der Serwester See liegt: Es ist 25 mal 3:38 Minuten von Berlin entfernt. Das ist die Länge von Amir Levs Song «Kantina».
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