Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Der Kampf um den öffentlichen RaumTamara Or beschreibt die Probleme deutsch-jüdischer Zionistinnen in der von Männern dominierten zionistischen Bewegung des frühen 20. jahrhunderts
Es gibt unzählige Publikationen, die die Geschichte der zionistischen Bewegung aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln untersuchen. Was fehlt, insbesondere im Hinblick auf den deutschen Zionismus, ist eine Studie zur Rolle der Zionistinnnen. Diese Lücke will die Berliner Historikerin Tamara Or füllen, die sich im Rahmen ihrer Dissertation dieses Themas angenommen hat. Die von ihr zusammengetragenen wissenschaftlichen Ergebnisse kann man nun in dem Band «Vorkämpferinnen und Mütter des Zionismus. Die deutsch-zionistischen Frauenorganisationen (1897-1938)» nachlesen.
Tamara Or begründet ihre Studie über die Arbeit zionistischer Frauen in Deutschland damit, dass diese in der bisherigen Forschungsliteratur kaum Erwähnung finden und auch in den Memoiren führender Zionisten ist von ihnen kaum die Rede. Die Mehrzahl der Historiker gehe offensichtlich noch immer davon aus, dass die deutsch-zionistischen Frauen nur eine marginale Bedeutung für die Entwicklung des Zionismus hatten und dass sie sich freiwillig aus dem politischen Raum heraushielten, um sich stattdessen lieber der Wohltätigkeit zuzuwenden. Dieses von Rachel Adler als «vermännlichte Erinnerung» beschriebene Phänomen will Tamara Or anfechten. Dazu untersucht sie die zionistische Bewegung vor dem Hintergrund des Gender-Diskurses, das heißt, sie schließt in ihre historische Analyse die Kategorie des Geschlechts ein. Tamara Or hebt hervor, dass im Zentrum der Studie die «Erforschung der Bewegungsräume von Frauen, die durch die Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit definiert und begrenzt wurden» stehen. Das von ihr verwendete Quellenmaterial besteht im Wesentlichen aus Artikeln aus der zionistischen Presse sowie aus Briefen und Protokollen, die sie in den Zionistischen Archiven in Jerusalem zusammengetragen hat.
In sieben Kapiteln zeichnet Tamara Or die Geschichte von deutsch-zionistischen Frauenvereinigungen über einen Zeitraum von 40 Jahren nach, angefangen vom 1.Zionistenkongress, der 1897 in Basel stattfand, bis zur erzwungenen Auflösung der Zionistischen Organisation für Deutschland im Jahre 1938. Bereits während des 1.Zionistenkongresses hatte es kontroverse Debatten darüber gegeben, ob denn auch die anwesenden Frauen abstimmen dürften. Auf den Versuch von Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus, hin, die Frauen vom Stimmrecht auszuschließen, reagierten diese mit heftiger Empörung. Immerhin hatten sie, genau wie die Männer auch, eine Mitgliedskarte erworben. Daher ließen sie sich auch nicht davon abbringen, sich bei den Abstimmungen aktiv zu beteiligen. Noch im selben Jahr wurde eine Einigung darüber erzielt, dass in Zukunft jeder stimmberechtigt sein sollte, der den Jahresbeitrag, «Schekel», an die Zionistische Organisation gezahlt hatte.
Dass die formelle rechtliche Gleichstellung noch lange keine Partizipation bedeutete, wurde den Zionistinnen schon nach kurzer Zeit bewusst. Tamara Or stellt fest, dass die Führer der zionistischen Bewegung davon überzeugt waren, der politisch-öffentliche Raum sei den Männern vorbehalten, die Frauen dagegen sollten sich lediglich im sozialen Bereich betätigen. In dieser Haltung spiegelte sich nicht zuletzt die starke Verwurzelung der deutschen Zionisten in der deutsch-bürgerlichen Gesellschaft. Dem bürgerlichen Ideal entsprechend waren die Geschlechtersphären ganz klar voneinander getrennt.
Tamara Or vertritt die These, dass sich im deutschen Zionismus zwei Konzepte von Nation gegenüberstanden: Die Zionisten betrachteten das jüdische Volk als schwach und feminin. Durch die Nationenbildung sollte es sich wieder in eine «männliche» Nation entwickeln, deren Träger der «wehrhafte Mann» war. Demzufolge betrachteten sie den politischen Raum als ein ausschließlich männliches Territorium, wohingegen die Frau in erster Linie als Mutter und Erhalterin der Nation idealisiert wurde. Die Zionistinnen vertraten eine ganz andere Auffassung: Für sie war die Gleichberechtigung der Geschlechter ein essentielles Merkmal der nationalen Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes. Indem sie sich auf die jüdische Vergangenheit beriefen und auf starke Frauen aus der Bibel wie beispielsweise wie Esther und Judith, forderten sie auch in der Gegenwart die gleichen Rechte für sich ein, wie sie auch die Männer besaßen. In ihren Augen war der Zionismus eine Freiheitsbewegung in zweifacher Hinsicht. Die deutsche Zionistin Bas Ami brachte es 1903 auf den Punkt: «Die soziale Lage der Frau ist ihrer nationalen unterworfen, da es sich um einen Teil innerhalb des ganzen Volkes handelt. Darum kann der Kampf für die weibliche Emanzipation nicht früher stattfinden, als bis die nationale Frage gelöst ist.»
Eigene Vereine gegen die Ungleichbehandlung
Der Kampf der Zionistinnen um Partizipation war kein leichter. Viele Steine wurden ihnen in den Weg gelegt. Wie Tamara Or in ihrer Studie zeigt, wurden nur wenige Frauen in die Vorstände der Ortsgruppen der Zionistischen Vereinigung gewählt und auf Landesebene war keine einzige Frau vertreten. Aufgrund dieser Ungleichbehandlung gründeten mehrere Zionistinnen außerhalb der Ortsgruppen eigene Vereine. Zu den drei wichtigsten Zusammenschlüssen zählen die Jüdisch-Nationalen Frauenvereinigungen, der Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina und der Jüdische Frauenbund für Turnen und Sport. All diese Vereine waren emanzipatorisch ausgerichtet, unterschieden sich jedoch in ihrer Programmatik.
Die Jüdisch-Nationalen Frauenvereinigungen konzentrierten sich in ihrer Arbeit auf die Ausbildung von politischen Rednerinnen und forderten, dass die «Rechte des Mannes» auch für alle Frauen gelten sollten. Der Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina setzte sich für die berufliche Gleichstellung der Frauen und Mädchen ein und errichtete am See Genezareth eine landwirtschaftlich ausgerichtete Mädchenschule, die Or als einen «Meilenstein der Frauenemanzipation im Jischuw» bezeichnet. Die körperliche Erziehung der jüdischen Frauen zu «Muskeljüdinnen» stand beim Jüdischen Frauenbund für Turnen und Sport im Mittelpunkt. Schließlich wollten auch die Zionistinnen ihren Beitrag zur «körperlichen Erneuerung» des jüdischen Volkes leisten und ihre «Wehrhaftigkeit» unter Beweis stellen. Der damit verbundene Angriff auf das Männlichkeitsbild stieß natürlich auf breite Kritik. Gegen alle Widerstände gelang es jedoch den zionistischen Frauen, immer weiter in den politisch-öffentlichen Raum vorzudringen, nicht zuletzt dank der umfangreichen Netzwerkbildung der Vereine untereinander.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges geriet der deutsche Zionismus, bedingt durch den starken Deutschnationalismus der deutschen Juden, zunehmend ins Hintertreffen. Die Zentrale der Zionistischen Weltorganisation wurde von Köln nach London verlagert, wo 1920 die Women‘s International Zionist Organisation (WIZO) gegründet wurde, in der auch einige deutsche Zionistinnen mitarbeiteten. Doch erst zehn Jahre später erkannte die Zionistische Weltorganisation die WIZO als beratende Körperschaft in Frauenangelegenheiten an. Dies war ein weiterer Fortschritt, der auch die deutschen Zionistinnen ermutigte, sich noch stärker für den politischen Zionismus zu engagieren. Bis 1938, dort endet die Geschichte der deutschen Zionistinnen.
Tamara Or hat einen lesenswerten Band vorgelegt, der interessante Einblicke gewährt in ein Thema, das bisher von der Wissenschaft recht stiefmütterlich behandelt wurde. Bleibt zu hoffen, dass die Geschichte der zionistischen Frauen in Zukunft noch weiter beleuchtet wird und neue Aspekte hinzukommen |