"Immigrieren geht einfacher als eine Ausstelung darüber zu machen"

Im Jüdischen Museum Frankfurt eröffnete die Ausstellung "Ausgerechnet Deutschland!", die sich mit der Einwanderung russischer Juden seit 1989 beschäftigt

Bereits zum zweiten Mal ist mit «Ausgerechnet Deutschland!» eine Ausstellungseröffnung des Jüdischen Museums Frankfurt so groß geraten, dass das Museum selbst zu klein dafür ist und die Veranstaltung deshalb in der Frankfurter Paulskirche stattfindet. Neben den Gästen haben sich zahlreiche Vertreter der Stadt, aber auch des Bundes, wie Innenminister Thomas de Maizière, eingefunden. Das liegt unter anderem daran, dass Museumsdirektor Raphael Gross es versteht, aktuelle, aber auch deutschlandweit relevante Themen in das Museumsprogramm zu integrieren.

 

Das erste Mal gelang dies 2007 mit der Ausstellung über Ignatz Bubis «Ein jüdisches Leben in Deutschland». Gerade acht Jahre nach dessen Tod wurde damit bereits ein historischer Blick auf eine kontroverse und Deutschland prägende Figur geworfen, die öffentliche Aufmerksamkeit war groß. Auch bei «Ausgerechnet Deutschland!» kann man kaum behaupten, dass das Thema ein längst vergangenes oder gar abgeschlossenes wäre. Wie Raphael Gross in seiner Ansprache betonte, interessierten ihn vor allem Projekte, die eine direkte Bedeutung für unsere heutige Gegenwart haben.

 

Prominenter unter vielen: der Autor Wladimir Kaminer gehört zu den russisch-jüdischen Einwanderern der letzten zwanzig Jahre.

Foto: Jüdisches Museum Frankfurt

Dass Gross die Konzeption und Organisation der Ausstellung Dmitrij Belkin übertrug, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Frankfurter Fritz-Bauer-Institut zur Geschichte und Wirkung des Holocaust tätig ist, ist hierbei nur konsequent. Denn natürlich ist die Geschichte der Einwanderer, die Belkin mit seinen Mitarbeitern nachvollziehbar machen will, auch dessen eigene Geschichte: Der Historiker Belkin kam bereits 1993 als damals noch so bezeichneter «Kontingentflüchtling» aus der Ukraine nach Deutschland - und musste erstmal sein Studium in Tübingen wiederholen, da sein bisheriger Abschluss nicht anerkannt wurde. Eine Situation, mit der viele der seit 1989 über 200.000 russisch-jüdischen Einwanderer konfrontiert wurden und werden. Ausbildungen und Lebensläufe scheinen plötzlich nichts mehr wert zu sein, weil das deutsche Bildungssystem keine vergleichbaren Bildungsgrade akzeptiert.

 

Ein Zustand, der sich schon bald ändern soll, wie Innenminister de Maizière in seiner Rede verspricht, die Verhandlungen mit den Bundesländern stünden gut. Er betont mehrmals, dass es ein Geschenk für Deutschland sei, dass es durch die Einwanderung wieder die «Hoffnung auf ein reichhaltiges jüdisches Leben in Deutschland» gibt. De Maizière, der mit der ersten demokratisch gewählten DDR-Regierung am Einigungsvertrag arbeitete, war ebenfalls wesentlich an den Verhandlungen zwischen Bund, Ländern und jüdischen Gemeinden zur Aufnahme jüdisch-russischer Einwanderer beteiligt. Aber auch er erwähnt, was in der Ausstellung ebenfalls sichtbar wird, nämlich, dass es durchaus Probleme gab und gibt. Vor allem zwischen vielen eher säkularen Einwanderern, die teilweise zum ersten Mal bewusst mit jüdischer Religion in Kontakt kamen, und den Gemeinden, die sie aufnahmen. Das führte dazu, dass seit 2005 die Aufnahmeregeln geändert wurden, und neben Grundkenntnissen der deutschen Sprache auch eine Gemeinde nachgewiesen werden muss, die den Einwanderer aufnehmen will. Damit drücke sich auch aus, so de Maizière, dass die Aufnahme mit dem konkreten Ziel verbunden bleibe, die jüdischen Gemeinden in Deutschland zu stärken.

 

In der auf kleinem Raum vielschichtige Erfahrungen und Lebenswelten erfahrbar machen den Ausstellung werden solche Brüche an konkreten Lebensgeschichten sichtbar. Etwa, dass für viele russisch-jüdische Einwanderer das Bewusstsein des Sieges über den Faschismus weitaus ausgeprägter ist, als das Gedenken an den Holocaust. Stolz zeigt auf einem Bild ein russisch-jüdischer Veteran seine vielen Auszeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg. In vielen jüdischen Gemeinden in Deutschland wird der «Tag des Sieges», der 9. Mai - 1965 in der Sowjetunion eingeführt und bis heute gesetzlicher Feiertag in Russland - gebührend gefeiert. Kein Wunder, sind doch in den deutschen jüdischen Gemeinden mehr als 80.000 von insgesamt 120.000 Mitgliedern heute Einwanderer.

 

In den eingängig gestalteten Räumen werden die Stationen der Immigration nachvollziehbar. Menschen erzählen von ihren ersten Erfahrungen mit Deutschland. An einer Wand voller Aktenordner kann man einzelne herausziehen, in denen verschiedene Begriffe aus dem Beamtendeutsch, mit denen man sich zu arrangieren hatte, erklärt werden. Ein Stück Wohnung voller Erinnerungsstücke an die alte Heimat ist vom persönlichen Kleinstmuseum in ein echtes Museum hinein nachgebaut worden. An einem altertümlichen Telefon kann man sich die Geschichte des Autors Wladimir Kaminer von der russischen Kontaktanzeige anhören, in der es darum geht, wie begehrt plötzlich eine Heirat in eine jüdische Familie zu Einwanderungszwecken werden kann.

 

Überhaupt spielt Humor eine große Rolle in der Ausstellung, was auch an Kurator Dmitrij Belkin liegen mag. Immerhin prägt dieser in seiner die Eröffnung beschließenden Ansprache den hübschen Satz: «Immigrieren geht etwas einfacher als eine Ausstellung über Immigration zu machen. Aber eine Ausstellung über die eigene Immigration zu machen ist viel schöner als zu immigrieren!»

 

Die Ausstellung «Ausgerechnet Deutschland! Jüdisch-russische Einwanderung in die Bundesrepublik» ist noch bis zum 25. Juli 2010im Jüdischen Museum Frankfurt am Main, Untermainkai 14/15 zu sehen. Mehr Informationen unter: juedischesmuseum.de

Georg Klein

«Jüdische Zeitung», April 2010