Besserer Ort

Eine Ladestationen-Infrastruktur in Israel soll den Weg für Elektroautos ebnen

 

Elektroautos könnten viel zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen. Das wissen zwar alle, aber bislang tut sich wenig bei den Autoherstellern. Die Produktion von Elektroautos ist noch immer ein Stiefkind der Automobilbranche, was vor allem am mangelnden politischen Willen und an einer fehlenden Versorgungsinfrastruktur fürs Aufladen liegt. Um deren Aufbau kümmerte sich die Autobranche bislang nicht. Warum also nicht zuerst elektrische Ladestationen bauen? Dann produziert die Autobranche bestimmt auch Elektroautos. Das hat sich wohl der gebürtige Israeli und ehemalige SAP-Mitarbeiter Shai Agassi mit seinem Projekt «Better Place» gedacht.

 

Agassi und sein kalifornisches Unternehmen wollen nun zuerst in Israel und dann weltweit eine Infrastruktur von Wechsel- und Ladestationen für Elektroautos bauen. Damit tritt er den Kampf gegen den Klimawandel, die zunehmende Ressourcenknappheit fossiler Brennstoffe und die damit verbundenen globalpolitischen Konflikte an. Agassis Verbündete vom Fahrzeugfabrikanten Renault-Nissan produzieren das Auto und der japanische Batteriehersteller NEC Group entwickelt die dazugehörigen Lithium-Ionen-Akkus. Aufbauprojekte für Ladestationen laufen momentan auch noch in Dänemark, Hawaii, Kalifornien, Kanada und Australien. Bis 2012 soll das Elektroauto dann serienreif für die Massenmarkt werden.

 

Nach dem Konzept von «Better Place» sollen die Elektroautos mit einem Lithium-Ionen-Akku ausgestattet werden. Technisch sind die Akkus mit denen in Notebooks und Handys vergleichbar, allerdings um Einiges größer. Ein Akku wiegt insgesamt 250 Kilogramm, ist circa 2.000 Mal aufladbar und acht Jahre lang einsetzbar. Eine volle Akku-Ladung reicht nach bisheriger technischer Entwicklung für 160 Kilometer Fahrreichweite und ermöglicht eine Geschwindigkeit von 110km/h. Das ist in vielen Ländern die zulässige Höchstgeschwindigkeit.

 

Israel ist eine der wichtigsten Testregionen. Gerade für das kleine Land im Nahen Osten bietet sich das Elektroauto an, denn 90 Prozent der israelischen Autofahrer legen maximal 70 Kilometer am Tag in ihrem vierrädrigen Gefährt zurück. In Israel liegen alle wichtigen urbanen Zentren weniger als 150 Kilometer auseinander, 55 Prozent der Autos sind auf den Großraum Tel Aviv zugelassen. Im September 2010 startet nun eine sechsmonatige Testphase. Bereits seit 2008 werden Lade- und Wechselstationen in Tel Aviv, Haifa und Kfar Saba gebaut. 100 Wechselstationen stehen bereits. Außerdem sollen bis zu Beginn der Testphase 100.000 Ladestationen fertiggestellt sein.

 

Wie können die Akkus aufgeladen werden? Gegen eine Gebühr, wie beim Handy, können die Endkunden bei «Better Place» Stromleistungen entsprechend ihrer Kilometerzahl erwerben.

 

Ein konventioneller Tankvorgang von zuhause, über eine 10 Ampere 220 Volt oder 16 Ampere 220 Volt-Steckdose, dauert in etwa sechs bis acht Stunden. Werden die öffentlichen Ladestationen benutzt, ist auch ein Schnellladevorgang von bis zu 30 Minuten mit einem 32 Ampere 400 Volt Dreiphasenanschluss möglich. Der Akku kann aber auch an den Wechselstationen in nur drei Minuten gegen einen Neuen ausgetauscht werden. Der Alte wird dann in sechs bis acht Stunden aufgeladen und ist danach wieder einsatzbereit.

 

Aber die Lithium-Ionen-Akkus haben bislang ein entscheidendes Problem: Im Falle einer Überhitzung können sie leicht entflammen. Das kann bei sommerlichen Temperaturen von 40 Grad Celsius und mehr im Wüstenklimas Südisraels schon mal vorkommen. Auch Kälte unter minus 25 Grad Celsius ist problematisch. Sie kann die Speicherfähigkeit und damit die Fahrreichweite einer Akkuladung um bis zu 50 Prozent verringern. Den Temperatureinwirkungen könnte eine Wärme-Isolierung Abhilfe schaffen. Auch daran wird gearbeitet.

 

Shai Agassi hat große Pläne. Er will insgesamt 500.000 Ladestationen in Israel bauen. Für die Realisierung von «Better Place» benötigt er laut eigener Aussage fünf Milliarden Dollar. In den Jahren nach 2012 soll ein Akku mit einer Leistungsfähigkeit entwickelt werden, die auch eine Fahrreichweite von 600 Kilometern pro Ladung ermöglichen soll. Das ist die Strecke, die durchschnittlich mit Benzinern erreicht wird. Vielleicht werden dann ja endgültig die Weichen gestellt: für die Zukunft des Elektroautos.

 

Christian Kausche

«Jüdische Zeitung», April 2010