Hauptsache, es macht Spaß

Ein Besuch in der ersten jüdischen Erneuerungsgemeinde Deutschlands "Ohel Hachidusch"

 

Hinter der angegebenen Adresse verbirgt sich eine Anwaltskanzlei in Berlin-Charlottenburg. Es wird langsam dunkel, als wir den düsteren Treppenaufgang betreten. Im ersten Obergeschoss erwarten uns in einer typischen Berliner Altbauwohnung zwei freundliche Damen, Jalda Rebling und Anna Adam. Der Alltagsstress ist ihnen noch ins Gesicht geschrieben. Schnell stellen sie in der kleinen Küche einen riesigen Topf Linsensuppe auf den Herd und stellen Schüsseln mit Salat auf den Tisch. Erste Vorbereitungen für den Schabbat-Gottesdienst, der hier in einer Stunde beginnen soll.

 

«Bei uns bringt jeder etwas zu essen mit», erklärt die Kantorin Jalda Rebling. «Das ist gut für Neuankömmlinge. Mit einer Schüssel in der Hand fühlt man sich erst einmal sicher.» Wir nehmen Platz in einem Raum, bei dessen Anblick schnell klar wird, dass er voll ist, sobald sich ein Minjan darin versammelt hat. Anna Adam, die Vorstandsvorsitzende von «Ohel Hachidusch» (Zelt der Erneuerung), bemerkt unsere skeptischen Blicke: «Der Raum ist eigentlich zu klein. Wir sind auch schon auf der Suche nach etwas Neuem. In letzter Zeit hat sich die Besucherzahl konstant bei zwanzig gehalten und dann ist es hier eigentlich zu eng.»

 

Der Raum wird von einem Mitglied des Vereins zur Verfügung gestellt, das gehört zum Konzept des Vereins. Jeder, der zu «Ohel Hachidusch» gehört, bringt ein, was er hat. So ist es mit dem Raum, mit dem Essen, aber auch mit dem Engagement.

 

Jalda Reblings Rolle ist klar definiert. Nach ihrer Ordination zur Kantorin Anfang 2007 wurde sie immer wieder angesprochen, ob sie sich nicht auch um eine eigene Gemeinde kümmern möchte. Da sie in den USA ausgebildet und von dem Begründer der Jewish-Renewal-Bewegung, Rabbiner Zalman Schachter-Schalomi (die JZ berichtete in der März-Ausgabe), ordiniert worden war, lag die Entscheidung nahe, hier in Deutschland ebenfalls eine erste Erneuerungsgemeinde zu gründen. Diese jüdische Bewegung will alle ansprechen, die sich für das Judentum interessieren, und lässt sich aus diesem Grund zunächst nicht genau einordnen. Sie schließt sowohl Elemente aus dem traditionellen als auch aus dem progressiven Judentum ein.

 

Tora im Wohnzimmer: Jalda Rebling (links) und Anna Adam von der Erneuerungsgemeinde "Ohel Hachidusch" in Berlin. Foto: Judith Kessler

«Wir sind eine basisdemokratische Gruppe. Alles, was wir tun, wird gemeinsam beschlossen. Ziel ist es, das Fortbestehen des jüdischen Lebens zu sichern. Wir greifen auf ganz verschiedene Traditionen des Judentums zurück und schauen, ob sie zur Gruppe passen oder nicht», fährt Anna Adam fort und fügt schmunzelnd hinzu: «Außerdem gilt, Hauptsache es macht Spaß.» Das klingt eher nach heiterem Zusammensein als nach einer ernsthaften Gemeinde und dies ist auch einer der Kritikpunkte, mit denen «Ohel Hachidusch» immer wieder konfrontiert wird. Anna Adam erklärt dazu: «Dass es Spaß machen soll, heißt ja nicht automatisch, dass bei uns keine Regeln existieren. Zunächst gibt es, wie es sich für einen Verein gehört, einen Vorstand und eine Satzung. Jaldas Ausbildung und ihre Ordination sichern die religiöse Seite ab. Sie erklärt uns die Tora, die Gesetze, die Feiertage und so weiter. Auf diese Weise haben wir eine klare Grundlage, auf die wir uns verlassen können.»

 

Vor allem ist «Ohel Hachidusch» offen für alle und das ist einer der elementaren Unterschiede zu vielen anderen jüdischen Gemeinden. Zum Einen gibt es keine Sicherheitsbeschränkungen. Kein Wachschutz steht an der Tür und kontrolliert die Besucher. Zum anderen öffnet sich «Ohel Hachidusch» insbesondere Randgruppen, wie beispielsweise Homosexuellen, interreligiösen Familien und Juden, die nach halachischen, also streng religionsgesetzlichen Gesichtspunkten nicht als Juden gelten. Interessanterweise zeigen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion an «Ohel» nur wenig Interesse, obwohl gerade sie häufig mit der Problematik konfrontiert sind, dass sie nicht in die Jüdischen Gemeinden aufgenommen werden, weil sie beispielsweise nicht nachweisen können, dass ihre Mutter jüdisch ist.

 

Die meisten Menschen, die sich an «Ohel Hachidusch» wenden, sind auf der Suche nach einem Weg, wie sie ihren Wunsch, in der modernen Gesellschaft nach jüdischen Regeln zu leben, realisieren können. Dazu Jalda Rebling: «Diese Menschen stoßen zum Beispiel im Internet auf uns. Wir sind selbst erstaunt, wie schnell wir wachsen, und das, ohne PR-Arbeit zu betreiben. Inzwischen melden sich aus ganz Europa, aber auch aus Amerika regelmäßig über E-Mail Leute bei uns.» Bei den alle vierzehn Tage stattfindenden Schabbat-Gottesdiensten ist jedoch meist ein fester Kreis aus zwanzig Teilnehmern anwesend. Zu den Feiertagen kommen aus ganz Deutschland noch einmal dreißig Leute hinzu. Allerdings mussten sie zum diesjährigen Pessach-Fest sogar schon Absagen erteilen. «Am Seder-Abend schlagen wir unser Zelt in Annas Atelier auf, da ist etwas mehr Platz, aber eben nicht für alle», so Jalda Rebling. In diesem Jahr feiert «Ohel Hachidusch» zu Pessach sein dreijähriges Bestehen. In den letzten drei Jahren wurde das Zelt der Erneuerung an ganz verschiedenen Orten in Berlin, in Deutschland und in ganz Europa aufgeschlagen, wo man gemeinsam an der Erneuerung des Judentums arbeitet. Das basisdemokratische Vorgehen spielt bei der von «Ohel» geleisteten Erneuerungsarbeit stets eine zentrale Rolle. Die Mitglieder sind angehalten, sich aktiv zu beteiligen. So finden beispielsweise regelmäßig Workshops statt, in denen die Teilnehmer das Judentum mit seinen Regeln und Traditionen näher kennenlernen können, um sie in das tägliche Leben zu integrieren. Bei dem nächsten Workshop steht das Zizit-Knüpfen, das Herstellen der Schaufäden am Gebetsmantel, auf dem Programm. Langfristig ist außerdem geplant, einen eigenen Siddur für den Gottesdienst zu entwerfen. Rebling und Adam glauben, dass durch das Schaffen von «Ohel Hachidusch» eine neue Dynamik innerhalb des jüdischen Lebens in Deutschland entstehen kann. «Was wir hier tun, ist in Amerika längst schon selbstverständlich», meint Anna Adam. «In Deutschland wurde die Reform jäh durch die Schoa abgeschnitten und erst seit den 1990er Jahren sind die sprichwörtlichen Koffer der Juden endlich ausgepackt und man entwickelt sich weiter.»

 

Das System der Basisdemokratie scheint bisher aufzugehen. Mit seinen zwanzig festen Mitgliedern ist der Verein jedoch noch recht übersichtlich. Dennoch ist es nicht immer leicht, gemeinsame Entscheidungen zu treffen, mit denen alle Mitglieder einverstanden sind. Derzeit wird die musikalische Gestaltung der Gottesdienste diskutiert. Bisher gibt es auf Grund einer früheren Entscheidung ganz traditionell keine instrumentale Begleitung. Dazu Jalda Rebling: «Das ist interessant, denn schließlich gibt es in Berliner Synagogen Orgeln, auf denen der Gottesdienst begleitet wird.»

 

Weniger traditionell wird die Frage zur Stellung der Frau gehandhabt. «Wir haben den Ruf, dass wir sehr „frauenlastig" sind», erklärt Anna Adam belustigt. Der aus der Mode gekommene Begriff des Feminismus lockt die beiden Frauen jedoch nicht aus der Reserve. «Ohel Hachidusch» hat zwar mehr weibliche als männliche Mitglieder, sieht sich aber als absolut egalitärer Verein.

 

Zum Abschluss wollen wir noch wissen, ob Jalda Rebling und Anna Adam die jüdischen Gemeinden in Deutschland reformieren wollten. Anna Adam verneint: «Jeder muss seinen Weg finden und wir haben uns entschlossen, für uns selbst etwas zu erneuern.» Eine Anekdote fällt ihr da noch ein: «Jalda ist einmal von einer traditionellen Gemeinde angerufen worden, ob sie kurzfristig einen Gottesdienst nach orthodoxen Regeln halten könnte.» Jalda Rebling sagte zu und wir sind uns sicher, dass sie dabei ihren Spaß hatte.

 

                                                         Friederike Neubert und Stefanie Neumeister

«Jüdische Zeitung», April 2010