Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Noas Alija-Tagebuch. Sechster TeilVor den Behörden sind alle gleich
Mit einer großen Portion Vorfreude begab ich mich zur Personalabteilung des Hadassah-Hospitals, auf dem Jerusalemer Skopusberg, da ich dort eine Viertelstelle als Diplom-Sozialarbeiterin antreten wollte. Dort gab man mir einen «Laufzettel», auf dem angegeben war, welche Dokumente ich einreichen muss. Und schon bekam ich den nächsten Schock. Dort stand, ich benötige eine Diplomanerkennung vom Erziehungsministerium. «Erziehungsministerium?», fragte ich erstaunt, «ich bin zurzeit im Kontakt mit dem Sozialministerium, dort warte ich gerade auf die Unterschrift des Ministers, um mein Diplom anerkannt zu bekommen.» Die freundliche Dame schüttelte den Kopf: «Das ist die Anerkennung der Universität, an der sie studiert haben. Die eigentliche Diplomanerkennung erfolgt im Erziehungsministerium. Dort wird auch festgelegt, welchem akademischen Grad ihr Diplom entspricht, um Sie beim Gehalt einordnen zu können.»
Es war wie ein Teppich, den man unter meinen Füßen wegzieht. Monate war ich nun mit dem Sozialministerium beschäftigt, um diese Anerkennung zu erhalten und niemand hatte mir gesagt, dass ich mich gleichzeitig an eine völlig andere Stelle wenden muss. Beide Ministerien haben nichts miteinander zu tun, so erfuhr ich. Seit Monaten hätte ich diesen Antrag stellen können, denn durch meine Teilzeit habe ich ausreichend Gelegenheit. Was für eine Zeitverschwendung. Wieder einmal bekam ich zu spüren, dass weder das Einwanderungsbüro noch das Arbeitsamt mir in dieser Hinsicht mit Rat und Tat zur Seite stehen. Bei der Arbeitsberatung im Arbeitsamt hieß es: «Wir helfen Ihnen weiter, wenn sie den Sprachkurs ein halbes Jahr besucht haben, wie jeder andere Einwanderer.» Und das, obwohl ich mich während des gesamten Beratungsgespräches auf Hebräisch unterhalten habe. «Jeder andere Neueinwanderer» kann in der Regel auch nicht viele Worte Hebräisch.
Gefördert oder verhindert?
Bei meinem Vorstellungsgespräch als Sozialarbeiterin schien ich jedenfalls den sprachlichen Anforderungen vollauf zu genügen, um eine Stelle anzutreten, die vorwiegend aus Sprache besteht.
Nach meiner Einschätzung war es bequem, mich auf diese Art erst einmal loszuwerden für das nächste halbe Jahr. Beim Einwanderungsbüro musste mein «persönlicher Berater» ständig Informationen bei seiner Kollegin im Nebenzimmer einholen, da er nicht ausreichend Bescheid wusste, über viele Fragen, die das Arbeitsleben betreffen. Tatkräftige Hilfe bekam ich nun von einer netten Bekannten, die mit meinen Dokumenten zum Erziehungsministerium lief, und alles eingereicht hat. Ein anderer Bekannter kennt dort jemanden, der den Prozess eventuell etwas beschleunigen kann, in Anbetracht der Tatsache, dass ich seit Dezember bereits arbeiten könnte. Hilfe scheint es nur auf privater Ebene zu geben und Beziehungen werden fast lebenswichtig.
Ich habe mich gefragt, ob der Staat Menschen, die arbeitswillig sind, die nicht nur von staatlicher Hilfe leben wollen wirklich fördert und unterstützt in ihren Bemühungen? (Abgesehen davon, dass niemand von der monatlichen Summe allein leben kann). Sollte der Prozess beim Erziehungsministerium ähnlich lange dauern, wie beim Sozialministerium, muss ich mir eventuell eine Arbeit für den Übergang suchen, um nicht meine Ersparnisse völlig zu verbrauchen. Ein schwacher Trost war das Gespräch mit einem guten Freund, der mir versicherte, dass die Behörden ohne Unterschied zwischen Neueinwanderer und in Israel geborenen Menschen immer gleichermaßen kompliziert sind. Ständig scheint ein Dokument zu fehlen, es verschwinden Papiere auf dem Weg zu zuständigen Stellen und erscheint man nicht ständig persönlich, dann tut sich gar nichts. Wenigstens keine Diskriminierung von Neueinwanderern!
Zurzeit muss ich sehr mit meinen Kräften haushalten, so sehr nimmt mich diese Behördenzähigkeit mit. Ich habe das Gefühl, ständig von A nach B zu laufen, ohne etwas zu erreichen. Das zehrt und zieht enorm Energie. Ich nutze den Schabbat als wirklichen Ruhepunkt und spaziere durch die blühende Natur, um meine Akkus aufzuladen. In der Woche bin ich froh, abends vor dem Fernseher zu sitzen und nichts mehr zu tun, außer zu entspannen für den nächsten Tag. Auch muss ich mir mein «deutsches Renntempo» abgewöhnen, spätestens jetzt, wo es heiß wird, anderenfalls halte ich das nicht lange durch.
Handfeste Krise
Was sich bei mir gerade bemerkbar macht, ist die erste handfeste Krise nach der Einwanderung. Ich habe erwartet, dass so etwas kommt, da ich doch vom ersten Tag an mit Arbeitssuche, Wohnungssuche, Behördengängen und anderen Kräfte raubenden Erledigungen beschäftigt war. Kein Wunder also, wenn erst einmal die Luft raus ist.
Mein Besuch in Deutschland hat mein mütterliches schlechtes Gewissen reaktiviert und dazu geführt, dass ich mich nach meiner Rückkehr fragte, ob es einer Mutter überhaupt erlaubt ist, auszuwandern und die Kinder mit ihren Problemen «im Stich zu lassen». Auch wenn sie fast 30 und 24 sind, also ihre eigenen Wege gehen, ist bei auftauchenden Schwierigkeiten die Anwesenheit der Mutter hilfreich und sehr beruhigend.
Nun, ich denke, ich werde mich damit abfinden müssen, immer innerlich zerrissen zu bleiben, zwischen der Gewissheit, hier in Israel zu Hause zu sein und der Sehnsucht nach meinen Kindern. «Ent-täuscht» von Israel? Ich zerlege das Wort in seine Einzelteile und wenn es den positiven Aspekt von ent-täuscht sein (= nicht mehr einer Täuschung zu unterliegen) erhält, dann kann ich sagen: Ja, ich bin nicht mehr getäuscht von dem, was man vielleicht als Touristin oder auch als Volontärin in Israel sieht und hier erwartet. Ich kenne die Schwierigkeiten und die Hindernisse, die Alltagshektik, die an den Nerven zehrt und die häufig grobe Behandlung in den Behörden. Und doch gehe ich durch die Straßen der Nachbarschaft, freue mich am morgendlichen Vogelkonzert, was mich weckt, und liebe die Stadt in der ich lebe, wie viele andere, nicht nur «weil», sondern «trotzdem»!
www.noa50.blogspot.com
|