Zionismus, Verantwortung, Israel

In Deutschland gibt es mehrere zionistische Jugendgruppen. Sie sollen politische Ansichten vermitteln, aber auch Spaß machen

Benjamin ist 16, Aaron 14 und Dina 21 Jahre alt. Alle drei verbindet die Arbeit in einer jüdisch zionistischen Jugendorganisation in Deutschland. Auch wenn diese heute nur wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommen, sind sie trotzdem nach wie vor ein Treffpunkt für Jugendliche, um politische Ansichten auszutauschen, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam vielfältigen anderen Aktivitäten nachzugehen.

 

Benjamin Szajak ist seit September 2009 Madrich, das heißt Jugendleiter, der «Zionistischen Jugendbewegung Deutschland» (ZJD) in Berlin. Aaron Alteras geht seit ungefähr einem Jahr regelmäßig zu den Treffen der Jugendgruppe. Ihre Wege zur ZJD sind dabei unterschiedlich. Benjamin wurde vor acht Jahren von seinen Schwestern mitgenommen, seitdem ist er Mitglied. Aaron kam durchs Hörensagen dazu: «Ich hatte davon gehört, und dann habe ich einen Freund gebeten, mich mal mitzunehmen. Ich war begeistert, es hat mir Spaß gemacht und ich finde die Ideen toll», sagt er heute.

 

Jugendlager, sogenannte "Machanot", gehören zum festen Programm zionistischer Jugendbewegungen in Deutschland. Hier: Ankündigungsplakat für ein Jugendcamp der liberalen Jugendbewegung "Netzer" Endc 2010. Foto: Jugend.liberale-Juden.de

Dina Purits ist Madricha, Jugendleiterin, bei «Netzer Deutschland». Sie ist seit ihrem 15. Lebensjahr dabei. Heute ist sie 21 und betreut in Essen eine Jugendgruppe. «Ich habe ein Mädchen kennengelernt, das immer auf die Freizeiten mitgefahren ist. Die hat gesagt, dass es dort nette Leute gibt und man viele lustige Aktionen macht, dann bin ich auch mitgefahren.»

 

Beide Jugendgruppen sind religiös geprägt, doch auch nichtjüdische Jugendliche sind willkommen. Meist ergibt sich die Teilnahme ohnehin durch Freunde, die bereits ihre Sonntage bei «Netzer» oder der ZJD verbringen. Inwiefern sie religiös ist, kann Dina selbst nicht genau sagen. Für sie ist aber auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein Teil ihres Glaubens. Dina geht zwar nicht jeden Freitag in die Gemeinde, glaubt aber an eine höhere Macht, die alle beschützt. Auch Aaron von der ZJD geht es ähnlich, auch er geht nicht jeden Freitag in der Synagoge. Sein Jugendleiter Benjamin feiert allerdings mit seiner Familie zu Hause Schabbat.

 

«...dass die Welt besser wird»

 

Die ZJD ordnet sich keiner jüdisch-religiösen Richtung unter, im Mittelpunkt steht der zionistische Gedanke und erst darauf folgt die Vermittlung jüdischer Werte und Lebensinhalte. «Netzer» hingegen ist eine Jugendorganisation der Union progressiver Juden (UPJ). Hier werden zwar ebenfalls zionistische Inhalte vermittelt, aber auch Werte des progressiven Judentums. Im Mittelpunkt steht jedoch «Tikkun Olam». Dina erklärte, worum es sich dabei handelt: «Es heißt: „die Welt heilen". Es geht darum, gute Sachen zu machen, sich um Menschen und die Umwelt zu kümmern, einfach aufmerksam zu sein. Eben viel dafür zu tun, dass die Welt besser wird.» Ihr ist es wichtig, dass die Kinder, die sie betreut, lernen, eine gute Beziehung zu ihrer Religion zu haben und sich nicht dafür zu schämen, dass sie Juden sind.

 

Die Jugendgruppen beider Organisationen treffen sich regelmäßig, dabei werden sie von Jugendleitern, den «Madrichim», betreut. Diese begleiten die Kinder und Jugendlichen auch bei den angebotenen Sommer- und Winterfreizeiten. Dina hat die dazugehörige Ausbildung mit 15 Jahren gemacht: «Wenn man 15 oder 16 Jahre alt ist, kann man sich bewerben oder wird von den Betreuern angesprochen. Dann fährt man zwei Jahre lang auf verschiedene Seminare, die ungefähr fünfmal im Jahr stattfinden. Da lernt man Pädagogik, aber natürlich auch etwas über die Ideologie von „Netzer", etwas über liberales Judentum oder über Zionismus. Alles, was man eben auch an die Kinder vermitteln will.» Auch bei der ZJD werden die Kinder- und Jugendgruppen durch Madrichim betreut. Benjamin ist Jugendleiter in Berlin und musste dafür regelmäßig zu den sonntäglichen Treffen gehen und insgesamt drei Seminare besuchen. Ihm mache die Arbeit Spaß, weil er mit Freunden zusammen arbeiten könne. Die Berliner Ortsgruppe trifft sich immer sonntags zu gemeinsamen Aktivitäten, dazu zählen Spiele, Diskussionen, Seminare und Workshops, die Wert auf körperliche und handwerkliche Tätigkeiten legen. Aaron findet die Bildungsvermittlung gut: «Wir lernen viel über Zionismus, Verantwortung und Israel. Es ist eben eine wirkliche Lebenslehre.»

 

Nicht unbedingt in Israel leben

 

Grundsätzlich geht es aber auch darum, die Jugendlichen in der ZJD zum Auswandern nach Israel zu bewegen. Aaron hingegen weiß selbst noch nicht, ob er auswandert, genauso wie Benjamin: «Das weiß ich ehrlich gesagt noch gar nicht. Ich bin mir aber sicher, dass ich mal ein Programm in Israel machen will und die Sprache lernen will, aber ob ich da dann wirklich wohnen will, weiß ich noch nicht.» Dina von der progressiv-jüdischen Jugendbewegung «Netzer» kennt das Land, weiß aber auch noch nicht, ob sie in Israel leben möchte: «Ich war zehn Monate nach der Schule in Israel. Ich habe das Land also gut kennengelernt, aber ob ich mein Leben dort verbringen möchte weiß ich nicht. Ich möchte auch noch reisen und andere Länder sehen.» Alle drei Jugendlichen sehen kein Problem darin, ihr Leben in Deutschland mit dem propagierten Zionismus zu verbinden. Dieser zielt schließlich auf ein Leben in Israel ab. Dina führt das Argument der freien Interpretation im Reformjudentum an. Für sie bedeutet «Zionismus» eben auch, Israel einfach zu unterstützen, ohne dort auch leben zu müssen. Für Benjamin, der sich seit seinem elften Lebensjahr als Zionist begreift, ist sein Engagement in der ZJD der richtige Ansatz. Er vermittelt die Ideen des Zionismus an jüdische Kinder, reise nach Israel und spende auch mal was. Auch für Aaron lassen sich ein Leben in Deutschland und die politische Arbeit für das Land Israel problemlos vereinbaren. Schließlich sei die gesamte Idee des Zionismus in der Diaspora entstanden.

Julia Wolbergs und Christian Kausche

«Jüdische Zeitung», April 2010