Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() April 2010von Stefan Daniel
4. April 1945 Daniel Cohn-Bendit
«Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Ich habe je nach den Umständen unterschiedlich reagiert, aber ihr Wunsch stellte mich vor Probleme.» Das schrieb Daniel Cohn-Bendit 1975 in «Der große Basar» über seine Zeit als Erzieher in einem antiautoritären Kinderladen in Frankfurt am Main. Das schrieb er zehn Jahre nachdem er die hessische Odenwaldschule verlassen hatte, die dieser Tage ihre Geschichte um Kindesmissbrauch aufarbeiten muss. Ein Zusammenhang zwischen Schule und Tätigkeit als Erzieher besteht natürlich nicht. Vielmehr verhält es sich genau konträr: Die Lehrer der Odenwaldschule nutzten ihre Macht aus, um sexuelle Gelüste zu befriedigen. Bei Cohn-Bendit in der revolutionären Zeit der 68er war es die absolute sexuelle Freiheit, die eben auch Kindern zugestanden wurde. Da konnte am Hosenlatz rumspielen, wer gerade wollte - ohne Alterskontrolle. Das war eine andere Zeit als heute. Das weiß «Dany le Rouge», wie man in der revolutionären Zeit Cohn-Bendit nannte, selbst am Besten. Ist er doch nicht mehr der rote Dany, sondern der auf dem Kopf eher ergraute Dany und im Herzen der grüne Dany. Als man ihn noch den roten Dany nannte, als die Revolution mit Mao-Bibel und Schiebermütze an die Tür klopfte, sowohl Frankreich als auch Deutschland am Scheidepunkt ihrer Nachkriegsgeschichte standen, da war Cohn-Bendit einer der bekanntesten Revolutionäre. In Frankreich war der Sohn einer französischen Jüdin und eines deutschen Juden dabei bekannter und seitens der Machthaber gefürchteter als in Deutschland. «Ich bin anarchistischer Marxist», sagte der junge Student damals über sich. Aus heutiger Sicht scheint dieser Satz gar nicht so revolutionär und aufmüpfig. Wer damals Anarchist und Marxist war, sofern das überhaupt zusammen geht, der gehörte unter den Studenten gewissermaßen zur Masse. Ende der 70er Jahre ließ sich Cohn-Bendit auf die «Grüne Liste Hessen» setzen, einem Vorläufer der späteren Grünen, um für den Landtag zu kandidieren. Damit bekannte er sich zur parlamentarischen Demokratie und sagte Marxismus und Anarchismus Adieu. Die 80er Jahre dienten vielen ehemaligen Radikalen als Sprungbrett in die Bürgerlichkeit, was mit der Übernahme von politischer Verantwortung und Macht einherging. Cohn-Bendit beriet Joschka Fischer während seiner Zeit als hessischer Umweltminister und wurde Ende der 80er selbst zum «Dezernenten für Multikulturelle Angelegenheiten» der Stadt Frankfurt am Main. In dieser Funktion und mit dem Verfassen des Buchs «Heimat Babylon. Das Wagnis der multikulturellen Demokratie» 1992 wurde Cohn-Bendit zu einem der ersten, die das Problem und die Notwendigkeit von Integration erkannten. Es ist Cohn-Bendits Intelligenz geschuldet, dass er keinen Ideologien den Vorzug vor der Realität gibt, dass er Integration als Problem anerkennt, dass er den Krieg nicht per se ablehnt, dass er als einer vom Realo-Flügel schon früh zu Machtbündnissen mit der SPD bereit war. Mit 65 Jahren ist Cohn-Bendit angesehen und geachtet, gefürchtet jedoch nicht mehr - schade irgendwie.
20. April 1915 Israel Epstein
Geboren am gleichen Tag wie Hitler, bekannt mit den Größen der chinesischen Politik, begraben in einem Mausoleum auf dem Heldenfriedhof in Peking. Israel Epstein hatte es weit gebracht als Sohn polnischer Juden - und das als Journalist in einem Land, in dem die Pressefreiheit bis heute kaum zu den staatstragenden Grundrechten gehört. Das Prinzip der journalistischen Arbeit Israel Epsteins war: «die Wahrheit in den Tatsachen suchen.» Es war die Ansicht eines Mannes, der als Geschichtsbuch des modernen Chinas galt und alle wesentlichen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts der Volksrepublik miterlebte; der Zeit seines Lebens den Kommunismus und die Volksrepublik China verteidigte, ja liebte. Epstein wurde 1915 in Polen geboren, siedelte nur zwei Jahre später mit seinen Eltern, die ebenfalls begeisterte Kommunisten waren, nach China um. Mit Ausnahme von kurzen Aufenthalten in England und den USA blieb Epstein in China. Er lernte Mao Zedong, Zhou Enlai und andere führende Kommunisten Chinas kennen. In den Jahren der Kulturrevolution sperrte man Epstein fünf Jahre hinter Gitter, weil man ihn des Komplottversuchs gegen den Premierminister Zhou Enlai bezichtigte. 1973 entschuldigte sich Enlai persönlich bei Epstein und rehabilitierte diesen. An Epsteins Prinzipien und Idealen änderte sich durch diesen Zwischenfall nichts. Das von ihm geprägte Blatt «China Reconstructs», das heutige «China Today», propagierte weiter mit hohem journalistischem Impetus den Kommunismus. Anders jedenfalls ist nicht erklärbar, dass Epstein Chefredakteur von «China Reconstructs», stellvertretender Vorsitzender der Soong Ching-Ling-Stiftung, stellvertretender Vorsitzender des Chinesischen Wohlfahrtsinstituts, ehrenamtlicher Vorsitzender der Chinesischen Studiengesellschaft für Völkerfreundschaft und Mitglied des Ständigen Ausschusses des Nationalkomitees der sechsten bis zehnten Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes wurde. Wobei der Verdacht naheliegt, dass Epstein zumindest die letzte Funktion nicht ausführte, weil der Name zu umständlich für den Vollblutjournalisten war. Epstein galt unter Kollegen als kritisch, nahezu pedantisch. Alle Artikel von «China Today», die er redigierte, wurden verändert und verbessert. Unter den Redakteuren machte man sich gar Sorgen, dass er die letzten Korrekturfahnen auch noch korrigieren wollte und damit Unzufriedenheit bei den Druckern auslösen würde, weil diese unter Zeitdruck zu geraten drohten. Epsteins enorme Fähigkeit zur Textbearbeitung führte ihn sogar in die textlichen Heiligtümer der Volksrepublik: als «hochrangiger Berater» war er Teil des Redaktionsteams, das die Ausgewählten Werke Mao Zedongs und Deng Xiaopings bearbeitete. Eine große Ehre für den Mann, der erst mit 42 Jahren chinesischer Staatsbürger geworden war. Doch einen Zweifel daran, dass China die richtige Heimat Israel Epsteins war, hat dieser nie aufkommen lassen: «Ich empfinde tiefe Liebe zu China und dem chinesischen Volk. China ist meine Heimat. Durch diese Liebe sind meine Arbeit und mein Leben mit dem Schicksal Chinas verbunden.»
8. April 1880 Margherita Sarfatti
Des «Duces» andere Frau: Margherita Sarfatti. Von Benito Mussolinis Frauen war zwar Clara Petacci die bekannteste, weil sie die «Ehre» hatte, neben ihrem «geliebtem Führer» zu sterben; und Rachele Mussolini trug den Namen Benitos und gebar ihm fünf Kinder; doch Margherita Sarfatti war die intellektuell einflussreichste Frau in Benito Mussolinis Leben. Sie war die «jüdische Mutter des Faschismus». Historiker meinen, dass der Faschismus, dessen Geschichte in weiten Teilen die Biographie Mussolinis war, sowohl von Mussolini selbst als auch von Margherita Sarfatti erdacht wurde. Schon bevor sie Mussolini persönlich kannte, bezog sich dieser auf die Kolumnen der jungen Redakteurin, die im Parteiorgan «Avanti» erschienen, dessen Chefredakteur seit 1912 Mussolini war. In diesen Schriften entwickelte Sarfatti ihre rassistischen und diskriminierenden Ansichten gegenüber Schwarzen und Asiaten, die sich konstant bis zu ihrem Lebensende 1961 durch ihr Denken zogen. Mit Mussolini ging Sarfatti den Weg vom Sozialismus hin zum Faschismus. Der Weg zum Faschismus war für die aus einer wohlhabenden Anwaltsfamilie stammende Jüdin in ihrer Zeit nichts Ungewöhnliches. Viele Juden ihrer Generation waren Faschisten. Die italienischen Juden hatten 1848 für die Einheit, das «Risorgimento», Italiens gekämpft und sie dachten, Erneuerung und Einheit seien noch nicht vollendet. Ein neues Italien sollte entstehen. Sarfatti war unter denen, die erkannten, dass der Faschismus einer kulturellen Unterfütterung bedurfte. Die Künstlergruppe «Novecento» war das Ergebnis dieser Erkenntnis. Koordiniert und gegründet von Sarfatti, verschrieb sich die Gruppe einer Abkehr von der Moderne und einer «ritorno all'ordine», einer Rückkehr zur Ordnung. Doch nicht Kunst und faschistische Weltanschauung verbanden sie wesentlich mit Mussolini, sondern der unbändige Wille zur Macht. Der «Marsch auf Rom» im Jahr 1922, der die faschistische Bewegung um Mussolini an die Macht brachte, wurde in Sarfattis Landhaus ausgearbeitet. Für das rothaarige Mädchen religiöser Eltern war es eine der schönsten Stunden ihres Lebens und der Beginn der Hochzeit zwischen Mussolini und Sarfatti. Beide vernachlässigten ihre eigentlichen Familien, wobei Sarfattis wesentlich älterer Ehemann zwei Jahre später verstarb. Sarfatti schrieb Zeitungsartikel im Namen Mussolinis, edierte Zeitschriften und machte sich einen internationalen Namen, als sie die erste Biographie Mussolinis schrieb, die 1925 zuerst auf Englisch unter dem Titel «The Life of Benito Mussolini» erschien. Das Ende der Liebesbeziehung zwischen der von Familienmitgliedern als despotisch und intolerant beschriebenen Margherita Sarfatti und dem Macho Mussolini kam Ende der 20er Jahre. Sarfattis Alter und ihr Judentum stießen Mussolini zunehmend ab und er wendete sich jüngeren Frauen zu, die von ideologisch einfacherer Herkunft waren. Ohne nostalgische Rührseligkeit erkannte Sarfatti die aufkommende Gefahr mit der 1938 verabschiedeten Rassengesetzgebung und emigrierte nach Argentinien, von wo aus sie 1947 nach Italien zurückkehrte, um anonym und weitgehend vergessen zu sterben.
25. April 1946 Wladimir Schirinowski
Wladimir Wolfowitsch Schirinowski ist ein Sympath vor dem Herrn. Gut, manchmal prügelt er Kritiker aus der Fernsehsendung oder fängt in der Duma eine ordentliche Keilerei an, aber was bleibt dem Chef der Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR) denn übrig, wenn «Halunken» und «Gauner» ihm gegenüber unverschämt werden? Wie kann man bloß ihn, seine Ansichten und sein Verhalten in Frage stellen? Grundvernünftig ist der Mann - wie man es von einem studierten Orientalisten, Juristen und sogar Doktor der Philosophie erwarten kann. Natürlich, seine Freunde hätte er sich besser aussuchen können: Saddam Hussein, Jean-Marie Le Pen, Gerhard Frey (DVU) und Andrej Lugowoi, der den Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko in London mit radioaktivem Polonium getötet haben soll, gehören nicht zu den Personen, die man sich zum lustigen Stelldichein einladen würde. Doch es sind nicht die politischen Freunde, sondern die politischen Forderungen, die entscheidend sind. Und bei diesen spielt Schirinowski, wenn es um Einfallsreichtum geht, in der ersten Liga. «Die russischen Soldaten werden ihre Füße noch im Indischen Ozean waschen», prophezeite der «Russen-Hitler» («Bild») und mit der geforderten täglichen Flasche Wodka für jeden Russen sollte diese Prophezeiung im Handumdrehen zu verwirklichen sein. Waschen will Schirinowski nicht nur die Füße der russischen Soldaten, sondern auch die Engländer samt ihrer Insel. Schließlich haben die Briten, das weiß «Russlands erster Staatsclown» («FAZ») ganz genau, 1917 die Revolution im Zarenreich angezettelt. Bei diesem Geschichtsbild ergibt es denn auch Sinn, eine Atombombe über dem Atlantik abzuwerfen, um Großbritannien zu überfluten. Ganz in Übereinstimmung mit dem Namen seiner eigenen Partei, also liberal und demokratisch, hat Schirinowski in der Duma einmal gefordert, dass Russland wieder eine Monarchie werden solle. Durch solche und andere Forderungen zeigt sich Einsicht und Weitsicht eines wahren politischen Unikats. Glücklicherweise bleibt sich Schirinowski immer treu, in der Duma wettert er gegen den Kreml und die ihm Treuen «Kremlowskis» und stimmt persönlich immer gegen die «volksfeindlichen» Gesetze - seine gesamte Partei stimmt natürlich dafür. So gehört sich es für die Partei, die das KGB 1991 gründete und der man nachsagt, dass sie die Aufgabe hat, die Stimmen am rechten Rand für Putin zu sammeln und als Katalysator für die rechten Stimmen im Land zu dienen. Schirinowskis und der Erfolg seiner Partei sind weit entfernt von unumschränkter Macht, doch mit 8,1 Prozent der Stimmen bei der Duma-Wahl 2007 und sogar 9,1 Prozent bei der Präsidentschaftswahl 2008 zeigen sich Partei und «Führer» als konstanter Faktor in der russischen Politik. Dass Schirinowski dabei auf eine große Zahl Stimmen russischer Juden zählen kann, ist unwahrscheinlich. Zwar bekannte sich Schirinowski in einem Interview mit der israelischen Tageszeitung «Haaretz» zu seinem jüdischen Vater; doch seine Ansichten sind nach wie durch einen antisemitischen Populismus geprägt. Wladimir Wolfowitsch Schirinowski bleibt ein Politiker aus einem Guss. Bei ihm ist alles stimmig - vor allem die Laune nach ein paar Glas Wodka.
19. April 1872 Alice Salomon
Heute fährt ein ICE mit ihrem Namen durch Deutschland, eine Briefmarke trägt ihr Konterfei, die Alice-Salomon-Hochschule Berlin ist nach ihr genauso benannt wie der Alice-Salomon-Park in der deutschen Hauptstadt. 1938 wurde Alice Salomon zur Emigration aus Deutschland gezwungen; ein Jahr später wurden ihr beide Doktortitel sowie die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1944 wurde sie US-Amerikanerin, 1948 verstarb sie. Zu ihrer Beerdigung fanden sich nur wenige Menschen ein. 2010 diskutieren wir über gleiche Lohnbezüge von Männern und Frauen; schon 1906 schrieb Alice Salomon ihre Dissertation zu diesem Thema: «Die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit». Salomons Leben war eines zwischen den Polen von Anerkennung und Verachtung. Früher verachtet und bewundert, weil vollkommen unzeitgemäß. Heute bewundert, aber zumeist vergessen, weil zeitgemäß. Salomon kämpfte mit den Problemen vieler ambitionierter Frauen zum Ende des 19. Jahrhunderts: keine Möglichkeit zur Ausbildung, keine Möglichkeit zum Studium. Salomon schrieb später selbst, dass ihr Leben erst mit 21 Jahren anfing, denn zu dieser Zeit wurde sie Mitglied der «Mädchen- und Frauengruppe für soziale Hilfsarbeit». Jeanette Schwerin hatte die Gruppe gegründet, in der Salomon schnell an Bedeutung gewann und später die Leitung übernahm. Das Thema ihres Lebens hatte sie zu dieser Zeit schon gefunden: die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Über soziale Arbeit und vor allem eine Neuorientierung in der Bildung suchte Salomon die Frau dem Mann im gesellschaftlichen Status gleich zumachen. Dabei hatte sie innerhalb der Frauenbewegung Rückschläge zu erleiden, die vor allem auf ihre Herkunft aus dem großbürgerlichen Judentum zurückzuführen waren - da half auch der Übertritt zur evangelischen Kirche 1914 nicht. 1920 trat sie aus dem Vorstand des «Bundes Deutscher Frauenvereine» zurück, nachdem man sie bei der Wahl zur Vorsitzenden aus Angst vor antisemitischer Hetze übergangen hatte. Statt ihr wurde Marianne Weber, Ehefrau von Max Weber, gewählt. Doch Salomon machte weiter; publizierte ohne Unterlass und gründete fünf Jahre nach der verlorenen Wahl die «Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit». Diese war nicht als Gegenmodell zu den Universitäten gedacht, sondern sollte Frauen für soziale Berufe aus- und weiterbilden. Ein Jahr später erweiterte Salomon die Akademie um das «Institut für sozialwissenschaftliche Forschung». Salomon konnte berühmte Personen zu Vorträgen in der Akademie bewegen: Albert Einstein, Carl Gustav Jung, Ernst Cassirer sowie Gertrud Bäumer und Helene Weber gehörten dazu. Ihr Wirken, das mit der Gründung der «International Association of Schools of Social Work» über die Landesgrenzen hinweg ausstrahlte, erreichte 1932 seinen Höhepunkt. Sie erhielt an ihrem 60. Geburtstag die Silberne Staatsmedaille des Preußischen Staatsministeriums, die Universität zu Berlin verlieh ihr die Ehrendoktorwürde. Ein Jahr später stieß das Land seine große Tochter in die Bedeutungslosigkeit.
28. April 1918 Anja Lundholm
Anja Lundholm, die als Helga Erdtmann geboren wurde, verdiente sich ihren schriftstellerischen Ruhm mit Erzählungen über das unfassbare Leid, das ihr während der Herrschaft der Nationalsozialisten widerfuhr. Der 1988 erschienene Roman «Das Höllentor» berichtet von ihrer Zeit im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. In Westdeutschland erregte das Buch großes Aufsehen, in der DDR wurde es ignoriert. Die Offenheit des Romans und aller Erzählungen Lundholms war drastisch - zu drastisch für manche Literaturkritiker und Feingeister. Literarischen Ruhm im Sinne von Auszeichnungen erhielt sie erst ab Ende der 80er Jahre, wobei dieser nicht zu knapp ausfiel. Selbst wenn es um den Nobelpreis ging, wurde ihr Name gehandelt. Dass Lundholm überhaupt ein literarisches Werk geschaffen hat, verdankt sie ihrem Leben, das den Stoff für mehr als eine Erzählung barg; und sie «verdankt» es ihrem Vater, der mit seinem politischen und menschlichen Verrat an seiner eigenen Tochter den Grundstein für das Werk legte. Anja Lundholms Mutter entstammte einer jüdischen Bankiersfamilie aus Darmstadt; ihr Vater war ein Nationalsozialist aus Krefeld - zumindest seit er sich vom Deutschnationalen zum überzeugten Nationalsozialisten entwickelt hatte und 1934 in die Schutzstaffel («SS») eingetreten war. Seine Ehefrau beging 1938 Selbstmord. Es ist wahrscheinlich, dass der fanatisierte Ehemann sie dazu getrieben hatte. Anja selbst konnte zumindest als «Halbjüdin» noch von 1936 bis 1939 Klavier, Gesang und Schauspiel studieren, hatte sogar einige Auftritte in Ufa-Filmen. Aufgrund der danach immer schärferen Durchsetzung der Nürnberger Gesetze war der Aufenthalt für Lundholm in Deutschland nicht mehr möglich; anders als ihre Mutter suchte sie nicht durch Selbstmord der Verfolgung zu entgehen, sondern floh mit gefälschten Papieren nach Italien. Dort schloss sie sich einer Widerstandsgruppe an und brachte eine Tochter zur Welt, bevor sie durch den Verrat des eigenen Vaters 1943 an die Geheime Staatspolizei («Gestapo») ausgeliefert wurde. In Haft wurde sie verhört, misshandelt und schließlich wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Man verlegte sie nach Ravensbrück, wo sie sich zu Tode arbeiten sollte. Lundholm starb allerdings weder in Ravensbrück noch auf dem Todesmarsch, nachdem das Konzentrationslager evakuiert worden war. Vielmehr konnte sie fliehen und gelangte bei Lüneburg in die Sicherheit der britischen Armee. Das tödliche Eheverhältnis der Eltern hinterließ genauso wie das Verhältnis zum verräterischen Vater tiefe Wunden in Anja Lundholm. Zwar heiratete sie einen schwedischen Kaufmann, dessen Namen sie annahm, doch ließ sie sich nach kurzer Zeit scheiden. In ihrer Biographie «Geordnete Verhältnisse» schreibt Lundholm über die Ehe: «Heiraten heißt gehorchen und immer Angst haben zu müssen, dass man etwas falsch macht und angebrüllt wird. [...] Ich will frei sein, wenn ich erwachsen bin. Freiheit muss etwas sehr Schönes sein.» Eben dort schreibt sie über sich als Kind, und diese Selbsteinschätzung lässt vor allem auf das Verhältnis zum Vater tief blicken: «es war von Anfang an ausgemacht, dass ich kein Kind zum Liebhaben bin.» |