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Im Paris des Nordens

Riga lockt mit einer Vielzahl an Attraktionen. Auch interessantes Jüdisches lässt sich ohne Mühe entdecken

Als «Paris des Nordens» wurde Riga, die heimliche Hauptstadt des Baltikums, einstmals bezeichnet - und seit ihrer Aufnahme in die Europäische Union bemüht sich die Hauptstadt Lettlands darum, ihren Ruhm möglichst schnell wieder zurück zu gewinnen. Am geographischen Schnittpunkt vieler Kulturen gelegen, haben unterschiedliche Nationen in Riga ihre Spuren hinterlassen: Schweden, Russen und nicht zuletzt Deutsche. Inschriften in den Kirchen erinnern an den Einfluss von Deutschorden und Reformation, Denkmäler zeugen von der Barbarei während des Zweiten Weltkriegs. Seit 1991 genießt Lettland nun wieder seine Unabhängigkeit und tut alles dafür, den spröden Charme einer ehemaligen Sowjetrepublik abzulegen.

Nach der unkomplizierten und bei rechtzeitiger Buchung auch preisgünstigen Anreise kann der Besucher bereits auf dem Weg vom Rigaer Flughafen in Richtung Altstadt den Erfolg dieser Bemühungen spüren. Vom etwas außerhalb der Stadt gelegenen Flughafen, der von zahlreichen deutschen Städten aus angeflogen wird, kann man durchaus den Linienbus in die Innenstadt nehmen. Wer es bequemer haben möchte und gerade in der kalten Jahreszeit nicht auf den Bus warten will, hat natürlich auch die Möglichkeit mit Hotelshuttlebussen oder Taxi den Stadtkern zu erreichen. Auch an Unterkünften steht eine breite Auswahl zur Verfügung. Von uneingeschränkt annehmbaren Jugendherbergen bis zur höchsten Kategorie von Luxushotel hat der Reisende auch hier die Qual der Wahl. Wer allerdings glaubt, sich bei Unterkunft oder Verpflegung gesund sparen zu können, hat sich getäuscht. Spätestens seit dem Beitritt zur EU gleichen sich auch in Lettland die Preise allmählich an jene im restlichen Europa an.

Doch wer sich den Bann von Rigas Altstadt ziehen lässt, wird kaum darüber nachdenken, ob sich hier oder dort ein paar Lats sparen lassen. Denn das Weltkulturerbe ist wahrhaftig eine architektonische Perle. Mittelalterliche Häuser mit gotischen Dächern, Gildenhäuser aus der Renaissance, barocke Privathäuser und Kirchen aus dem 13. Jahrhundert - Schätze aus jeder Epoche finden sich hier. Ein absolutes Muss ist hierbei der Dom mit seiner bunten Mischung an Baustilen zwischen Romanik, Gotik bis hin zum Barock sowie seiner bei ihrer Einweihung größten Orgel der Welt. Obwohl diese derzeit restauriert wird und nur ein Bruchteil ihrer Pfeifen zur Verfügung steht, ist der Besuch eines abendlichen Orgelkonzerts ein Ereignis. Auch die Peterskirche sollte man sich nicht entgehen lassen, wobei hier vor allem der Blick über die Altstadt vom Kirchturm des 1941 durch einen Brand zerstörten Gotteshauses lockt. Ob der Brand von der abziehenden Roten Armee oder den vorrückenden deutschen Truppen geschuldet ist, ist bis heute nicht geklärt.

Auch ein Abstecher auf den Zentralmarkt sollte für jeden Besucher auf dem Programm stehen. Der Markt ist einer der größten Europas und Blickt auf eine über 800-jährige Geschichte zurück. Heute befindet er sich in fünf riesigen Zeppelinhangars, die zwischen 1924 und 1930 errichtet wurden. Auf 57.000 Quadratmetern bieten bis zu 1.250 Verkäuferinnen und Verkäufer tagtäglich ihre Ware feil -blutige Schafsköpfen, aber auch Obst und Gemüse und natürlich immer wieder Fisch in den verschiedensten Varianten. Selbst wer sich nicht geneigt fühlt, sich hier mit Nahrung einzudecken, allein das Treiben in den Hallen kann einen für Stunden in den Bann ziehen.

Einzigartig in Europa ist jedoch Rigas Reichtum an Jugendstilbauten, die vor allem die Straßenzüge um die Albertstraße herum kennzeichnet - Bestandteil auch jeder Tour durch das jüdische Riga, denn der bedeutendste Jugendstilarchitekt der Stadt war Mikhail Eisenstein, niemand anderes als der Vater des berühmten Regisseurs Sergej Eisenstein. Damit eröffnet sich ein erster Blick auf das «jüdische Riga». Ein Blick, der bei einem kurzen Aufenthalt in der Metropole leicht zu kurz kommt, der aber eine ganz eigene Anziehungskraft der Stadt ausmacht.

Denn aus jüdischem Blickwinkel betrachtet, gehört Riga zu den absoluten Highlights unter den Städten Europas - und gilt auch für erfahrene Reisende als unentdeckte Perle. In den offiziellen Führungen und Reiseführer spielt das jüdische Riga nur eine untergeordnete Rolle, weswegen «milk&honey tours», das jüdische Tourunternehmen aus Berlin, ab Januar auch Entdeckungsreisen durch Riga anbietet.

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Ein Kaleidoskop jüdischer Lebenswelten wird da vor dem Reisenden ausgebreitet: vom Eisensteinhaus in der Albertstraße, wo einer der berühmtesten jüdischen Söhne der Stadt, der Philosoph Isaiah Berlin, aufwuchs, geht der Weg vorbei an der Peitva Schul, der einzigen Synagoge, die die Nazizeit überlebte. Das Gebetshaus wurde 1905 erbaut, wurde durch seine Nähe zur Altstadt davor bewahrt, niedergebrannt zu werden, und ist noch heute in Gebrauch. In der Stille des Gebäudes ist das in ganz Europa so seltene Gefühl einer Synagoge entdecken, die über Jahrzehnte hinweg einfach ihrer Bestimmung gemäß in Benutzung war. Nichts Künstliches, nichts Aufgesetztes raubt dem Besucher den Atem, das Gotteshaus kann ohne Sicherheitskontrollen betreten werden - selten lässt sich in einer Synagoge so frei atmen wie hier. Der weitere Weg führt zum Parlamentsgebäude, wo man von der Beteiligung jüdischer Demokraten am Aufbau des ersten unabhängigen Lettland erfahren kann - und von den Aktivitäten der jüdischen Parlamentarier im heutigen lettischen Parlament.

Maskavas, die Moskauer Vorstadt, war das historische jüdische Viertel. Im 19. Jahrhundert befand sich hier das wichtigste Wohnviertel der Juden Rigas. Einzigartig ist die großflächig erhaltene zusammenhängende Bebauung mit landestypischen kleinen Holzhäusern. Zum Getto wurde das jüdische Viertel erst unter den Nazis. Wichtige jüdische Institutionen existieren auch heute wieder in diesem Bezirk. Eine private jüdische Schule bezog das noch erhaltene Gebäude der ersten jüdischen Säkularschule in Riga von 1830. Auch das jüdische Krankenhaus Bikur Holim wird noch genutzt.

Der Platz, an dem die Große Choralsynagoge einst stand, und der alte jüdische Friedhof erinnern heute als Orte des Gedenkens an die Gräueltaten der Nazis. Nachdem zu Beginn des Zweiten Weltkriegs unter den Tausenden von Letten auch rund 5.000 Juden waren, die von den Sowjets nach Sibirien verschleppt worden waren, fiel die Stadt 1941 in deutsche Hände. Um die deutschen Toten im Kampf um die Altstadt zu rächen, wurden bereits in den ersten Tagen Hunderte Juden ermordet. Am 4. Juli 1941 sperrten die Deutschen dann rund 300 Juden in die Große Choralsynagoge und steckten das Gebäude in Brand. Es gab keine Überlebenden. Auch das Friedhofsgebäude wurde zerstört. Der alte Friedhof selbst wurde in der Sowjetzeit eingeebnet.

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Die Orte der Massenmorde an mehr als 60.000 Juden in den Wäldern vor Riga, Rumbula and Birkenieki, bieten mit ihren bewegenden Denkmälern den Rahmen für Trauer und Gedenken an das dunkelste Kapitel der jüdischen Geschichte in Riga. Einen guten Überblick über die Geschichte der lettischen Juden erzählt das hervorragende kleine jüdische Museum im Gemeindezentrum in der Skolas Straße. Beeindruckend wird hier dokumentiert, wie multikulturell die jüdische Welt im kleinen Riga einstmals war. Ein Blick auf eine Vielzahl an jüdischen Zeitungen und Zeitschriften in den unterschiedlichsten Sprachen - jiddisch, russisch, hebräisch, deutsch, lettisch, französisch - genügt vollkommen aus, um den Beweis dafür zu liefern.

Bei aller Trauerarbeit, die auch in Lettland geleistet werden muss, ist der Blick in die heute wieder - anderer sagen: immer noch - lebendige die Gemeinde. Beim Gang durch das Gemeindehaus, in dessen 3. Stock das Museum liegt, wird diese Lebendigkeit spürbar. Bereits am Freitagvormittag laufen hier die Vorbereitungen für Schabbat auf Hochtouren, wird eifrig alles vorbereitet. Wer nach dem Besuch von Museum und Gemeindehaus eine Stärkung braucht, kann diese bei einem einfachen, aber wohlschmeckenden Mahl im koscheren Restaurant «L'chaim» um die Ecke bekommen.

Hier kann man Juden treffen, die Lettisch, Russisch oder in der älteren Generation auch Jiddisch und Deutsch sprechen - oder Vertreter einer jungen Generation, die ihre jüdische Identität mit großer Selbstverständlichkeit lebt. Aus dieser Gruppe hat «milk&honey tours» für Reisende aus aller Welt eine kleine Anzahl an Guides ausgesucht, die auf unterschiedliche Weise in das jüdische Riga involviert sind und die ihr Wissen und ihre Erfahrungen bereitwillig an ihre Gäste weitergeben.

So lassen sie die Besucher teilhaben am Aufbruch einer 20.000 Mitglieder starken Gemeinde, die als Teil der aufstrebenden Stadt Riga ihren Weg macht. Wie Sergej, einer der «milk&honey»-Guides, lachend erzählt: «Natürlich waren meine Freunde schon mit mir in der Synagoge - genauso wie ich mal an Weihnachten mit in deren Kirche gehe - das ist ganz normal für uns!» Elana, eine andere Guide, zieht uns später in einen kleinen Zeitschriftenladen und zeigt uns eine illustrierte populäre lettische Frauenzeitschrift und schlägt stolz die aktuelle Beilage auf: «Wie feiere ich eine jüdische Hochzeit», bebildert mit Fotos eines rauschenden Festes unter der Chuppa!

Das jüdische Riga, wie die ganze Stadt, schaut vorwärts ins 21. Jahrhundert. Auch für einen kurzen Aufenthalt ist sie ein lohnendes Reiseziel. Und mit der richtigen Führung lässt sich hier viel Jüdisches entdecken. Auch im Winter.

Florian Behr

Information:

www.milkandhoneytours.com

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2007