Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Ernsthafte Identitätsprobleme?Die soldatischen Aufklärer von "Schovrim Schtika", die Menschenrechtsverletzungen der Armee in den besetzten Geiten dokumentieren, stehen im Kreuzfeuer der Kritik
In Israel gerät die Nichtregierungsorganisation «Schovrim Schtika» derzeit unter scharfen Beschuss. Die Initiative hatte anonyme Zeugenaussagen von Soldaten veröffentlicht, die die im Goldstone-Bericht vorgeworfenen «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» von Seiten israelischer Truppen während der letzten Gaza-Offensive bestätigen - und zwar aus erster Hand. Ein israelischer Militärsprecher bezeichnete den Report als «unseriös», da sämtliche Statements ohne Nennung der persönlichen Daten und ohne exakte Angaben über die jeweils beanstandete Aktion erfolgt seien.
«Schovrim Schtika» («Das Schweigen brechen») wurde im Februar 2004 als Nichtregierungsorganisation von dem ehemaligen Soldaten Jehuda Schaul in Kooperation mit weiteren israelischen Ex-Soldaten gegründet. Einerseits sollte die Initiative die israelische Öffentlichkeit über die weitgehend ausgeblendeten Schwierigkeiten in den besetzten Gebieten aufklären; andererseits wurde sie als Plattform für den Austausch unter ehemaligen Soldaten konzipiert, um traumatische Erlebnisse während ihres Einsatzes an der Waffe besser verarbeiten zu können.
Die Organisation versteht sich heute vorrangig als Bürgerrechtsbewegung. Sie versucht, so die Selbstauskunft, «die Situation der Palästinenser innerhalb Israels wie auch in den besetzten Gebieten zu verbessern», indem ihre Mitglieder Informationen über den Frontalltag öffentlich zugänglich machen. Auch die hohe Suizidrate unter israelischen Soldaten und illegale Übergriffe der Truppe auf Zivilisten werden von «Schovrim Schtika» thematisiert. So soll eine bessere Betreuung für traumatisierte Soldaten erreicht werden. Konkret bereiten die Mitglieder hierzu Dokumente, Augenzeugenberichte und Bildberichte aus dem Besatzungsalltag auf und stellen sie aus; auch internationale Vortragsreihen werden organisiert. Weiterhin bietet «Schovrim Schtika» betreute Führungen durch den Gazastreifen, das Westjordanland und die Golan-Höhen an.
Von der israelischen Regierung werden die Aktivitäten mit Argwohn betrachtet. Kritik an der «moralischsten Armee der Welt» (O-Ton Verteidigungsminister Ehud Barak) ist generell nicht gern gesehen; kommt sie dazu noch aus den eigenen Reihen, ist der Vorwurf der Nestbeschmutzung und sogar des Landesverrats nicht weit. Die unbeschönigte Auseinandersetzung mit dem israelischen Vorgehen während der Gaza-Offensive «Gegossenes Blei» 2008/09 ist unerwünscht: Auch die Aufstellung der im Goldstone-Bericht geforderten Untersuchungsausschüsse, die möglichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit nachgehen sollten, blockte die Regierung kategorisch ab.
Nicht nur israelische Politiker, auch die Öffentlichkeit versagt der Organisation weitgehend ihre Solidarität. Bei der Radiostation der israelischen Armee «Galej Zahal» haben die aufklärerischen Soldaten keinen guten Leumund. So sendete der Sender beispielsweise ein Geplänkel zwischen den bekannten Moderatoren Kobi Arieli und Irit Linor, in dem die «Schovrim Schtika»-Aktivisten als «Verräter» mit «ernsthaften Identitätsproblemen» und «hässlichen Visagen» bezeichnet werden. Arieli fragte während der Sendung sogar, warum die «tapferen israelischen Soldaten» sie «nicht grün und blau schlagen» und «entstellt zurück nach Hause schicken» könnten.
Vor diesem Hintergrund erscheint es leicht verständlich, dass die im jüngsten Report von «Schovrim Schtika» zitierten Zeugen anonym bleiben möchten: Eine Veröffentlichung der persönlichen Daten würde sie sehr wahrscheinlich unkontrollierten Anfeindungen aussetzen. Nicht zu Unrecht hinterfragt das linksliberale israelische Diskussionsforum «Israleft» die faktische Meinungsfreiheit im Staat, wenn eine Betitelung der «Schovrim Schtika»-Informanten als «Stück Scheiße» durch eine öffentliche Radiostation wohlwollend geduldet wird - die bestürzenden Berichte der derart Angefeindeten aber keiner Diskussion würdig scheinen.
Gegen die aufgeheizte Stimmung gegenüber der Soldateninitiative haben nun diverse Menschenrechtsorganisationen in einem Protestschreiben Stellung bezogen. «Schovrim Schtika» spiele eine enorme Rolle in der Aufdeckung von «Illusionen» über die Verhältnisse in den besetzten Gebieten im Allgemeinen und der letztjährigen Gaza-Offensive im Besonderen, so der Wortlaut des Schreibens. Hier werde der «weichgezeichneten offiziellen Sicht des Krieges die harte Realität entgegengesetzt», und das sei «bitter nötig», sagen die Protestierenden.
«Schovrim Schtika» war schon vor der Veröffentlichung der 54 Augenzeugenberichte für seine in Israel kontrovers diskutierten Aktionen bekannt. Bereits im letzten Jahr erntete ihr, durch die israelische Polizei blockierter Versuch, detailliert über die Siedlungsaktivitäten in Hebron zu informieren, ein großes Medienecho in Israel. Im Zuge dessen wurden die «Schovrim Schtika»-Aktivisten von den Sicherheitskräften als «Plattform für Linksextreme», die die «Region destabilisieren» wollten, bezeichnet.
Kurz nach der Gründung im Jahr 2004 sorgte eine Fotoausstellung in Tel Aviv, die die Situation in den besetzten Gebieten darstellte, für Aufsehen. Das Militär verhörte daraufhin drei israelische Soldaten, die ihren Reservedienst in der Region Hebron dokumentiert hatten, auf das Strengste. Ihnen wurde damals unterstellt, ihrerseits selbst jene Verbrechen an der palästinensischen Zivilbevölkerung begangen zu haben, die sie beobachtet und fotografiert haben wollen. Außerdem sollten sie zur Herausgabe der Personendaten jener Zeugen, die für die Ausstellung interviewt worden waren, genötigt werden.
In diesen und weiteren Fällen berichteten «Schovrim Schtika»-Aktivisten von Einschüchterungsversuchen von Seiten des Militärs. Den jeweils thematisierten Missständen wurde jedoch von offizieller Seite nicht nachgegangen.
Die israelische Regierung betrachtet so auch die jüngste Veröffentlichung in erster Linie als Angriff auf ihre Deutungshoheit des Nahostkonflikts - und bemüht sich um ein stillschweigendes Trockenlegen der Finanzierungsquellen von «Schovrim Schtika». Gelder sollen aus den Niederlanden und Spanien an die Organisation überwiesen worden sein; israelische Diplomaten brachten deshalb ihren Protest bei den entsprechenden Generalkonsuln vor. Rein rechtlich ist der internationale Geldtransfer allerdings nicht zu beanstanden. Sollte dennoch ein derartiges Gesetz forciert werden, wäre die Ungleichbehandlung von «Schovrim Schtika» gegenüber ebenso auf Auslandsspenden angewiesenen israelischen NGOs wie etwa der karitativen «Hadassah» schwer zu begründen.
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