Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Wir sind auch Patrioten, aber wir wollen nicht im Krieg leben»Gefangen zwischen Krieg und AusländerrechtSonntagmittag, die Plattenbausiedlung «Am Schlaatz» in Potsdam. Geschirrklappern dringt auf die unbefahrene Straße am Rand des Wohngebietes. Vom gegenüberliegenden Sportplatz einer Schule tönt Ballgeknuffe. Aus dem mit einem weißen Weihnachtsstern verzierten Fenster dringen Sprachfetzen auf Russisch. Hier wohnen Ernest Gorodetskiy, 67, und seine derzeitigen Gäste, die 83-jährigen Bluma Kogan und Michael Fidelman. Die beiden Besucher sitzen in legerer Hauskleidung gemeinsam, eng aneinander geschmiegt, auf einem breiten Sessel im Wohnzimmer der Zweiraumwohnung. Hinter ihnen hängt eine mannshohe Israelfahne. Postkarten und jüdische Symbole zieren die Stubenwand. Der Raum versprüht den Charme einer osteuropäischen Neubauwohnung. Bluma Kogan und Michael Fidelman schauen das klassische Konzert zur Mittagszeit auf «3sat». «Das ist Karajan!», erklärt Bluma mit leuchtenden Augen und zeigt auf das krisselige Bild des Fernsehers. Raketen auf das Nachbarhaus Am 4. August kamen sie von Israel nach Deutschland. Der Neffe von Michael Fidelman, der Potsdamer Ernest Gorodetskiy, finanzierte ihren Flug und nahm die Verwandten in seiner Wohnung auf. Bluma: «Wir waren sofort mit der Idee einverstanden. Es war die einzige Lösung.» Seit 15 Jahren, von der ersten Minute an, so Michael, lebt das Paar in Zfat. Die beiden russischen Juden wanderten mit ihrer Tochter damals von Moskau nach Israel aus. Die heute 50-jährige Tochter blieb in der Stadt, arbeitete weiter in der Schokoladenfabrik. «Aber nur nachts. Tagsüber flogen die Grad-Raketen. Die sind auch aus russischer Produktion und noch gefährlicher als die Katjuschas», erklärt Michael fachkundig. «Die Straßen waren leer. Alle Leute, die konnten, verließen die Stadt», beschreibt Bluma die Lage in Zfat. «Es gab keinen offiziellen Evakuierungsplan der israelischen Regierung», so Bluma. «Man hatte das Gefühl, dass jeder für sich allein lebt und stirbt.» Außer ihrer Tochter haben die Alten keine Verwandten oder enge Freunde in Israel. Sie hörten von Flüchtlingshilfen wie die des sowohl reichen wie auch dubiosen russisch-jüdischen Geschäftsmanns Arkadi Gaidamek. «Aber nur hier in Deutschland sind sie wirklich in Sicherheit», meint Ernest Gorodetskiy. «Wir sprachen damals jeden Tag am Telefon und waren überzeugt: heute schießen sie auf Zfat, morgen auf Tel-Aviv. Hierher nach Potsdam kommen die Raketen nicht.» «Jeder Mensch will in Ruhe und Frieden leben» «Wenn es möglich ist, dann möchten wir hier bleiben», sagen Bluma und Michael. Bluma, die am Moskauer Konservatorium studierte und jahrzehntelang als Musiklehrerin arbeitete, möchte gern etwas von ihrem Wissen weitergeben. Deutsch versteht und spricht sie ein wenig. Bluma: «Ich möchte lieber deutschen Kindern Musik beibringen und nicht im Krieg leben.» Auf die Frage, ob sie Israel denn mittlerweile als ihre zweite Heimat erachteten, antwortet Michael, der in Moskau als Jurist beschäftigt war, ernst und entschieden: «Nein. Wir sprechen fast kein Hebräisch und fanden auch keine Arbeit mehr. Aber wir lieben unsere Arbeit.» Über die Stadt Potsdam finden Beide eine kurze Einschätzung: «Wunderbar! Traumhaft!». Sowohl Bluma als auch Michael haben den Zweiten Weltkrieg in den Reihen der Roten Armee miterlebt. Ernest Gorodetskiy sieht im Deutschland von heute ein anderes Land und andere Menschen. «Ich fühle mich gut hier und bin Deutschland dankbar», so Gorodetskiy, ein gelernter Arzt, der regelmäßig als Schauspieler und Sänger in Jüdischen Gemeinden auftritt. Die beiden Alten wollen gern bleiben, denken an einen Asylantrag. Die Ausländerbehörde in Potsdam signalisierte jedoch bereits, dass ein Asylantenstatus für Kogan und Fidelman nicht in Frage komme. Kaum Chancen auf einen Asylantrag Nach zwei Beratungsrunden von Innenministerium und Stadtverwaltung wurde Nebrats Gesuch in der Sache abgelehnt. Der Fachbereichsleiter für Soziales, Arbeit und Gesundheit der Stadt Potsdam, Andreas Ernst, setzte auseinander, dass die dem Krieg Entflohenen als «Gäste bzw. Besucher» ohne Visum und mit israelischem Pass nach Deutschland eingereist seien. Ein «ausländerrechtlicher Status» ergebe sich in ihrem Fall nicht. Laut Ernst hatte sich im Zuge der Beratungen auch die israelische Botschaft eingeschaltet und den deutschen Behörden ihre Sicht der Dinge dargestellt. Israel sei ein Sozial- und Rechtsstaat und kümmere sich selbst um seine Bürger; sollten die israelischen Bürger Hilfe benötigen, so könnten sie sich an die Botschaft wenden, so der sinngemäße Wortlaut der Mitteilung. Laut Ernst seien alle vier Israelis über 70 Jahre. Vor allem die 83-jährigen Fidelman und Kogan benötigten regelmäßige medizinische Beobachtung. Ein auf den Beratungsrunden vorgeschlagener einmaliger Gesundheitscheck machte daher laut Ernst aber keinen Sinn. Passende medizinische Betreuung erhielten die Alten schließlich in Israel. Für eine unproblematische Versorgung der Alten mit Lebensmitteln im finanziellen Notfall empfahl er die Potsdamer Tafel. Mit verschiedenen Vereinen, Institutionen und Unternehmen sollte zudem eine finanzielle Soforthilfe von 100 Euro pro Kopf für die aus Israel Geflohenen organisiert werden. Eine große Chance für einen Asylantrag der russisch-jüdischen Israelis nach Deutschland bestünde laut Ernst auch nicht: «Das ist problematisch. Sie sind nicht staatenlos, haben damals Israel als neue Heimat gewählt. Ich denke, das wird schwer.» Nur ein großer Zirkus? |