Neubauten für Eretz Israel

Status quo für die Ewigkeit oder Warten auf die "Mutter der Kriege?" - Eine Begegnung mit dem Denken jüdischer Siedler von Ofra

 

«Obamas kommen, Obamas gehen, Israel bleibt», lächelt Jitzchak Shashar. Gemeint ist: Israel bleibt hier in Ofra, einer Siedlung in Samaria, 20 Kilometer nördlich von Jerusalem. 1947 war hier im Teilungsplan der UNO ein arabischer Staat vorgesehen, den die Palästinenser so nicht wollten. Einen Krieg und zwei Jahre später annektierte damals Jordanien das Westufer des Jordan. Aber im Sechstagekrieg von 1967 eroberte Israel dann seinerseits das nun von den Siedlern «Judäa und Samaria» genannte Westjordanland. Das Gebiet wurde durch die Friedensverträge von Oslo von 1993 kantonsähnlich dreigeteilt: A wie palästinensische «Autonomiegebiete», B wie israelisch «besetze Gebiete» der Palästinenser und C - für Palästinenser weitgehend gesperrte «jüdische Siedlungen». Der von der Weltgemeinschaft geforderte Staat der Palästinenser im Westjordanland nimmt so anno 2009 die Form eines durchlöcherten Schweizer Käse an.

 

Jitzchak Shashar sieht darin kein Problem. Für ihn steht fest: Die Palästinenser wollen auch heute keinen eigenen Staat, sondern ganz Palästina. Deshalb sei der jetzige Status quo besser. Israel versorge die Nachbarn angemessen, so Shashar, das müsse genügen. Mit seinen Armen gestikulierend zeigt er an, wie die Straßen beider Seiten apart übereinander und untereinander geführt werden können, damit man sich nicht in die Quere kommt. - Was in 40 Jahren sein wird? «Dasselbe wie jetzt. Es wird keine zwei Staaten geben. Es wird keinen Millimeter Bewegung geben.»

 

Laut israelischer Statistik ist Ofra 1975 als erste Siedlung in der Region «Benjamin» gegründet worden. Die Einwohnerzahl hat vor zwei Jahren die Marke von 2.600 überschritten. Insgesamt leben heute ca. 500.000 jüdische Siedler in dem besetzten Westjordanland. Und sie steigt zügig weiter, wie Shashar erklärt, weil die Siedler oft acht bis zehn Kinder hätten. In Tel Aviv, so lästert der 80-Jährige, hätten die Familien dagegen nur ein Kind und einen Hund. Überhaupt, Tel Aviv. Das sei laut Shashar gar kein originär «jüdisches Land»: «Dort steht die Universität auf den Ruinen eines arabischen Dorfes,» so Shashar. Ofra dagegen sei ursprünglich ein jordanisches Camp gewesen, habe also keinen festen Grundbesitzer gehabt - herrenloses Land. Behauptungen, ein großer Teil des heute umzäunten Siedlungslandes Ofras habe den Palästinensern der nahegelegenen Dörfer von Ein Yabrud und Silwad gehört, schenkt Shashar keinen Glauben: «Da sind viele Ansprüche gefälscht.»

 

Wahrzeichen an der Einfahrt nach Ofra: ein Jeep aus den ersten Tagen des Landnahme, Mitte der 1970er Jahre.

Foto: Babilon

Die Frage des Grundbesitzes ist brisant. Wie die israelische Zeitung «Haaretz» Ende Oktober berichtete, haben das israelische Verteidigungsministerium und das Innenministerium eine Kommission gegründet - besetzt mit einem Geographen, einem Juristen und einem Archivar - die sich mit den umstrittenen Besitzverhältnissen in den jüdischen Siedlungen auseinandersetzen soll. Ein Zugeständnis an Obama. Dr. Jitzchak Shashar, der früher Geographie, Hebräisch und Bibelwissenschaften lehrte, hat schon eine fertige Antwort auf die israelische Regierungsinitiative. Er verweist auf die Tora: «Judäa und Samaria gehören zu Eretz Israel, dem Land, das Gott den Juden für immer gegeben hat.» Die Begründung dafür findet Shashar in der Bibel: «Das ist für uns ein religiöses Buch und zugleich ein Geschichtsbuch.» Die absolute Wahrheit also für einen wie Shashar.

 

Die Frage nach «Recht» ist nicht erlaubt

 

Der Einwurf, warum es Menschen, die früher oder später hier siedelten, geschichtlich dagegen nicht zustünde, hier ihren eigenen Staat zu bilden, stößt bei Shashar auf taube Ohren. Vom Völkerrecht möchte er in diesem Zusammenhang nichts wissen.

 

Dabei zeigt sich Shashar schon seit Langem dialogbereit. Der 1933 vor den Nazis mit einer großen Arzt- und Rabbinerfamilie aus Hamburg nach Jerusalem Geflohene hat im Nachkriegsdeutschland oft an christlich-jüdischen Dialogen des Denkendorfer Kreises mitgewirkt. Aber er pocht auf unterschiedliche Deutungen der Bibel: «Im Judentum darf man alles hinterfragen. Aber in der Bibelauslegung ist die Frage „Wer hat Recht?" nicht erlaubt.» Und so untermauert Shashar die Gebietsansprüche der religiösen Zionisten, die in Ofra und anderen jüdischen Siedlungen des Westjordanlandes das Sagen haben. Und er verweist nachdrücklich darauf, dass die Araber Israel als «jüdischen Staat» anerkennen müssten.

 

Die Zweistaaten-Lösung, die durch die ständig wachsenden jüdischen Siedlungen weiter erschwert wird, kommt für Shashar zwar theoretisch in Frage, aber in der Praxis nicht. Er weist dabei darauf hin, dass es in und um Ofra zu Anfang ein friedliches Nebeneinander von Juden und Arabern gegeben habe. Erst seit Arafat und der Ersten Intifada (1987-1993) seien Zäune, Hunde, Patrouillen und Waffen zum Schutz der Siedlung notwendig geworden. Heute könne kein Jude in die arabischen Nachbardörfer gehen. Die nachts hell ausgeleuchtete Schnellstraße 60, den Trägern eines israelischen Passes und arabischen Lizenz-Taxis vorbehalten, sei laut Shashar «ein Segen». Das System der «Straßen-Apartheid», das der Oberste Israelische Gerichtshof an anderer Stelle in Frage gestellt hat, erlaubt es in der Tat, mit dem Auto von Givat Ze'ev am Nordrand Jerusalems in zwanzig Minuten ans eiserne, hohe Eingangstor von Ofra zu gelangen.

 

Sicherheit, Wasserquellen, Eretz Israel

 

Hier leben zugewanderte Juden aus vielen Ländern: aus West- und Mitteleuropa, den ehemaligen Sowjetstaaten, Äthiopien, Marokko. Das große Mädchen-Internat prägt das Erscheinungsbild des Ortes. Es gibt Grundschulen, Kindergärten, auch ein kleines Einkaufszentrum mit Gesundheitshaus. Die große Synagoge auf dem Hügel überragt die Siedlung. Dass die Ofraner zu den nationalreligiösen Zionisten zählen, die hier in fundamentalen Fragen jüdischer Identität prinzipiell der gleichen Meinung sind, ist äußerlich schon an ihren gestrickten Kippas zu erkennen.

 

Schon die Verwendung von Personennamen im Gespräch ist hier gleichbedeutend mit guten oder schlechten Nachrichten. «Netanyahus Likud», legt sich Shashar, nach Parteipräferenzen gefragt, fest. Der aktuelle Ministerpräsident müsse aber seiner Ansicht nach viel zu viel Rücksicht auf Obama und den Koalitionspartner Ehud Barak (Arbeitspartei) nehmen. Likud-Rechtsaußen Moshe Feiglin, den Netanyahu wegen dessen wiederholten faschistoiden Äußerungen politisch ins Abseits zu drängen versucht, besitzt für Shashar da schon eher das richtige Profil. Europäern rät Shashar, nicht den «verlogenen» Friedensaktivisten Uri Avnery oder die «linksextreme» israelische Zeitung «Haaretz» zu lesen. Und Präsident Shimon Peres? Kopfschütteln.

 

Der 80-jährige Shashar hält an seiner Zukunftsvision fest: ein Großisrael vom Mittelmeer bis zum Jordan. Denn das bedeutet für ihn erstens Sicherheit, zweitens uneingeschränkten Zugriff auf die unterirdischen Wasserquellen des Westjordanlandes und drittens die Heimkehr nach «Eretz Israel». Die Fakten seien geschaffen: «Die Menschen leben schon hier».

 

Unser zweiter Gesprächspartner in Ofra, Leib Slepoi, 71, stammt ursprünglich aus Odessa und war im russischen Kalugaals Physiker tätig. Slepoi geht Shashars Zukunftsprognose vom 40-jährigen Stillstand in den Annäherungsversuchen zwischen Juden und Palästinensern in den besetzten Gebieten nicht weit genug. Hundert Jahre werde sich nichts bewegen im ABC der Gebiete von Judäa und Samaria, so Slepoi. Aber dann drückt er seine größte Sorge aus: «Der Druck des Konflikts wird nicht hier, sondern an anderer Stelle zur Explosion führen.» Die Gefahr geht für Slepoi vom Iran und von der libanesischen Hisbollah aus. Die Fatah von Mahmud Abbas werde bei diesem Krieg der Kriege mitmischen, aber nicht die Hauptrolle spielen.

 

«Die Araber müssen das Land verlassen»

 

Auch Slepoi argumentiert mit der Geschichte. Für ihn ist klar, dass «die Araber aus der Geschichte nichts gelernt» haben, die militärischen Konflikte seit 1948 sind ihm dafür Beweis. Der große Konflikt, den Slepoi kommen sieht, werde sehr ernst sein: «In Israel leben 1,2 Millionen Araber, die zu 90 Prozent sehr feindlich gegenüber den Juden sind. Diese Feindschaft wird heute nicht aktiv gezeigt. Im Falle des großen Konflikts muss man aber mit grausamen und harten Pogromen rechnen.» Slepoi erachtet in seinem Szenario daher eine Vertreibung der Palästinenser aus Israel und den Besetzten Gebieten für unvermeidlich: «Die Mehrheit der israelischen Araber muss dann das Land verlassen. Sie sind Feinde Israels und müssen nach Jordanien, Syrien, Ägypten gehen.» Eine ethnische Säuberung ist für den Zugewanderten beschlossene Sache, denn, so Slepoi: «Die Araber wollen gar keinen eigenen Staat im Westjordanland.» Auch die Bemühungen Europas hält er für verfehlt. Die Fatah sei laut Slepoi durch und durch korrupt, lenke die Hilfsgelder lieber auf die eigenen Konten. Eine andere Option als die Fatah im Westjordanland sieht Slepoi aber auch nicht: «Einen Sieg der Hamas im Westjordanland wird Israel aus Sicherheitsgründen verhindern.»

 

Auch an Ofras Außenposten Amona wächst die Zahl mobiler Unterkünfte.

Foto: Babilon

Eher pragmatisch reagiert Leib Slepoi auf Nachfragen zu den Ausbaumaßnahmen in Ofra. Auf dem höchsten Berg des Westjordanlandes, gleich nebenan, hat Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 eine Luftradar-Station errichtet. Die jüdischen Arbeiter, die das Tal neben dem palästinensischen Dorf Ein Yabrud in den 1970ern einzäunen sollten, zogen kurzerhand im Camp ein. Ihre nachrückenden Familien begannen den Siedlungsbau. Heute umfasst Ofra mehrere schmucke Neubaugebiete für Jerusalem-Pendler und Pensionäre. Auf einer Anhöhe unweit Ofra liegt der Außenposten Amona, von dem Ex-Premier Olmert 2005 vier Siedlungsbauten räumen lassen wollte und sich massiven Widerstand der «Hügeljugend» einhandelte. Die israelische Polizei ging damals mit großer Brutalität vor. Auch Leib Slepoi wohnt in einem engen Häuschen des alten jordanischen Camps.

 

Der Abriss wurde von den Siedlern angekündigt - und vorerst abgesagt. Aber auch Genehmigungen für neue Häuser bleiben in Ofra und Amona derzeit aus. Deshalb baut man jetzt in Ofra sogenannte «Caravillas» zusammen, mobile Fertighäuser auf Eisenfundamenten, die für 330 Euro monatlich komfortable Vier-Zimmer-Wohnungen bieten. Unauffällig erweitern und erneuern sie den Wohnraum in Ofra. Sie sind genehmigungsfrei und mit Air Condition ausgestattet - probate Methoden gegen Obamas Einfrierungswünsche des Siedlungsbaus.

 

Aram Babilon

«Jüdische Zeitung», November 2009