"Spiritueller Prozess" für München

Das Gemeindezentrum der liberalen "Beth Shalom"-Gemeinde soll nnach Plänen des Stararchitekten Daniel Libeskind entstehen

 

Gemütlich war es nicht: Ein eiskalter Oktober-Donnerstag, an dem in München-Lehel die Stadtverwaltung und die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom mit ihren rund 300 Mitgliedern zum Ortstermin für den Neubau eines Gemeindezentrums sowie einer Synagoge einluden. Trotzdem sollte es ein besonderes Ereignis werden. Eine Handvoll Anwohner äußerten verblümten Unmut darüber, dass auf der zugewachsenen Fläche, die ursprünglich für den Wohnungsbau ausgewiesen war, der seit über siebzig Jahren erste Neubau einer liberalen Synagoge in Deutschland entstehen soll, dem ein Kindergarten, ein Seniorenheim, ein Begegnungscafé und eine Bibliothek angeschlossen würden. Mittlerweile seien aber, so Jerry Swartzberg, Projektleiter der neuen Synagoge, die Wogen geglättet, die Anwohner nun eher «positiv gestimmt», auch der gesamte Bezirksausschuss unterstütze überparteilich das Projekt.

 

Jan Mühlstein, Gründer der liberalen jüdischen Gemeinde in München und Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland, meinte, die Errichtung einer neuen liberalen Synagoge sei die «konsequente Wiederbelebung der liberalen Ausrichtung des Münchener Judentums», wie sie bis zu Beginn des 2. Weltkrieges auch tatsächlich bestand.

 

Starrummel: Bei der Ortsbegehung für den geplanten Bau des liberalen Gemeindezentrums stand Daniel Libeskind im Mittelpunkt des Interesses.

Foto: Matti Goldschmidt

Die 1887 erbaute und im Juni 1938 auf direkten Befehl Hitlers geschliffene Hauptsynagoge Münchens in der Herzog-Max-Straße sei liberal gewesen. Insofern könne man die Aussage des orthodoxen Rabbiners der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) nur mit Unverständnis quittieren, dass «die liberale Tradition in ihren [Gebets-] Räumen keinen Platz» habe, wenngleich im selben Atemzug seitens der IKG betont werde, dass, wie bisher, auch künftig die Dienstleistungen der IKG, etwa Kindergarten, Schule, Jugendzentrum, Seniorenheim und ähnliches, von den Mitgliedern Beth Shaloms zu den gleichen Bedingungen wie denen der eigenen Gemeindemitglieder in Anspruch genommen werden könnten.

 

Es entbehrt nicht der Ironie, dass Beth Shalom aus der Presse erfuhr, die ehemalige, zwischen 1947 und 2006 genutzte Hauptsynagoge der IKG unentgeltlich nutzen zu dürfen. Dass jedoch die 1931-32 erbaute Hinterhofsynagoge in der Reichenbachstraße - der Umstand des Hinterhofes rettete sie vor der Zerstörung - ausgerechnet für das damalige orthodoxe Segment, die so genannten «Ostjuden», bestimmt war, mag Vergangenheit und Gegenwart auf den Kopf stellen.

 

Beide Lösungsvorschläge stellten letztlich jedoch kein adäquates Ergebnis für die Raumprobleme von Beth Shalom dar, da es sich in München um «zwei unterschiedliche Gemeinden mit unterschiedlichen Anforderungen bezüglich Ausprägung und Inhalt jüdischen Zusammenlebens» handle, so Mühlstein unisono mit Swartzberg. Wenn es schon um eine Fortsetzung jüdischer Tradition in der Stadt gehe, dann sei doch die liberale Ausrichtung die authentische Kraft. Auch der New Yorker Stararchitekt Daniel Libeskind, der unter anderem die jüdischen Museen in Berlin, Kopenhagen und San Francisco konzipiert hatte war zum Ortstermin angesagt. Libeskind sieht keinen ideologischen Widerspruch darin, am Aufbau eines nicht-orthodoxen Gemeindezentrums mitzuwirken. Ganz im Gegenteil, in seiner Familie gäbe es unter anderem Chassiden, Zionisten wie auch Anarchisten. Ein respektvolles Nebeneinander auf Mikroebene müsste doch ebenso im Großen realisierbar sein, genau das spiegele Progressivität und Dynamik des Judentums wider.

 

Ob er Anleihen von der im November 2006 eröffneten Synagoge am St.-Jakobs-Platz nehmen könne? «Eher nicht», so Libeskind ohne zu zögern, wenngleich das Gebäude recht beeindruckend auf ihn wirke. «Die neue Synagoge wird ziemlich anders sein, ohne die dort gezeigte formale Strenge.» Seiner Meinung nach, konkrete Pläne lägen selbstverständlich noch nicht vor, sollte ein Gemeindebau auch optisch «verschiedene Strömungen von Gedankensträngen und Sensibilitäten» einschließen, eben einem demokratischen Pluralismus entsprechen. Außerdem sei es gerade in einer kinderreichen Gemeinde wie Beth Shalom wichtig, dass ein Gemeindezentrum in erster Linie auch kindgerecht entstehe. Es müsse, zumindest für München, etwas «Einzigartiges» werden. Libeskind sieht in diesem Projekt nicht nur den rein architektonischen Aspekt, sondern seine Aufgabe darin, einen «spirituellen Prozess» zu vollziehen, der über die Architektur umzusetzen sei. Swartzberg liebäugelt für das Grundstück in der Reitmorstraße mit einer Erbpacht von der Stadt. Die Baukosten werden auf 13 Millionen Euro geschätzt, wovon 65 Prozent die öffentliche Hand, davon 25 Prozent der Freistaat Bayern tragen sollen.

 

Sollte der Rest tatsächlich durch Spenden aufgebracht werden, stünden einer dritten Synagoge in München nur noch leicht zu überspringende formelle Hürden entgegen.

 

Matti Goldschmidt

«Jüdische Zeitung», November 2009