Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() GlosseJews for Blondie
Ein schwarzer Hund jagt auf einen Mann zu. Er springt bis zum Hals des Mannes hoch und reißt ihn mit voller Wucht zu Boden. Ein dumpfes «Argh!» ertönt. Der Hund bellt, wedelt mit dem Schwanz, hechelt, knurrt und beißt den Mann abwechselnd in Arme und Weichteile. Der Mann am Boden dreht und wälzt sich, versucht den Angreifer loszuwerden. Vergeblich, der Köter ist stärker. Eine Männerstimme aus dem Off ruft «Blek» - der Hund hält augenblicklich inne und stellt sich triumphierend mit den Vorderpfoten auf das Opfer. Die ganze Szene spielt sich auf einer saftig grünen Wiese ab. Im Hintergrund sind neu errichtete Wohnblöcke zu sehen. Es ist der Stadtteil Esor Chen im Norden von Tel Aviv. Der Hundetrainer nähert sich seinem Schützling, streichelt ihn mit den Worten «Joffi, joffi» - «Fein, fein!». Die Sonne brennt am Zenit, der Hund japst nach Luft.
Der Hundetrainer im Internet-Lehrfilm heißt Amnon Ben Izhak. Er ist Gründer des «International Working German Shepard Club» - dem «Deutschen Schäferhundclub» in Israel. Mit Schäferhunden kennt sich Ben Izhak aus. Er züchtet «stabile, mutige, intelligente und schnelle Hunde», deren Nasen Kokain auf Meilen erschnüffeln und Menschen schützen und angreifen können. Auf seiner Website erklärt Ben Izhak Hüftprobleme - im Alter macht sich die Überzüchtung der Tiere an den Hinterbeinen bemerkbar (der Hundepo senkt sich immer mehr zum Boden hin) - und bringt dem Leser die Geschichte der Züchtung dieser Hunderasse nahe. Die geht auf deutschen Adel zurück: Max von Stephanitz (1864-1936) war fasziniert von der Gehorsamkeit dieser Tiere. Hirten dirigierten die Hundefrüher lediglich mit Fingerzeichen. Robust, pflichtbewusst und gehorsam. Urdeutsch dieser Hund!
Deutscher Schäferhund: Damit verbindet man hierzulande Polizei, unsympathische Hausmeister und natürlich - das Dritte Reich! Blondie hieß sie, nicht wahr? Die Schäferhündin von Adolf Hitler. Arisch, aggressiv, unbiegsam. Die Hündin, die dem Führer nie von der Seite wich. Wie viele Häuser und Verstecke deutsche Blondies in Europa nach Juden, Kommunisten und Widerständlern durchschnüffelt haben, wurde noch nicht wissenschaftlich erhoben. Zu viele.
Warum zur Hölle können die Israelis also nicht auf familientaugliche Golden Retriever, lethargische Berner Sennenhunde oder französische Doggen abfahren? Nein, sie lieben deutsche Schäferhunde!
Zugekackte Straßen in Tel Aviv, eigens eingerichtete, zum Himmel stinkende «Doggie-Bereiche» in Grünflächenanlagen oder «Dogsitter»-Anzeigen an den Bäumen sind zu einem vertrauten Bild in Israels Großstädten geworden. Hunde gehören zum Alltag der Säkularen. Sie begleiten das Herrchen zur Arbeit, zum morgendlichen Joggen oder juckeln neben dem Kinderwagen her. Und jetzt noch das! Der «Nazihund», der «vierbeinige Kossack», der «tierische Henkersknecht»! In den Jahrzehnten nach der Schoa war der Besitz eines deutschen Schäferhundes noch gesellschaftlich geächteter, als sich «Nivea» um die Augenpartie zu schmieren oder einen Volkswagen zu fahren.
Doch es half alles nichts. Die Nähe und Zuneigung zum Schäferhund geht in Israel jetzt sogar schon soweit, dass eine Jüdin namens Ronan Sharon am 13. Oktober die Weltmeisterschaft für Schäferhundzüchtung gewonnen hat! Ihr Hund «Sam Beit Haboxer Mehagiva» (Sam Beit, der Boxer vom Hügel) ist eine israelische Rassezüchtung. Sharon verwies den Hund «Eric vom Sportpark» des Deutschen Jürgen Zank auf den zweiten Platz. Und das vor den Augen von 27.000 Zuschauern auf dem «Weltkongress der Schäferhundvereine» in Krefeld. Den Deutschen mal echt eins ausgewischt!
Und die Zukunft sieht nicht rosig aus für deutsche Schäferhundzüchter. Denn auf den Schäferhund sind mittlerweile unzählige Israelis gekommen. Auf dem Internetportal «Youtube» kursieren unzählige Videos von reinrassigen Schäferhundbabys aus Israel. Ein Schlüsselbund wird geworfen und «Puppy» bringt ihn wieder. Kleine Mädchen schmusen mit den Hündchen. Selbst erwachsene Männer werden zu Kindern, wälzen sich im Gras und lassen sich das Gesicht von Neuzeit-Blondie abschlecken. Yuri aus Jerusalem stellt ganze Alben von seinem Zögling ins Netz. Vom zwei Wochen alten Welpen bis zum ausgewachsenen Personenschutzhund. «Bernhard von der Urbecke» heißt das Prachtexemplar und posiert abwechselnd im schäumenden Salzwasser am Mittelmeerstrand oder vor der Altstadtmauer Jerusalems.
Dan Diner schrieb über die Negativsymbiose zwischen Deutschen und Juden nach Auschwitz. So finden manchmal beide Seiten über seltsame Fetische zueinander. So wie es in Deutschland Nichtjuden gibt, die jiddische Liedchen in Volkshochschulkursen trällern, zum Judentum übertreten möchten oder «Eretz Israel» zum neuen Ferienmekka erklären, gibt es schwule Israelis, die auf Gummipuppen in schwarzer Lackuniform und auf deutsche Schäferhunde stehen.
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