Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Der ProzessPosse, Drama, oder Krimi? In Tel Aviv wird erbitter um die Ansprüche auf den Nachlass von Max Brod gestritten. Neben Recht und Geld geht es Dabei vermutlich um viel Persönlicheres
Es passiert äußerst selten, dass der Name Max Brod nicht in einem Atemzug mit Franz Kafka genannt wird. Als Retter, Publizist und Interpret des Kafkaschen Werkes ist Max Brod geradezu mit ihm verwachsen. Kafkas Wunsch, seine eigenen künstlerischen Hinterlassenschaften zu verbrennen, widersetzte sich Max Brod und wurde damit selber zu einer der bedeutendsten Figuren der Literatur des 20. Jahrhunderts. Ob nicht letztlich ein Fünkchen Kalkül bei Kafkas Wunsch nach Vernichtung seiner Manuskripte eine Rolle gespielt hat, ist zwar Spekulation. Dass die Kafka-Rezeption oft genug schon erhebliche Korrekturen vornehmen musste, eine Tatsache. Daher verwundertes nicht, dass Forscher im Nachlass von Max Brod den ein oder anderen spektakulären Kafka-Fund erhoffen. Bis zur Sichtung kann allerdings noch viel Zeit vergehen, denn das Material ist im Moment Gegenstand eines erbitterten Rechtsstreits vor einem Familiengericht in Tel Aviv.
Im Zentrum des Prozesses steht Ester Hoffe, die ehemalige Vertraute und Sekretärin von Max Brod und Erbin des Nachlasses. Hoffe starb vor zwei Jahren im Alter von 101 Jahren in Tel Aviv. An ihre Stelle als Nachlassverwalterin sind nun die beiden Töchter, Ruth Wiesler und Hava Hoffe, getreten. Die Töchter haben aber nicht nur die Schriften geerbt, sondern auch den Starrsinn ihrer Mutter. Diese war zu Lebzeiten nicht bereit, der Öffentlichkeit den vollständigen Nachlass zugänglich zu machen und er wies sich auch sonst als schwer umgänglich. Nun verweigern die Töchter die Herausgabe der Dokumente, die in israelischen und schweizerischen Safes lagern.
Sonderbarer Passus im Testament
Daher hat die israelische Nationalbibliothek Einspruch gegen die Testamentsvollstreckung erhoben. Bereits zu Lebzeiten Ester Hoffes hatte sie vergeblich um die Rechte am Nachlass gefochten. Der Hauptvorwurf der Kläger lautete, dass Ester Hoffe die Manuskripte widerrechtlich von Brod übernommen und Teile davon illegal ins Ausland veräußert habe.
Seit Jahren ranken sich allerlei Gerüchte und Verdächtigungen um Brods ehemalige Sekretärin. Niemand weiß genau, was der Nachlass in sich birgt. Nicht weniger undurchsichtig sind die Ansprüche der israelischen Nationalbibliothek, des Deutschen Literaturarchivs in Marbach und einiger anderer Akteure im Fall des Brod-Nachlasses. Wie konnte es zu diesen Verwicklungen kommen?
Max Brod starb am 20. Dezember 1968 in Tel Aviv. In seinem Testament hatte er seine eigenen Manuskripte und Tagebücher sowie zahlreiche Handschriften Franz Kafkas Ester Hoffe vermacht. Er überließ es dabei ihrem Gutdünken, wie mit seinem Vermächtnis zu verfahren sei. Brod nannte lediglich einige mögliche Institutionen, wie die Bibliothek der Hebräischen Universität in Jerusalem, die Stadtbücherei Tel Aviv, oder auch «jedes andere öffentliche Archiv in Israel oder im Ausland». Sonderbar ist allerdings ein Passus im Testament, wonach die Korrespondenz zwischen ihm und Ester erst 25 Jahre nach deren Tod veröffentlicht werden darf. Das wäre also im Jahr 2032. Das Gerangel um den Nachlass von Max Brod dauert aber bereits jetzt schon nahezu 40 Jahre.
Anfang der 1970er Jahre klagte der israelische Staat erstmals gegen Hoffe als Nachlassverwalterin. Sogar vor einer Verhaftung scheute die Regierung nicht zurück. Am 23. Juli 1974 wurde Hoffe auf dem Flughafen in Tel Aviv unter dem Verdacht festgenommen, Handschriften illegal ins Ausland schmuggeln zu wollen. Tatsächlich hatte Ester Hoffe sechs Umschläge mit Kopien von Kafka-Briefen dabei, jedoch keine Originale. Zudem übergab sie wenig später einige Nachdrucke bedeutender Schriften dem Nationalarchiv. Sie hatte also nicht gegen das Archivgesetz von 1955 verstoßen, das jeden Israeli verpflichtet, dem Staatsarchiv Kopien zur Verfügung zu stellen, wenn er Originalhandschriften ausführt. Dass sie aber immer wieder Teile des Nachlasses legal ins Ausland verkaufte, empört die israelischen Behörden bis heute. Sie sind der Ansicht, dass der Brod-Nachlass jüdisches Kulturgut sei, das deshalb nur nach Israel gehöre.
Streunende Hunde und Katzen
Ester Hoffe wachte einerseits mit Argusaugen über ihren privaten Schatz, verstand es aber andererseits auch, daraus beträchtliches Kapital zu schlagen. Die spektakulärste Veräußerung ist dabei das Original-Manuskript von Franz Kafkas Roman «Der Prozess», das 1988 vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach für eine Million Pfund ersteigert wurde. Etliche weitere Kafka-Handschriften kamen bei verschieden Auktionen unter den Hammer, darunter im Jahr 1974 22 Briefe und zehn Postkarten von Kafka an Brod und 1985 ein Brief von Kafka an seine Verlobte Felice Bauer. Beides zusammen für knapp über 100.000 DM. Mit den Versteigerungen hat Hoffe ein kleines Vermögen gemacht.
Dieses Erbe wollen ihre Töchter nun verständlicherweise antreten. Was allerdings nicht möglich ist, solange Einspruch gegen die Testamentsvollstreckung besteht. Die beiden Schwestern erwägen, die verbliebenen Manuskripte an das Marbacher Literaturarchiv zu verkaufen. Die israelische Seite zöge den Kürzeren. Das Archiv beantragte jedenfalls bereits, im Erbstreit vor dem Tel Aviver Familiengericht als Partei zugelassen zu werden. Und noch einer meldet Ansprüche an: der israelische Verleger Amos Schocken. Sein Großvater Salman Schocken hatte nämlich einst von Kafkas Eltern die Rechte an den Kafka-Handschriften erworben. Enkel Amos ist heute Herausgeber der Zeitung «Haaretz», die den Nachlass-Erbinnen seit jeher einen schlechten Leumund attestiert. Die Zeitung berichtete immer wieder von den unhaltbaren Zuständen im Hause Hoffe an der Spinoza-Straße in Tel Aviv. Zahllose Katzen und Hunde hätten jahrelang in der Wohnung zwischen den kostbaren Dokumenten herumgestreunt.
Die schlechte Presse hatte wohl ihre Berechtigung. Immer wieder gab es von Nachbarn Beschwerden über Gestank aus der betreffenden Wohnung, so dass die örtlichen Behörden einmal sogar sämtliche Tiere abholten. Auch die hohe Luftfeuchtigkeit in Tel Aviv stellt sicher keine optimalen Bedingungen für das Jahrzehnte alte, schwefelsäurehaltige Papier dar.
Warum also hielt Ester Hoffe Zeit ihres Lebens die Schriften zurück, wo sie sich doch auch über ihren kulturellen Wert bewusst gewesen sein muss? Antworten darauf lassen sich möglicherweise ihrer Biografie entnehmen.
Das letzte Rätsel: Brods Tagebücher
Ester Hoffe wurde am 8. Mai 1906 in der Troppau/Mährisch-Schlesien geboren. 1940 flüchtete sie mit ihrem Mann Otto Hoffe und der damals fünfjährigen Tochter Eva (später hebräisiert zu Hava) aus Prag nach Palästina. Dort lernte Otto Hoffe den ebenfalls aus Prag stammenden Schriftsteller Max Brod kennen und freundete sich mit ihm an. Die in biografischen Abrissen selten erwähnte Frau von Max Brod, Elsa, starb wenige Jahre nach der Flucht in Palästina. Ester Hoffe wurde nun seine engste Vertraute, tippte seine Manuskripte ab und korrigierte sie. Hartnäckig hält sich das Gerücht, die beiden hätten eine Affäre gehabt. Geben die Tagebücher möglicherweise darüber Auskunft? Tochter Hava machte 1993 eine verdächtige Aussage, wonach mit der Veröffentlichung der Tagebücher «etwas ganz Schreckliches» herauskäme. Es gibt Mutmaßungen, Brod habe am Ende Mutter Ester mit Tochter Hava betrogen. Mutmaßungen, Gerüchte.
Einer weiteren Unterstellung zufolge, sei Ester Hoffe eine berechnende Erbschleicherin gewesen, die sich mit Liebesdiensten das Vertrauen des Schriftstellers Brod erschlich. Vom Kafka-Experten Klaus Wagenbach gibt es eine Anekdote, wonach Max Brod Besuchern nur unter höchster Geheimhaltung seine Arbeiten zeigte, aus Angst, die eifersüchtig wachende Ester könne Wind davon bekommen. Ist das etwa der Grund, warum Ester Hoffe 1988Vertragsbruch gegenüber dem Münchner Verlag Artemis & Winkler beging?
Dieser wollte im November 1988 die Weltrechte an den Tagebüchern von Max Brod käuflich erwerben. Man einigte sich auf eine fünfstellige Summe. Die Überweisung wurde getätigt, die Herausgabe der Tagebücher jedoch nicht. Bis heute nicht. Die Tagebücher umfassen die Jahre 1909 bis 1968, sie wären also für die Literaturgeschichte und die Exil-Forschung hochinteressant. Denn Max Brod kann mit nur wenig Übertreibung als ein Architekt der expressionistischen Literatur bezeichnet werden.
Vielleicht fänden sich in den Tagebüchern aber auch Beweise für einen alten Vorwurf gegen Max Brod, er habe mittels Fälschungen Kafkas ursprünglich eher humorige Grotesken in die düsteren «kafkaesken» Alptraum-Szenarien verwandelt.
Das Nachlass-Gezeter hält also Erstaunliches bereit - sowohl für den gehobenen Boulevard als auch für die Wissenschaft. Ein Ende des Rechtsstreits ist bislang nicht abzusehen. Erst im Oktober 2009 forderte die israelische Nationalbibliothek das Original von Kafkas «Prozess» aus Deutschland zurück. Das Manuskript sei gegen den letzten Willen von Max Brod verkauft wurden. So fällt es immer wieder auf diesen unerfüllten Wunsch Kafkas zurück: Hätte Max Brod den letzten Willen des besten Freundes erfüllt, die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts wäre anders verlaufen. |