Alle Jahre wieder

Am Jerusalemer Tempelberg eskalierte im Oktober wieder die Gewalt. Was prädestiniert diesen Ort für Konflikte?

 

Am 25. Oktober erschütterten den erst kürzlich wegen gewalttätiger Ausschreitungen gesperrten Tempelberg erneute Krawalle. Laut israelischer Polizei hatten sich Palästinenser in der Al-Aksa-Moschee verschanzt und Ordnungshüter attackiert. Die Muslime geben indes an, von den Sicherheitskräften in der Moschee festgehalten worden zu sein, man sei mit Blendgranaten vorgegangen. Polizeisprecher Mickey Rosenfeld erklärte, dass es seitdem immer wieder zu Steinwürfen in der Jerusalemer Altstadt komme, die Lage sei angespannt.

 

Vorausgegangen war den Ereignissen ein Treffen der jüdischen «Organisation zur Verteidigung der Menschenrechte auf dem Tempelberg». Die rechtsextreme Vereinigung wollte eine Massendemonstration von Juden auf dem Tempelberg organisieren. Die palästinensische Seite beantwortete dies mit Protesten gegen die «jüdische Eroberung». Was folgte, waren tätliche Auseinandersetzungen.

 

Die jüngste Gewalt hat Vorgeschichte. Bis zum 11. Oktober war das Betreten des Tempelberges nur noch über 50-jährigen Muslimen israelischer Staatsangehörigkeit oder in Ostjerusalem lebend, sowie muslimischen Frauen gestattet. Diese Maßnahme wurde nach den diesjährigen Krawallen in Jerusalem zu Jom Kippur ergriffen. Vor der Sperrung war es zu Schlägereien zwischen Israelis und Palästinensern auf dem Tempelberg gekommen. Mehr als 30 Menschen mussten ärztlich versorgt werden. 2.000 Polizisten sicherten anschließend das Gelände, während verschärfte Einlassbeschränkungen Geltung besaßen.

 

Für orthodoxe Juden «Betreten verboten!»

 

Gestern - heute -morgen? Orthodoxe Juden vor einem Modell des zerstörten zweiten jüdischen Tempels. Im Hintergrund der Felsendom.

Foto: Reuters

Vorfälle wie diese sind keine Seltenheit: Immer wieder kommt es meist nach dem islamischen Mittagsgebet zu Protesten, die sich gegen Israel und seine Politik richten. Der charidische Oberrabbiner Josef Scholom Eljaschiv wiederholte Anfang Oktober seinen Appell an alle Juden, den Tempelberg nicht zu betreten. Direkt wandte er sich an Präsident Schimon Peres, den er in diesem Jahr erstmalig in seiner Sukka empfing. Neben dem halachischen Verbot, das heilige Gelände zu betreten, wies Eljaschiv auf die «Provokation gegenüber den Nationen der Welt» hin, die ein solcher Besuch auf dem heiligen Gelände bedeute: «Es könnte zu Blutvergießen kommen, das würde Sünde bedeuten, die zu weiteren Sünden führt.» Peres antwortete ausweichend, dass die Position Eljaschivs als Tora-Gelehrter «Gehör finden» werde.

 

Orthodoxe Juden betreten den «Berg des Tempels» gemeinhin nicht. Das Gebiet soll erst nach der Weihung des dritten, durch den Messias errichteten Tempels, wieder besucht und genutzt werden dürfen. Übrig geblieben von den monumentalen ersten beiden Tempeln ist heute nur die «Klagemauer». Die Mischna besagt: «Ein Mensch darf den Tempelberg nicht mit seinem Gehstock, seinen Schuhen und seiner Tasche betreten, mit Staub an seinen Füßen, oder ihn als Abkürzung benutzen.» Der Berg ist heilig, das Betreten verboten, um seine rituelle Reinheit zu wahren. Schließlich beherbergte der erste Tempel in seinem Allerheiligsten die Bundeslade und war somit das Symbol der göttlichen Präsenz auf Erden.

 

Heute weiß niemand mehr, wo genau das Areal einst lag. So gilt es, das gesamte Gebiet zu umgehen, um es nicht unwissentlich zu entweihen. Zudem habe sich «das jüdische Volk seine heiligste Stätte noch nicht verdient», wie es das israelische Oberrabbinat formuliert. Im Jahr 1911 nahm der Brite Montagu B. Parker eine Vermessung des mit dem Felsendom überbauten Areals vor, viele Rekonstruktionsversuche der ursprünglichen Tempelumrisse folgten. Heute gehen Forscher davon aus, dass der Felsendom auf dem ehemaligen Standort der Bundeslade errichtet wurde.

 

Für Muslime stellt der Tempelberg mit der Al-Aksa-Moschee und dem Felsendom das drittwichtigste Heiligtum ihrer Religion dar. Nach islamischer Überlieferung hat Prophet Mohammed hier seine «Nachtreise» von Mekka zu der «fernen Kultstätte» («al-Aksa») beendet. Von hier aus fuhr er in den Himmel auf, um den Koran zu empfangen. Muslimische Herrscher setzten bald nach ihrer Eroberung Jerusalems der «Himmelfahrt» des Mohammed ein Denkmal. Auf den Trümmern der einstigen jüdischen Tempelbauten errichteten die Umayyaden ab 638 u. Z. mit dem Felsendom und etwas später der Al-Aksa-Moschee die ersten großen Heiligtümer des Islam.

 

Wie teilt man ein Symbol?

 

Damit nicht genug der Heiligkeiten: Manche Gläubige meinen, dass Gott die Erde, aus der er Adam schuf, von diesem Ort nahm. Abraham soll hier seinen Sohn Isaakals Gottesopfer angeboten haben. Jesus von Nazareth soll hier mit Schriftgelehrten disputiert haben und später, wenige hundert Meter entfernt, ans Kreuz geschlagen worden sein. Alle drei Buchreligionen fühlen sich dementsprechend dem Tempelberg innig verbunden. Moshe Halbertal bringt die Diskussion in der Zeitung «Ha'aretz» auf den Punkt: «Wie teilt man ein Symbol?».

 

Die neuere Geschichte des Tempelbergs ist von erbitterten Kämpfen geprägt. Im Palästinakrieg 1947-1949 wurde die Bebauung durch Granateneinschläge teilweise zerstört. Seit dem Sechstagekrieg 1967 sichern israelische Soldaten die Klagemauer und das Gebiet. Das Gelände innerhalb der Tore wird hingegen von der muslimischen «Wakf» verwaltet, Kritiker nennen das eine muslimische «Besatzung». Während der 1970er Jahre gab es ernstzunehmende Drohungen israelischer Ultranationalisten, Felsendom und Al-Aksa-Moschee zu sprengen. Im Jahre 2000 scheiterte hier der Gipfel von Camp David. Kurze Zeit später wurde international kontrovers über Ariel Scharons Tempelbergbesuch diskutiert, der trotz zuvor erfolgter Abstimmung mit muslimischen Geländeverwaltern blutige Zwischenfälle provozierte, die den Beginn der Zweiten Intifada einleiteten.

 

Die Fronten sind verhärtet, beide Parteien blockieren die Verständigung. Um Zusammenstöße zu vermeiden, ist das Betreten vorrangig Muslimen gestattet: Touristen und Andersgläubige werden nur im Rahmen täglich zweistündiger Besuchszeiten unter schärfsten Sicherheitskontrollen eingelassen. Nichtislamische Gebete sind untersagt. Schon die erwogene Reparatur einer Rampe zwischen Klagemauer und Tempelberg kann hier, wie 2007 geschehen, zu Aufrufen zum Dschihad führen.

 

Ein Ort mit starken spirituellen Konnotationen wird gemeinhin von derjenigen Gruppe beansprucht, die ihn als heilig betrachtet, und ihr in der Regel auch zugesprochen. In der dreifach heiligen Stadt der Juden, Christen und Muslime kulminiert dieser Anspruch zu einer der explosivsten Fragen unserer Zeit: Wie lassen sich drei Absolutheitsansprüche miteinander in Einklang bringen? Amos Oz gab die einzig mögliche Empfehlung: «Lebe und lasse leben!»

 

Elischai Ben-Schalom

«Jüdische Zeitung», November 2009