Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Kaschrut für AnfängerDas Jüdische Museum Berlin zeigt noch bis zum 28. Februar 2010 seine Sonderausstellung "Koscher & Co." über Essen und Religion - nicht nur zum Judenttum
«Man ist, was man isst» lautet ein bekanntes Sprichwort. Essen nährt nicht nur, es definiert auch. Wer bestimmte Speisevorschriften einhält, tut dies oftmals nicht einfach nur nach Geschmack. Tatsächlich gibt es Menschen, die auf Essbares verzichten, obwohl es zunächst ganz köstlich anmuten mag. Vom spätantiken Judentum bis in die Neuzeit reichen Versuche, Speiseverbote zu begründen - ethisch, ästhetisch, hygienisch oder in Abgrenzung gegen konkurrierende Kulte. Nicht nur das Judentum, auch der Islam, das Christentum, der Hinduismus und Buddhismus verfügen über spezielle Gesetze, die schon seit Jahrhunderten die Nahrungsaufnahme ihrer Anhänger regeln und damit deren Identitäten mit beeinflussen. Denn, dass gerade Mahlzeiten einen wichtigen gesellschaftlichen Stellenwert einnehmen, kann nicht geleugnet werden. Religiöse Gemeinschaften stärken so ihren Zusammenhalt und setzen klare Grenzen nach Außen.
Das Jüdische Museum Berlin hat das interreligiöse Thema zum Anlass einer neuen Sonderausstellung mit dem Titel «Koscher & Co.» genommen. Über zehn Räume erstreckt sich die Exposition mit ihren mehr als 700 Originalen von 74 Leihgebern unterschiedlicher Länder. Zu sehen sind antike Vasen und Statuetten, prachtvoll illustrierte hebräische und osmanische Handschriften, opulente Stillleben und delikate Zeichnungen - aber auch Stahl- und Plastikgerätschaften aus der modernen koscheren Küche wie den «Bug Checker», der «treifes», also unreines, Kleinvieh im Salat aufspürt. Die hebräischen Begriffe «koscher» (rein) und «treife» (unrein) treffen in der Zusammenstellung der Ausstellungsstücke auf ihr islamisches Pendant: «Halal» und «haram» bezeichnen Dinge und Taten, die nach islamischem Recht erlaubt oder verboten sind.
Schwein als Symbol für Hinterlist
Die in Europa und Ostasien am häufigsten verzehrte Fleischsorte «Schwein» ist für fromme Muslime wie auch für orthodoxe Juden gleichermaßen verboten. Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg erzählt dazu in einer kurzen Videosequenz eine kleine humorvolle Geschichte: «Das Schwein wird häufig auf dem Rücken serviert, die Füßchen nach oben gestreckt. Damit will es in die Irre führen, denn es zeigt das äußere Merkmal koscherer Tiere: die gespaltenen Hufen. Schaut man in das Schwein hinein, so erkennt man, dass es nur halb rein ist: Es besitzt nämlich keinen Wiederkäuermagen.» So sei das Schwein auch als Symbol für den hinterlistigen und boshaften Menschen zu verstehen. «Jemand, der nur so tut als sei er fromm, schätzen wir nicht.» Burhan Kesici, Generalsekretär des Islamrats, beantwortet im selben Doku-Ausschnitt die Frage, ob es denn so wichtig sei, Gummibärchen mit Schweinegelatine zu meiden: Würde man die kleinsten Vorschriften nicht einhalten, sagt Kesici, kämen bald auch andere Übertretungen der Speisevorschriften hinzu.
Die Ausstellung, mehr assoziativ als systematisch aufgebaut, umspannt eine Reihe an Fragestellungen. Die Religionen sind in den einzelnen Räumen nicht fein säuberlich voneinander getrennt und geordnet, vielmehr setzen die Ausstellungsmacher auf einen Überblendungseffekt: Von einer Religion fällt das Licht auf die andere. Schöpfung, Gesetz, Opfer, Fleisch, Brot und Wein sind einige der Themen, zu denen Ritualgegenstände, Gemälde, Fotos, ausgestopfte Tiere und Lebensmittelverpackungen herangetragen wurden. Sie illustrieren Bräuche und Richtlinien der großen Weltreligionen verweisen auf geographische Unterschiede. So tragen in den USA rund 40 Prozent aller Lebensmittelerzeugnisse das «Koscher»-Zertifikat. In Deutschland ist die Nachfrage nach Koscherem hingegen nicht sehr groß, weswegen hier sehr wenige Produkte entsprechend ausgewiesen sind.
Mit dem digitalen Kochlöffel
Vor allem Kindern und mit dem Thema wenig Vertrauten, die einen ersten Einblick in religiöse Speisebestimmungen gewinnen wollen, empfiehlt sich der Museumsbesuch. Quer durch die gesamte Ausstellung laden 25 interaktive Medieninstallationen dazu ein, das eigene Wissen zu erproben und zu erweitern. An einem Runden Tisch inmitten des Raumes zum Thema «das Mahl» ist ein Keramikgedeck platziert. Aus den Behältnissen klingt leises Plaudern, Geschirrgeklapper und verhaltenes Gläserklirren, eine Frau kichert. Hebt man die Service-Stücke an sein Ohr, beginnt eine Stimme zu erzählen - über Festmahlsriten in den verschiedenen Religionen. Kurios Witziges, wie die Fotos betrunkener orthodoxer Juden zum Purim-Fest, aber auch bedrückend Elendes sparen die Kuratoren nicht aus: Aus Ghettos und Konzentrationslagern während der Schoa sind Bemühungen verbürgt, Speisegesetze einzuhalten und hohe Festtage wenigstens mit Anklängen an deren traditionelle Sitten und Speisen zu begehen. Mit nach Hause nehmen können die Besucher neben diesen vielfältigen Impressionen auch Anregungen für den heimischen Herd: Wer einer «Rezeptur» durch die Räume folgt, kann mit einem digitalen Zauberlöffel Kochanleitungen für allerlei Speisen sammeln, die dann nach dem Museumsbesuch über die Ausstellungswebsite abrufbar sind. |