Tzipis Rezepte

 

Das Essen meiner Mutter Michelle ist wunderbar. Es ist und war schon immer - wie politisch unkorrekt das auch klingen mag - der Trost und die kulinarische Versicherung meines Zuhauses, Israel. Dieses Essen ist mit mir vor Jahren nach Deutschland gekommen, um hier keine Leere zu hinterlassen.

 

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle die Lieblingsredewendung meines Sohnes benutzen: «Man isst, und dann wird alles gemütlich.» Aber noch mal von Anfang an: meine Kindheit in dem Einwandererstädtchen Kirjat Ata, unweit von Haifa. Das waren weiße Baumwollpyjamas mit Blumenmustern am Freitagabendtisch, das war der sanfte Kindershampoogeruch und das war die Küche, unsere kleine rote Küche mit der in den 1980er Jahren noch hochmodischen Holzimitattapete. In diese Küche gelangten wir - durch eine weiße Holztür mit Milchglasscheibe. Unsere Küche war eigentlich ein Kämmerchen. Oder eine zu groß geratene Schatztruhe. In dieser Küche stand eine marmorne Arbeitsfläche mit eingelassenem Waschbecken, die Schränkchen waren rot-weiß getüncht, im Gasofen fauchte das Feuer. An der Wand gegenüber, keinen Meter entfernt, stand der für uns immer viel zu kleine Tisch. Zu Hause.

 

Zu Hause gab es immer erst Suppe. Und dann das erste Hauptgericht, das zweite und anschließend manchmal noch ein drittes. Meine Familie ist, was man in Israel eine «gemischte Familie» zu nennen pflegt: Meine Mutter stammt aus Algerien, mein Vater aus Rumänien. Daher wohl auch die sich ständig ändernde Art und Anzahl der Hauptgerichte. Und daneben gab es auch immer Salate. Mein Herz schlägt für die zahlreichen, wunderbaren Salate meiner Mutter. Das sind nicht nur «Lila-Salat» und «Lockenblätter»-Salat oder frischer «Kopfsalat aus Shfar'am», benannt nach dem arabischen Dorf in unserer Nachbarschaft, wo wir den Salat oft kauften. Nein, nicht nur die. Michelles Salate, das waren unterschiedlichste Kompositionen aus Gewürzen, Texturen, Farben, Formen, Gerüchen - und Knoblauch. Knoblauch stand und steht bei meiner Mutter immer für sich. Knoblauch geht extra! Und das hier ist mein heimlicher Lieblingssalat, den auch Michelle - natürlich mit viel Knoblauch -genauso zubereitet.

 

Die Zutaten:

1 kg (schmale!)Karotten

4-8 Knoblauchzehen

100 ml Zitronensaft

2 EL Olivenöl

½ TL Cumin (Kreuzkümmel, gemahlen) Paprika (rosenscharf)

1 Prise Salz

3 EL Essig

Scharfer Karottensalat

 

Ihr kennt Karotten in ihren zahlreichen gekochten Formen: als Karottensuppe, als Karottenkuchen, als Karottenbrei, Obstsalat - also meistens als süße Speisen. In meinem Gedächtnis schmecken Karotten aber immer nach Essig und Knoblauch! An jedem Freitag wurde bei uns Karottensalat in einer weißen, ovalen Porzellanschale (von dieser Sorte hat meine Mutter unendlich viele) in kleinen Scheiben und mit kitschigem Petersilien-Dekor serviert. Und es blieb auch immer soviel vom Karottensalat nach dem Schabbatessen übrig, dass wir zum Bruce-Willis-Freitagnachtfilm noch mit Weißbrot davon naschen konnten. Und so wird's gemacht.

 

Die Karotten kochen (sie sollten nicht ganz weich sein!), schälen und in mittelgroße, 3-5 mm dicke Scheiben schneiden. Sehr kurz in der Pfanne anbraten. Gepressten Knoblauch, Paprika, Cumin und Salz hinzufügen und etwa 20 Sekunden lang unterrühren. Dann die Mischung in eine Schale geben. Bei Raumtemperatur abkühlen lassen. Essig, Zitronensaft und Olivenöl hinzufügen und noch einmal umrühren. Fertig!

 

Eure Tzipi

tzipisrezepte@googlemail.com

 

 

«Jüdische Zeitung», November 2009