Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() "Keine Rufe! Keine Plakate! Mit Kerzen!"Schon fast vergessen: Am 9. November 1989 fand in Leipzig auch ein Schweigemarsch des "Neuen Forums" anlässlich der Reichsprogromnacht statt - die genehmigte, nichtstaatliche Demonstration der DDR
Als am 9. November 1989 18:53 Uhr Günther Schabowski in Berlin die Öffnung der Grenzen zu west Berlin verkündete, schritten knapp zweihundert Kilometer weiter südlich mehrere zehntausend Menschen schweigend und mit Kerzen in der Hand durch die Leipziger Innenstadt, um der Opfern der Pogromnacht 51 Jahre zuvor zu gedenken. Dabei handelte es sich keineswegs um ein staatlich verordnetes Erinnern. Dem wäre inzwischen wohl sowieso niemand mehr gefolgt. Die Oppositionsgruppe «Neues Forum» hatte eine Woche zuvor begonnen, Flugblätter zu verteilen, auf denen es hieß: «Schweigemarsch zum 9. November! Anläßlich des 51. Jahrestages der faschistischen Pogromnacht und gegen Rechtsradikalismus in der DDR» und «Keine Rufe! Keine Plakate! Mit Kerzen!» Erst einen Tag vor dem Schweigemarsch war das «Neue Forum» nach langem Hin und Her offiziell zugelassen worden, so dass die erste genehmigte, nichtstaatliche Demonstration in Leipzig dem Gedenken an den Novemberpogrom von 1938 gewidmet war.
Anfang November 1989 war die friedliche Revolution auf ihrem Höhepunkt angelangt. Am 6. November kamen etwa 400.000 Menschen zur Montagsdemonstration. Für viele Oppositionelle war der 9. November ein besonderes, ein wichtiges Datum, auch oder gerade wegen der sich anbahnenden Veränderungen in der DDR. Dass sich an diesem Abend die Mauer nach 28 Jahren öffnen sollte, war noch nicht abzusehen und für die Oppositionellen der ersten Stunde auch nicht das vorrangige Ziel gewesen. Ihnen ging es zunächst einmal darum, die DDR zu reformieren.
Mahnwachen und Ahnungslosigkeit
Ein Bereich, in dem dringender Reformbedarf gesehen wurde, war der Umgang der DDR mit der deutschen Vergangenheit. Der postulierte Antifaschismus wurde nicht nur vom Anwachsen des Rechtsradikalismus in der DDR erschüttert. Auch die Untätigkeit der Behörden gegenüber Schändungen jüdischer Friedhöfe oder die antipolnischen Ressentiments, die das Regime aus Angst vor dem Herüberschwappen der Solidarnosc schürte, kratzten an der Fassade des «besseren Deutschlands». Und vielen jungen Menschen, die in den 1980er Jahren begannen, sich für jüdische Kultur zu interessieren, stieß die oft heftige antiisraelische Propaganda in der offiziellen Presse übel auf.
Schon in den Jahren zuvor wurde in den recht übersichtlichen Oppositionskreisen in der DDR am Jahrestag der Pogromnacht den Opfern der deutschen Verbrechen gedacht. In vielen Kirchen gab es zu diesem Termin Gedenkgottesdienste, in der Leipziger Thomaskirche sogar einen jüdisch-christlichen. Aber auch außerhalb der Kirche sollte das Andenken an die ermordeten europäischen Juden bewahrt werden, jenseits offizieller Zeremonien. Dies stieß freilich nicht gerade auf das Wohlwollen der Behörden.
Als am 9. November 1983 ein paar Dutzend Jugendliche mit Kerzen von der Nikolaikirche zum Gedenkstein für die 1938 zerstörte Synagoge zogen, wurden sie von der Volkspolizei auseinandergetrieben. Die Polizisten wussten offenbar nicht so richtig, was die Jugendlichen eigentlich wollten: «Gedenken der Opfer der Niederbrennung der Synagoge» wurde im Polizeibericht als Anlass der nicht genehmigten Demonstration genannt - von der eigentlichen Bedeutung des Tages hatte der Autor offenbar keine Ahnung. Wegen des bevorstehenden internationalen Dokfilmfestivals und der Abschlussveranstaltungen des Lutherjahres war die Stadt voller Ausländer. Da konnte man demonstrierende Jugendliche nicht gebrauchen.
Ein Jahr später fand in der Nacht vom 9. auf den 10. November eine Mahnwache eines kirchlichen Friedens- und Umweltkreises vor der damals noch unrenovierten Neuen Synagoge statt. Zwar hatten Kirchenleitung und Staatssicherheit versucht, die Aktion im Vorfeld zu verhindern, aber aller Druck auf die Beteiligten hatte nichts genützt. Noch am Abend hatten Sicherheitskräfte das Gelände weiträumig abgesperrt und versuchten, die wenigen Teilnehmer durch Einschüchterungen zur Aufgabe zu bewegen. Als das nichts half, ließ die Stasi sie letztlich gewähren. Zu groß war wohl die Angst vor «schlechter Westpresse» gewesen.
SED-Bezirksleitung: «unwürdiger Zustand»
Der 50. Jahrestag der Pogromnacht 1988 hatte nicht nur einen regelrechten Gedenkwettstreit zwischen den beiden deutschen Staaten in Gang gesetzt, auch in den oppositionellen Kreisen der DDR war es zu vielfältigen Aktivitäten zum Jahrestag gekommen. Neben kirchlichen Ausstellungen, Andachten und Friedensgebeten erschienen auch im Samizdat, der selbst gedruckten, illegalen Presse, verschiedene Beiträge. So etwa eine Sondernummer der Zeitschrift «KONTEXT» zum Jahrestag . Sie trug den hebräischsprachigen Titel «Jiskor» («Gedenke»). In Leipzig fand erneut ein Schweigemarsch zum Gedenkstein statt. Diesmal waren es etwa 200 Teilnehmer. Die Polizei schritt nicht ein. Stattdessen klagte die Bezirksleitung über den «unwürdigen Zustand» in dem der Gedenkstein hinterlassen wurde - gemeint waren die zurückgebliebenen Kerzenstummel.
Nun ein Jahr später, als die Herrschaft der SED in ihren Grundfesten erschüttert war und die Opposition von einem Erfolg zum nächsten taumelte, war es ihren Protagonisten wichtig, an diesem 9. November innezuhalten. An diesem Tag galt es, sich der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern und die Schuld der Deutschen daran zu bekennen. In Leipzig galt dies ganz besonders, hatte der Gedenkmarsch doch schon eine gewisse Tradition. Der vom «Neuen Forum» anberaumte Schweigemarsch sollte - wie gehabt - von der Nikolaikirche zum Gedenkstein für die zerstörte Synagoge führen.
Dort hielt Siegfried Hollitzer vom Arbeitskreis «Kirche und Judentum» eine kurze Ansprache, die nur die ersten Reihen gehört haben dürften. Seine Rede zielte vor allem auf die Gegenwart und warnte vor dem Erstarken des Neofaschismus in der DDR. Zwar gebe es harte Gesetze, die allein änderten jedoch noch keine Gesinnung. Und: Wenn wirklich etwas gegen ein Erstarkendes Antisemitismus getan werden solle, dann müsse auch endlich ein realistischeres Bild vom Staat Israel gezeichnet werden. Eines, in dem dieser nicht nur als zionistischer Aggressor auftauche.
1989: Gedenken statt feiern
Die Veranstalter waren überrascht von den vielen Teilnehmern. Man hatte mit 1.000 Menschen gerechnet. Dass diese Zahl um ein Vielfaches übertroffen wurde, hätten sie nicht erwartet. Sicher, in jenen Tagen waren die Menschen gewöhnt, ihre Meinung auf der Straße zu bekunden, doch diesem Schweigemarsch haftete ja nichts Sensationelles mehr an. Obendrein wurde währenddessen die Öffnung der Grenzen verkündet, was sich schnell herumgesprochen haben dürfte. Der Dichter Rolf Schneider hatte in seinen «Notizen vom Untergang der DDR» erstaunt festgehalten: «Unbeeindruckt von den freudigen Nachrichten aus Berlin setzten die Leipziger ihren Umzug fort». Und im Infoblatt des «Neuen Forums Leipzig» resümierte Eleonore Sladeck «Aber dass so viele kamen - aus politischer Verantwortung heraus - hat mich hoffen lassen.» Sicher, der Schweigemarsch selbst wurde außerhalb Leipzigs kaum wahrgenommen und auch dort ist er inzwischen so gut wie vergessen. Der Fall der Mauer in der gleichen Nacht, der schließlich nicht nur die Teilung Deutschlands, sondern auch die Europas beendete, zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Dennoch verweist dieses Ereignis darauf, wie wichtig den DDR-Oppositionellen die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, gerade auch mit dem Holocaust war. Auch dann noch, als sie selbst die Oberhand gewannen. Dies zeigte sich übrigens auch noch mal ein halbes Jahr später: Die Erklärung der frei gewählten Volkskammer vom 12. April 1990, in der sich die Abgeordneten zu Verantwortung und Mitschuld der Ostdeutschen an den nationalsozialistischen Verbrechen bekannten, entstand aus derselben Haltung heraus.
Der Text entstand als Teil des Projekts «Gegengeschichte», das im Programm «Geschichtswerkstatt Europa» der Stiftung «Erinnerung, Verantwortung und Zukunft» und dem Institut für angewandte Geschichte gefördert wurde. www.geschichtswerkstatt-europa.org |