Daniel Libeskind                             Foto: dpa

Kein Raum für eine «Architektur des Optimismus»

Vor drei Jahren wurde der Libeskind-Entwurf für «Ground Zero» favorisiert – jetzt bleibt nur der Grundriss

Als Star-Architekt Daniel Libeskind im Frühjahr 2003 den Wettbewerb für den Wiederaufbau des World Trade Centers gewann, deutete alles darauf hin, dass dieser Auftrag dem Künstler das Meisterwerk seines Lebens bescheren könnte. Tatsächlich war das von ihm vorgeschlagene Projekt atemberaubend: Libeskind versuchte, die Atmosphäre einer Gedenkstätte mit der unumgänglichen kommerziellen Nutzung des Geländes zu vereinbaren. Das zentrale Objekt der «Memory Foundations» war der 541 Meter hohe Freedomtower, der in seinem spiralförmigen Aufstieg an die Fackel der Freiheitsstatue erinnern sollte. Die Flammen der «Lady Liberty» waren das erste, was Libeskind von New York sah - in klassischer Tradition war er als Immigrant mit dem Schiff eingereist und der Anblick ist ihm seitdem in tiefster Erinnerung geblieben. Der Tower selbst sollte mit seiner Höhe von 1776 Fuß auf das Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung anspielen, hängende Gärten die oberen Stockwerke des Turms als Zeichen von Lebenskraft zieren. Weitere Teile der Komposition waren der «Lichtkeil» - eine Fläche, auf die jedes Jahr am 11. September das reflektierte Sonnenlicht ungestört fallen sollte, sowie «Fußabdrücke» von den zerstörten Zwillingstürmen. Das Arrangement von fünf anderen Hochhäusern hätte die Skyline von Manhattan verändern können.

Keine freie Hand für den Avantgardisten
Bald nach dem Wettbewerb wurde klar, dass der avantgardistische Architekt keine freie Hand haben würde. Unter dem Vorwand, Libeskind hätte gar keine Erfahrung in der Konstruktion von Hochhäusern, hat Larry Silverstein, Pächter des Grundstücks und einstweilen der Hauptfinancier, drei weitere Architekten mit Weltnamen eingeschaltet - Lord Norman Foster aus London, Jean Nouvel aus Paris und den Japaner Fumihiko Maki. Letztendlich übernahm Silversteins «Hausarchitekt» David Childs die Führung und Libeskind musste zusehen, wie sein Projekt bis zu Unkenntlichkeit verändert wurde. Childs behauptete, dass die Fläche von Ground Zero, die 40 Prozent der New Yorker Bürofläche enthält, keinen Platz für großspurige Gedächtnisanlagen enthalten könne - Schlichtheit, Funktionalität und Kommerz müssten im Vordergrund stehen. Libeskind bezeichnete diese von Feindseligkeit geprägte «Zusammenarbeit» in seiner Autobiographie «Breaking Ground» als Zwangsehe. Dabei war es stets ein offenes Geheimnis, dass es in der Zurückdrängung von Libeskinds Plänen weder um ästhetische Streitpunkte noch um mögliche Probleme mit Büroräumen ging. Geld, nicht Ästhetik, war die Komponente, welche die Spielregeln diktierte. Vor fast zwei Jahren wurde der Grundstein zur Bebauung von Ground Zero gelegt, die Bauarbeiten haben erst Ende April 2006 begonnen. Was jetzt statt der spiral aufsteigenden, luftigen Gebilde errichtet werden soll, ist ein Hochhaus in Form einer banalen Siegessäule, dessen Spitze aus Fiberglas bunt leuchten kann. Nach Einwänden der Polizei von New York muss der Turm auch noch aus Sicherheitsgründen auf einem 60 Meter hohem Betonsockel stehen. Der Name «Freedomtower», das Einzige, was mit der Höhe von 1776 Fuß vom ursprünglichen Plan Libeskinds blieb, erscheint in diesem Zusammenhang wie bittere Ironie.

«Größter architektonischer Schrott»
Die amerikanische Allgemeinheit wird deswegen nicht allzu betrübt sein. Zu unzugänglich fand sie die futuristischen Konstruktionen des berühmten Architekten. Der Großunternehmer Donald Trump sprach mit der ganzen Autorität, die ihm seine Milliarden verleihen, von Libeskinds Entwurf als «größtem architektonischen Schrott.» Als «Eierkopf» hatte er den Architekten selbst bezeichnet. Die New York Post bot Trump ein Forum für fast tägliche Beschimpfungen. Der Baumagnat selbst wollte, die Zwillingstürme genau so wieder aufzubauen, wie sie waren - nur 30 Meter höher.

Das jahrelange Gerangel um Ground Zero gleicht einer Seifenoper, in der klischeehafte Protagonisten ihre ständigen Auftritte hatten - der Geldhai, sein eiskalter, pragmatischer Helfer, und der sensible, missverstandene Künstler. George Pataki, der Gouverneur des Staates New York, trat gelegentlich als wohlgesinnter Patron Libeskinds auf. Patakis Motive ließen sich mit dem Hintergrund seiner wahrscheinlichen Präsidentschaftskandidatur in zwei Jahren leicht erahnen.

Ein Ultimatum zum Baubeginn
Das Ultimatum an Silverstein, gestellt von New Yorks Hafenbehörde, den Besitzern des WTC Areals und George Pataki, hat nun den Baubeginn bewirkt. Ein großzügig abgefundener Rückzug aus Teilen des Großprojekts hat den Pächter Silverstein zum Teil entmachtet. Doch Daniel Libeskinds Entwurf kann trotzdem nicht verwirklicht werden.

Die Entwicklung der Dinge ist dabei nicht besonders überraschend, da sich die Aufnahme von künstlerisch ambitionierter Architektur in den letzten Jahrzehnten immer einseitiger entwickelte. Der moderne Zeitgeist scheint alles abzulehnen, was einen wirtschaftlichen Zweck nicht auf den ersten Blick aufweisen kann. Ein anderes Phänomen der Gegenwart ist allerdings die gleichzeitige Stilisierung eines Künstlers zur Ikone. In der Medienpräsenz einem Popstar ähnlich, gilt solch ein Auserwählter als Vorreiter des guten Geschmacks. Er «darf» dann auch Dinge erschaffen, deren primäres Ziel es ist, ihre Betrachter intellektuell herauszufordern. Da Kunstobjekte zu allen Zeiten dem Geschmack der Masse fremd waren (Anerkennung kommt oft zeitversetzt), ist dieses Phänomen ein Paradoxon. Besonders dann, wenn die Entwürfe des Künstlers in erster Linie eine solche Herausforderung darstellen - passives Vergnügen beim Blick auf das Bekannte verschwindet zugunsten der Anstrengung in der Betrachtung von etwas vollkommen Neuem.

Architektur als ästhetisches Abenteuer
Die Karriere von Daniel Libeskind ist ein anschauliches Beispiel des Phänomens. Der in Polen geborene und in Israel aufgewachsene Amerikaner bezeichnet sich selbst in bezug auf seinen Werdegang als «Spätzünder» - jahrzehntelang war er ein Theoretiker, der «noch nie eine Garage selbst» gebaut hat. Mittlerweile ist Libeskind ein international hoch anerkannter Architekt und hat weltweit eine Vielzahl von konzeptuell beeindruckenden Projekten realisiert, die als vollkommenes Neuland in der Architektur gelten können. Libeskind weigert sich, die Architektur per se als die konventionelle Unterbringung von Büroräumen, die von Produktivität und Routine gezeichnet sind, zu verstehen. Er ist überzeugt, dass Architektur abenteuerlich und geheimnisvoll sein kann. Er vergleicht seine Arbeit mit der Erschaffung eines Universums, in welchem Formen ihre eigenen Götter gebären.

Die Wirkung von Libeskinds Architektur wird unübersehbar, sobald man sich in einem Gebäude aufhält, das er ins Leben rief - denn nichts wirkt so stark auf einen Menschen wie seine Umgebung. Seine Objekte sprechen die Menschen auf mehreren Ebenen gleichzeitig an - die Konstruktionen erscheinen meist mit zahlreichen verbalen Verweisen. Im Jüdischen Museum in Berlin gibt es Museumsführer, deren Aufgabe es ist, den Besuchern die jeweilige Bedeutung einzelner Abschnitte des Gebäudes zu erklären. Das Museum, mit dem Libeskinds Karriere begann und welchem der Architekt seinen internationalen Durchbruch zu verdanken hat, konkurriert in seiner Form mit seinen Exponaten - die letzten wären nicht unbedingt nötig, sind eher Kommentar als Inhalt. Dieser wird hier von der Form bestimmt.

Die Entwicklung um Ground Zero hat jedoch gezeigt, dass das Paradox des «erfolgreichen Künstlers» sehr deutliche Grenzen hat. Der Künstler darf Denkmäler und Museen errichten - diese gehören noch «offiziell» zum Bereich der Kunst. Sobald er aber versucht, Kunst in den Alltag zu integrieren, der von ganz anderen, rein materiellen Werten bestimmt ist, lehnt man dieses Bestreben kategorisch ab und betrachtet den Künstler als weltfremden Bewohner des Elfenbeinturms. Liebeskinds Idee der «Architektur des Optimismus» musste dem Gesetz des Pragmatismus weichen.

Marina Bergmann

«Jüdische Zeitung», September 2006