Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Gezeichnet für die Ewigkeit... und sie dürfen doch auf den Friedhof: Tattoos und das Judentum
Amy Winehouse tut es, Angelina Jolie tut es und selbst Ötzi tat es: Tätowierungen als ästhetische oder rituelle Körperverzierung begleiten die Geschichte der Menschheit, seit der erste nackte Affe auf die Idee kam, seine durch Teamwork gewonnene Zeit mit kreativen Betätigungen totzuschlagen. Früher bestanden die Motive aus einfachen Linien und Kerben, die mit Knochen oder Steinwerkzeugen in die Haut geritzt und anschließend mit Pflanzenfarbe eingerieben wurden. Mit der Zeit bildeten sich komplizierte Muster heraus, und heutzutage wird vom Namen des Ehepartners über historische Persönlichkeiten bis hin zu türkisfarbenen Davidsternen schlechthin alles unter die Haut gebracht.
Während «Arschgeweihe» inzwischen reihenweise von den Steißen fortgelasert werden, weil sie nach 3 Jahren und 3 Millionen Nachahmern eben doch nicht mehr ganz so originell wirken, entwickelt sich als neuer Trend zunehmend eine kollektive Vorliebe für «exotische» Schriftzeichen - und ausgerechnet das Hebräische wird als «stylische» Alternative zu den ewiggleichen chinesischen Schriftzeichen gesehen.
Erstaunlicherweise ist besonders unter US-amerikanischen Juden יהּוּהּ , der hebräische Gottesname, einer der beliebtesten Schriftzüge, ebenso wie der Davidstern. Dabei sollten Tätowierungen mit jüdischer Signalwirkung eigentlich als Paradoxon schlechthin wahrgenommen werden - ein tätowierter Jude, das geht doch irgendwie nicht, ist den meisten dunkel im Gedächtnis.
«Geätzte Schrift»: verboten
Wilde Gerüchte kursieren diesbezüglich; viele glauben zu wissen, dass tätowierte Juden keinen Platz auf einem jüdischen Friedhof bekommen würden (falsch - wenn jedem, der irgendwann einmal gesündigt hat, eine jüdische Beerdigung verwehrt bliebe, wären die Friedhöfe wohl ziemlich leer); großer Beliebtheit erfreut sich auch die Idee, dass ein Konvertit oder ein Jude, der seine Religiosität erst spät entdeckt, bereits gestochene Motive wieder entfernen müsste (auch falsch - das käme schließlich einer doppelten Verletzung der eigenen Unversehrtheit gleich). Aber wie genau steht das Judentum denn nun zur Body Modification?
Erstmal: eine Tätowierung (ebenso Piercings, strenggenommen also auch Ohrlöcher) ist ein Eingriff in den von Gott geschenkten Körper. «Und einen Einschnitt wegen eines Toten sollt ihr an eurem Fleisch nicht machen; und geätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der HERR.» Die Bibelstelle Wajikra 19,28 verbietet zunächst einmal rituelle Verletzungen, wie sie unter semitischen Völkern lange Zeit üblich waren. Und auch das Selbstverletzen zur persönlichen Erbauung wird als «geätzte Schrift» für unerwünscht erklärt. Führt man das Wort «Tattoo» auf seinen polynesischen Ursprung «tatau» («Wunden schlagen») zurück, sollte auch der letzte Zweifel ausgeräumt sein, dass es sich im halachischen, d.h. religionsgesetzlichen Sinne hier nicht um eine wünschenswerte Selbstmodifikation handeln kann. Ganz zu schweigen von dem gewichtigsten Grund, den Körper als Leihgabe Gottes zu ehren - denn das wird in Bereschit 1, 27 genannt: «Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde».
Welche Möglichkeiten bleiben also, wenn man Abziehbildchen aus Überraschungseiern einmal beiseite lässt? Henna ist eine ebenso traditionelle wie dekorative Möglichkeit. Die kunstvollen Bemalungen mit der stark färbenden Pflanzenpaste halten einige Wochen und verblassen anschließend, ohne Rückstände zu hinterlassen. Die Haut wird nicht durchstochen. Allerdings sollte darauf geachtet werden, dass dieses «Tattoo» nicht öffentlich sichtbar wird - ein Jude, der um die schnelle Vergänglichkeit des Bildes nicht weiß, könnte sonst annehmen, Tätowierungen seien halachisch eben doch erlaubt. Diese negative Einflussnahme muss ausgeschlossen werden, dann steht der vorübergehenden Hautdekoration nichts mehr im Weg. Während sich in den USA durchaus viele jüdische Tätowierer finden, ist das Interesse an mosaisch konnotierten Hautverzierungen in Deutschland eher gering. Im bekannten Berliner Studio «All Style Tattoo» wird von zertretenen Käfern unter der Fußsohle bis hin zu Handkreissägen zwar so einiges tätowiert, aber an jüdische Motive kann sich die Besitzerin «Miss Nico» kaum erinnern. «Ich habe mal ein Rückenbild mit dem 4. Gebot gestochen. Einmal!», erinnert sich die Tattookünstlerin, die immerhin schon seit den 1990er Jahren im Geschäft ist. Symbole aus anderen Religionen - Buddhismus, Hinduismus, Christentum - erfreuen sich hingegen konstanter Beliebtheit.
Stigma und sozialer Code
Die Signalwirkung eines Bildes in der Haut, ob tief eingestochen oder oberflächlich aufgemalt, ist in jedem Fall gewiss. Als Beispiel kommt vielen sofort der Kultfilm «American History X» in den Sinn; hat er sich doch vor allem durch die Edward-Norton-Szene, in der der Schauspieler hasserfüllt auf sein in die Brust gestochenes Hakenkreuz schlägt und «Das bedeutet: nicht willkommen!» schreit, als bestürzende Skizze der rechtsradikal orientierten White-Trash-Subkultur in den USA einen Namen gemacht. Die sinnlose Hetze eines sprachlosen, nur über die eigene Gewaltbereitschaft definierten jungen Mannes kulminiert nicht umsonst in einer schmerzhaften wie symbolhaften Zeichnung, die tief in seinem Fleisch sitzt und selten verbale Untertitel benötigt. Ebenso sehr, wie Tätowierungen als individueller Ausdruck der eigenen Schönheits- und Entfaltungsbegriffe verstanden werden können, dienen sie in manchen Gegenden der Welt auch zur Kennzeichnung einer bestimmten Volksgruppe oder bestimmter geographischer Herkunftsgebiete. Auch der soziale Status des Tätowierten kann sich in bestimmten Farb- und Mustercodes ausdrücken. Die Gruppe der Ainu, die Ureinwohner Japans, kennzeichnete bis vor kurzem alle verheirateten Frauen mit einem Oberlippentattoo. Die Umrahmung des Mundes wurde schon im Kindesalter begonnen und erst zum Tag der Vermählung vollendet. Prinzipiell ist diese Kennzeichnung ungefähr mit dem «Schaitl» (den von osteuropäischen, ultraorthodoxen Jüdinnen getragenen Perücken) oder dem Kopftuch orthodoxer Jüdinnen zu vergleichen: Die Tätowierung deutet darauf hin, dass das Mädchen einem Mann versprochen bzw. schon mit ihm verheiratet ist und soll sie so vor den Annäherungen fremder Männer schützen und ihrer Keuschheit Ausdruck verleihen.
Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe durch Kennzeichnung des eigenen Körpers darzustellen, war jahrhundertelang auch bei der wohl erfolgreichsten jüdischen Sekte der Welt üblich: Die ersten Christen ließen sich die Stigmata des gekreuzigten Jesus nachtätowieren, bis Kaiser Konstantin es ihnen schließlich im Jahr 400 u.Z. verbot. In Europa war über Jahrhunderte vor allem die Seemannstätowierung als Zugehörigkeitsmarker einer bestimmten Zunft verbreitet. Motive, die die Wirkung eines schützenden Talismans garantieren sollten - zum Beispiel die Jungfrau Maria - oder das berühmte Motiv «Des Mannes Verderben», das mit der Darstellung einer jungen Frau (Eva!) mit Würfeln (Glücksspiel!) und dem jeweils bevorzugten alkoholischen Getränk (Trunksucht!) vor den schlimmsten Verlockungen warnte, die einem Matrosen beim Landgang begegnen konnten.
Die Straftätowierung war in der Geschichte bei nahezu allen Völkern verbreitet. Als Schandmal wurde sie jenen unter die Haut gestochen oder gebrannt, die sich gegen Regierung, Lehnsherren oder Mitmenschen versündigt hatten. Eng verwandt mit dieser Praxis war im europäischen Mittelalter das Ohrenabschneiden und das Heraustrennen von Zungen - dem Verurteilten sollte ein unwiderrufliches Mal zugefügt werden, das all jenen, die ihm begegneten, sofort von seiner Schuld künden sollte. In der Tat ist jede Tätowierung eine Körperverletzung, die bei unprofessioneller Vorgehensweise zu Blutvergiftungen und schweren Entstellungen führen kann. Aufgrund der bis zum heutigen Tag in schlecht geführten Studios verbreiteten Praxis, mit verunreinigten Nadeln und schlecht desinfizierten Hilfsmitteln zu arbeiten, sind Entzündungen in den ersten Wochen nach dem Stechen nichts Ungewöhnliches. Auch wenn die Infektionswahrscheinlichkeit durch die Wahl eines erfahrenen, steril arbeitenden Tätowierers enorm reduziert werden kann, wird bei Eingriffen zur Body Modification ein gewisses Infektionsrisiko vorausgesetzt. Beispielsweise darf man «sich in den letzten 5 Monaten weder gepierct noch tätowiert haben», wenn man Blut spenden möchte, schreibt das Deutsche Rote Kreuz vor.
Opas KZ-Nummer auf dem Arm
Der grausige Höhepunkt der brutalen Kennzeichnung Geächteter findet sich in den Häftlingsnummern der KZ-Insassen wieder. Als Schritt auf dem Weg zur völligen Entmenschlichung der Schoa-Opfer wurde ihnen ihr Name genommen und stattdessen eine Identifikationsnummer gegeben, als seien sie Waren und keine Individuen mehr.
In Israel entschieden sich einige Jugendliche gar dafür, die ihren Großeltern aufgezwungenen Lagernummern auf ihre Unterarme stechen zu lassen. Von vielen Menschen wird dieses Vorhaben als abstoßend empfunden. Nicht nur, dass die jüdische Tradition Tätowierungen halachisch nicht gestattet; es ist außerdem fragwürdig, welches Statement durch das Imitieren der gestochenen Zeugnisse unvorstellbaren Grauens getätigt werden soll. Häufig wird als Argument genannt, dass an die Schrecken der Schoa erinnert werden soll - aber wie kann jemand, der die Grausigkeit der Lager nur vom Hörensagen kennt, das Kennzeichen brutalster Entmenschlichung freiwillig unter der Haut tragen, während Schoaüberlebende bis zum heutigen Tag die realen Zeichen der Entwürdigung mit sich tragen? Eine weitere Position, die zur Erklärung solcher Tattoos herangezogen wird, ist, dass ganz persönlich an die geliebten Großeltern und ihre Geschichte erinnert werden soll. Aber ist die Entindividualisierung und Erniedrigung in den Konzentrationslagern tatsächlich der Aspekt, durch den sich die Enkel mit ihren Angehörigen verbunden fühlen sollen? Simpel gesagt: Hätte die Großmutter es gewollt, dass ihr Enkel sie in erster Linie als Opfer der Gräuel der Judenverfolgung sieht?
Ob Sträflingsnummer oder Madonnenportrait: Dem Tätowierten sind in jedem Fall unterschiedlichste Reaktionen aus seinem Umfeld gewiss. Das Bild in der Haut fordert die Wertung im Kopf geradezu heraus. Gleichgültig, ob diese positiv oder negativ ausfällt, wird sie immer extrem sein - wie es wohl schon vor Tausenden von Jahren war, als der erste Mensch seinen Körper durch bunte Stiche unverwechselbar machte. |