November

Zusammengestellt von Stefan Daniel

 

3. November 1900

Leo Löwenthal

Leo Löwenthal. Foto: Reuters

Der Literatursoziologe Leo Löwenthal gehört zu jener Generation, die als Kinder jüdischer Eltern geboren wurden, die sich in Deutschland komplett zu assimilieren suchten. Oft war die vorige Generation noch orthodox gewesen. Doch die Generation Löwenthals folgte nicht blindlings ihren Eltern. Zu beschämend war das Verhalten, das sie entweder schon im Ersten Weltkrieg in den Schützengräben seitens der deutschen Kameraden erlebten oder eben jenes Denken, das nach diesem Krieg die deutschen Köpfe beherrschte. Der äußere Druck des Antisemitismus war für viele der Antrieb, sich als Jude mit dem Judentum zu beschäftigen. Bei Leo Löwenthal geschah dies in auserwählter Runde: Sein Lehrer war der Rabbiner Nehemias Anton Nobel, der sich Samson Raphael Hirsch zum Vorbild genommen hatte. Zu Nobels Schülern zählten - neben Leo Löwenthal - Ernst Simon und Erich Fromm. Zum erweiterten Kreis gehörten noch Siegfried Kracauer, Franz Rosenzweig und Martin Buber. Löwenthal war zunächst orthodox und Zionist - wie sein Lehrer Nobel. Diese Konstellation hatte bei den jungen, selbstbewussten Juden die eine oder andere fragwürdige Ansicht zur Folge. So findet sich Löwenthals Name unter einem Artikel in der «Jüdischen Rundschau» vom 29. Dezember 1922, aus dem religiöser Nationalismus und Reaktionismus spricht. Durch den frühen Tod Nobels im Jahr 1922 fiel für Löwenthal eine seelische und intellektuelle Stütze weg. Noch im Alter von über 80 Jahren erinnert er sich an die Präsenz des charismatischen Rabbiners, dem er unterstellt, dass er eine «verdrängte homosexuelle Liebe zu jungen Menschen» empfand. Eine Äußerung, die nicht überall mit Wohlwollen aufgenommen wurde und die sich überdies sehr nach dem Jargon der Psychoanalyse anhört, der sich Löwenthal wenige Jahre nach Nobels Tod zusammen mit Erich Fromm unterzog. «Psychothorapeutikum» nannte man scherzhaft die Praxis von Frieda Reichmann, der späteren Frau von Erich Fromm. Das Orthodoxe war nach der Analyse verschwunden, nicht aber Löwenthals Feingefühl für die Belange der Juden und die Schärfe seiner Beobachtungen im Bereich der Literatursoziologie. Diese Gattung der Literaturwissenschaft hatte es vor Leo Löwenthals Schaffen nicht gegeben. Es war sein Fachbereich, den er im Rahmen des interdisziplinären Forschungsansatzes des Instituts für Sozialforschung um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sein eigen nannte. Im Gegensatz zu Horkheimer und Adorno blieb Löwenthal nach der Emigration in den USA. Auf die Frage seines Freundes Siegfried Kracauer, ob er daran denke, wieder in Deutschland zu leben, antwortete Löwenthal mit einem klaren «NEIN». In den USA arbeitete Löwenthal nach dem Krieg, wie fast alle Kollegen des Instituts für Sozialforschung, an Studien über den Antisemitismus. Eines der Ergebnisse war Löwenthals Definition von nicht-totalitärem und totalitärem Antisemitismus: Ist der Jude bei ersterem noch Feind und als solcher wenigstens als Mensch, wenn auch verhasster, kenntlich, so wird der Jude beim totalen Antisemitismus zum leblosen Objekt, das für jeden Zweck manipuliert werden kann, den die jeweilige Politik verlangt. Leo Löwenthal war weder verhasst noch ein lebloses Objekt, auch wenn nicht alles, was er sagte und schrieb, mit Begeisterung aufgenommen wurde.

 

3. November 1914

Kurt Julius Goldstein

Kurt Julius Goldstein. Foto: M. Reininghaus

Gemäß seinem Lebensmotto «Verstummen bedeutet sterben» war Kurt Julius Goldstein Zeit seines Lebens darum bemüht, ebenso gehört wie verstanden zu werden. Deshalb begab er sich bis ins hohe Alter unermüdlich auf Vortragsreisen und deshalb sprach er auch zu Jüngeren auf gleicher Augenhöhe. Als Kriegsinvalide aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt, war der Vater des damals 6-jährigen Kurt bereits 1920 an den Folgen seiner Kriegsverletzungen gestorben. Zuvor hatte er jedoch seinem in Dortmund geborenen und in Hamm aufgewachsenen Sohn noch die Grundlagen für dessen spätere politische Überzeugung mit auf den Weg gegeben: Pazifismus und Menschenwürde. Bereits in jungen Jahren wurde Goldstein Mitglied des linken jüdischen Jugendbundes «Kameraden» sowie der Sozialistischen Arbeiterjugend, 1928 schloss er sich dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands an, 1930 trat er der KPD bei. 1932 brachte ihm seine sozialistische Überzeugung einen Schulverweis ein. Direkt nach dem Reichtagsbrand ging der von den Nazis gleichermaßen als Kommunist wie als Jude Verfolgte in den Untergrund, wenig später konnte er zu Verwandten nach Luxemburg fliehen. Für etwa ein Jahr lebte Goldstein 1935 in Palästina, wo er sich als Arbeiter auf dem Bau durchschlug, ehe er dann von 1936 bis 1939 im Spanischen Bürgerkrieg als Interbrigadist kämpfte. Nach der Demobilisierung der Internationalen Brigaden 1938 und dem Sieg Francos wurde Goldstein im Februar 1939 in einem französischen Sammellager interniert, ab Mai 1939 war er in den Lagern von Gurs und Le Vernet inhaftiert. Im Juli 1942 wurde Goldstein an Deutschland ausgeliefert und nach Auschwitz verschleppt. Hier war er einer der wenigen jüdischen «Kapos» und erhielt von der SS den Spitznamen «Judenkönig». Goldstein überlebte 30 Monate im Konzentrationslager und im Januar 1945 auch den «Todesmarsch» von Auschwitz ins KZ Buchenwald. Nach der Befreiung war er als Jugendsekretär der KPD tätig und wurde Vorsitzender des Landesjugendausschusses in Thüringen, bis er 1946 nach Dortmund zurückkehrte und auch dort für die KPD tätig war. Er stieg später bis zum Sekretär des FDJ-Zentralbüros in der Bundesrepublik auf. 1951 siedelte er in die DDR über. Hier wurde er politischer Mitarbeiter der Westabteilung des Zentralkomitees der SED, 1956 ging er zum «Rundfunk der DDR», wechselte 1957 zum «Deutschlandsender», dessen Intendant er, auch nach dessen Umbenennung 1971 in «Stimme der DDR», von 1969 bis 1978, seiner Pensionierung, war. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes arbeitete für viele internationale Organisationen und war Ehrenpräsident des «Internationalen Auschwitz-Komitees» und Ehrenvorsitzender der «Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten». 1994 wurde er Ehrenvorsitzender des «Interessenverbandes der Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, der Verfolgten des NS-Regimes und der Hinterbliebenen». 1996 wurde er zum Ehrenbürger Spaniens ernannt. Kurt Goldstein starb am 24. September 2007 und ist auf dem «Friedhof der Sozialisten» in Berlin-Friedrichsfelde beigesetzt. M. Reininghaus

 

9. November 1905

Erika Mann

Erika Mann. Foto: Reuters

Dass «die Tochter» am Vergleich mit dem übergroßen Vater scheitert, würde als These im Bezug auf die Manns nicht weiter verwundern. War es nicht bei allen Kindern so, die schreiben wollten? Bei Golo, Klaus, Elisabeth und Monika? Nicht allzu alt ist hingegen die etwas skurril anmutende Annahme zum verdrängten Judentum Erika Manns. Dabei gibt es wahrlich genug, das in irgendeiner Weise die Psyche der Mann erklären kann. Dass sie nicht als «Erik» auf die Welt kam, wie es sich ihre Mutter Katia gewünscht hatte und wie es den Vater Thomas nachher glücklich machte, weil er nicht die Gefahr der homosexuellen Neigung zu ihr hatte. Dass sie mit dem Vater und Bruder Klaus frei am Tisch über die eigenen homoerotischen Eskapaden sprechen konnte. Dass die Mutter bei solchen Gesprächen außen vor blieb - als heterosexuelle Außenseiterin. Und dann die Heirat der lesbischen Erika Mann mit dem schwulen Gustav «Mephisto» Gründgens. Die Scheidung nach nur drei Jahren. Die Beziehung zu ihrem Bruder Klaus: Warum treten sie zusammen als Zwillinge auf? Klaus' bekanntester Roman «Mephisto» handelt von einem Opportunisten während des nationalsozialistischen Regimes. Hauptakteur des Buches ist unverkennbar: Gustav Gründgens. Zu den Schattenspielen um Sexualität und Beziehungen im Leben von Erika Mann kommt noch das Traurige hinzu: Zunächst der Selbstmord des Freundes Richard Hallgarten. Es folgt das Unvermeidliche: die Alkohol und Drogenabhängigkeit zu Beginn der 1930er Jahre. Das ist wahrlich genug für zwei Leben - doch beileibe noch nicht alles. Eine weitere Heirat, Affären mit weiblichem und männlichem Personal, der Selbstmord des geliebten Bruders und dann - als wäre es fast unwichtig: ein eigenes Werk. Das besteht in der Hauptsache aus Polemiken, Kommentaren, aus Texten für das Kabarett «Die Pfeffermühle» und Kinderbüchern. Und dennoch: Es reicht nicht, um über den Schatten des Vaters zu springen. Um darüber hinaus zu kommen, muss bei Erika Mann der Weg zum Besonderen ein anderer sein. Er muss über die Mutter führen. Diese stammte aus einer nicht weniger wohlhabenden und angesehenen Familie als jene Thomas Manns. Doch im Unterschied zu den Manns, die den exotischen Ursprung der Familie immer in Thomas Manns brasilianischer Großmutter sahen, brauchte die Familie Katia Manns nicht soweit zu gehen, denn Katia Mann war eine geborene Pringsheim. Und obwohl ihre Mutter, Hedwig Pringsheim, wie auch ihre Großmutter, die Schriftstellerin Hilde Dohm, getauft waren, die männlichen Vorfahren Katia Manns waren es nicht. Ja, der jüdische Teil der Familie Mann wurde vernachlässigt - vor allem auf Bestreben von Katia selbst. Ob jedoch das negierte Judentum bei Erika Manns bewegtem Leben zusätzlich eine tragende Rolle spielte, kann bezweifelt werden. Erika war schließlich doch nicht wie ihre anderen Geschwister, von denen zumindest Golo sich des jüdischen Teils bewusst war. Natürlich war die talentierte Erika nicht vollkommen damit ausgelastet, als Adjutantin und Nachlassverwalterin des Vaters und Bruders zu dienen, doch tat sie es gerne. Und wenn etwas von ihr im Gedächtnis bleiben wird, dann wohl nicht, dass in ihr ein Teil einer großen jüdischen Familie weiterlebte, sondern dass sie Mitte der 1930er Jahre Thomas Mann drängte, sich vor sich selbst zu bewahren und endgültig Deutschland und somit der nationalsozialistischen Diktatur den Rücken zu kehren.

 

 

19. November 1937

Tamara Bunke

Tamara Bunke. Foto: Reuters

Die Leiche einer 29-Jährigen wird am 7. September 1967 aus dem Rio Grande in Bolivien gezogen. Keiner weiß, wer sie ist. Gesicht und Körper sind zerfressen von Piranhas. Erst persönliche Gegenstände, die sich in ihrem Rucksack befinden, geben Aufschluss über ihre Identität. Es ist Tamara Bunke - besser bekannt als: Tanja la Guerillera. Dass ihr entstelltes Gesicht und ihr Körper nicht erkennbar sind, ist sinnbildlich für das Leben von Tamara Bunke. Geboren wurde sie als Haydée (oder Heidi) Tamara Bunke Bider in Argentinien. Ihre Eltern waren dorthin aus Hitler-Deutschland geflohen - nicht weil die Mutter Jüdin war, sondern weil beide überzeugte Kommunisten waren. Schon hier sind die ersten Unstimmigkeiten in der Biographie Tamara Bunkes zu finden: War ihre Mutter deutsche, polnische oder russische Jüdin? Sicher ist kaum etwas, nur dass Nadia Bunke Bider, so wohl der richtige Name der Mutter, nach dem Tod der Tochter mit großem Eifer die Legendenzeichnung der Tochter zu wahren versuchte - vor allem mit juristischen Mitteln. Aber warum musste die Mutter so vehement um die Reinhaltung des Bildes kämpfen? Tamara war in der DDR anerkannte Volksheldin. Auf Kuba ist sie es noch heute. Schulen, Straßen und Jugendgruppen waren und sind zu hunderten nach ihr benannt. Filme werden über sie gedreht. Zuletzt wurde sie 2008 von Franka Potente in Steven Soderberghs Che-Guevara-Epos verkörpert. Nimmt man die filmische Darstellung durch Franka Potente und stellt sie der des Historikers Daniel James gegenüber, dann wird klar, was dieses Mysterium der Frau ist, um deren Andenken die Mutter bis zum Tod kämpfte. Soderberghs Tamara ist eine engagierte, manchmal unsichere Frau, die mit ihrem schwarzen Haar auch die deutsche Schwester Ches hätte sein können - doch sie liebt ihren Commandante Che nicht wie einen Bruder. Bei James sieht es anders aus: Von der Stasi zur Spionin ausgebildet, die ausländische Gäste in kompromittierende Lagen bringen soll, damit diese erpressbar werden, ist sie zusätzlich noch Agentin des KGB und damit beauftragt, Che Guevaras Kampf in Bolivien zu beobachten - vielleicht sogar zu sabotieren. Denn, und das ist allseits belegt, es gibt diese eine Situation, die das Kainsmal in Bunkes Leben sein kann: Gegen den ausdrücklichen Befehl Guevaras bringt Tamara zwei Kontaktleute ins Lager der Guerillas. Ihr Fahrzeug wird vom bolivianischen Militär gefunden und darin Dokumente, die die Identität Tamaras sowie wichtiger Mitstreiter und Strukturen offenbaren. Eine Katastrophe für die Männer um Che. Warum Tamara, die als ausgebildete Spionin doch auf Vorsicht bedacht sein sollte und die es gewohnt war, Befehlen zu gehorchen, zu diesem entscheidenden Zeitpunkt eben beides ignorierte, bleibt bis heute rätselhaft. Wer es gut mit ihr meint, der wird glauben, dass sie als junge Frau zerrissen zwischen ihrer Liebe zu Che und der Identitätslosigkeit als Agentin stand und deshalb nachlässig wurde. Wer es schlecht mit ihr meint, der sagt, dass Bunkes Fehler ein Verrat an Che war; dass sie den Auftakt zum Ende einleitete, dass sie die indirekte Mörderin Guevaras ist. Dass Bunke nach ihrer Enttarnung mit einer Nachhut der Guerillas rastlos umherstreift, sich körperlich an der Grenze des Zumutbaren befindet, schließlich am Rio Grande in einen feindlichen Hinterhalt gerät und mit ihren Kameraden erschossen wird, mag dann nur als gerechte Strafe erscheinen. So oder so - die Person Tamara Bunke bleibt ein Faszinosum.

 

 

20. November 1923

Nadine Gordimer

Nadine Gordimer. Foto: Reuters

Knapp einen Monat ist es her, dass der südafrikanische Science-Fiction-Thriller «District 9» in die deutschen Kinos kam. Schon im Vorfeld hatte der Film für Aufsehen gesorgt. Nicht, wie sonst üblich, wegen neuer Tricks oder sensationeller Visualität. Nein, der Film wurde einhellig gelobt, weil er intelligent und immens politisch ist. Es ist nicht bekannt, ob Nadine Gordimer mit ihren mittlerweile 86 Jahren den Film angeschaut hat. Obwohl es durchaus sinnvoll wäre, die Literaturnobelpreisträgerin von 1991 neben Jugendlichen im Kino zu sehen, während sich auf der Leinwand Aliens und Menschen bekabbeln. Denn das Lebensthema Gordimers ist die Apartheid, die Rassentrennung, das Verhältnis von Schwarz und Weiß. Sie schreibt seit 60 Jahren mit Blick auf die politische Realität ihres Landes. Als «Frau Grass in Afrika» hat man sie bezeichnet - was wohl als Kompliment gemeint war. Doch im Gegensatz zu Günter Grass ist Nadine Gordimer noch immer interessant. Zwar hat die Apartheid in den Jahren 1990 bis 1994 ein Ende gefunden, und man kann getrost sagen, dass auch die Verleihung des Nobelpreises an Gordimer seinerzeit ein politisches Signal an Südafrika war. Doch sind Identitäts- und Rassenprobleme nach wie vor ein Thema. In ihren 2008 auf Deutsch übersetzten Erzählungen («Beethoven war ein Sechszehntel schwarz») steht, dass früher die Schwarzen weiß sein wollten, und dass heute die Weißen schwarz sein wollen. Warum? Das ist die Frage, deren Antwort für Gordimer ein Geheimnis bleibt. Neill Blomkamp, der 30-jährige Regisseur von «District 9», geht bei dieser Sicht der Dinge Hand in Hand mit seiner Landsfrau. In seinem Film sind nicht mehr die Schwarzen und Weißen physisch und psychisch voneinander getrennt, sondern es gibt Aliens, also die, die gar nicht dazugehören. Einigkeit finden die menschlichen Rassen im Hass auf eine nichtmenschliche Rasse. Identitätssuche als Feindbestimmung - ein Weg, den Südafrika hoffentlich nicht mehr einschlagen wird. Gordimers Stimme hat geholfen, die Zeit der politischen Apartheid, die vor 350 Jahren mit Jan van Ribbeck begann, zu beenden. Ob die Apartheid nach der Apartheid, die «Post-» oder «Hyperapartheid», sich entfalten wird, bleibt eine offene Frage. Gordimer hat in ihrem Lebenswerk gezeigt, dass Apartheid kein starrer Begriff ist, dass er mit den Bedingungen fluktuiert. Und so muss sich auch der Kampf gegen Apartheid und Postapartheid den Bedingungen anpassen. Neill Blomkamp ist das auf ungewöhnliche Weise gelungen. Gordimer klagte die Zustände in trockenen, ironischen Sätzen an. Bei Bloomkamp ist es die fingierte Echtheit eines Ego-Shooter-Computerspiels, die eine junge Generation eher ansprechen wird als die Realität der Bücher Gordimers. Literarisch hat sich Gordimer in den letzten Jahren verstärkt der Verarbeitung des Todes gewidmet. Das lag am Verlust ihres geliebten Ehemanns Reinhold Cassirer im Jahre 2001. Es mag auch einfach an ihrem Alter liegen, dass sie sich nun der Ewigkeit statt dem Zeitlichen der Politik zuwendet. Vielleicht beruhigt es Gordimer, wenn sie weiß, dass das Thema ihres Lebens in anderen fortlebt - wenn auch auf ab.

 

 

29. November 1954

Joel Coen

Joel Coen. Foto: Reuters

«Ich hasse es, wenn Menschen im Kino weinen. Es ist vor allem beunruhigend, wenn du in einem schlechten Film sitzt und die Menschen neben dir schluchzen und ihre Nasen putzen.» Das sagt Joel Coen und geht davon aus, dass seine Filme nicht ähnliche Reaktionen hervorrufen. Seine eigenen Filme? ! Wer Joel Coen sagt, der meint auch immer dessen drei Jahre jüngeren Bruder Ethan und spricht der Einfachheit halber von den Coen-Brüdern. Diese beiden gehören zu den besten Filmemachern unserer Zeit. Warum das so ist, zeigt allein der Blick auf die Jahre 2007 und 2008. Zunächst verfilmten die Brüder Cormac McCarthys Roman «No Country for Old Men». Der Film ist düster und im Herzen so böse wie sein Hauptdarsteller Javier Bardem als seelenloser Auftragskiller. Ein Jahr später folgte «Burn After Reading» - eine ans Irrsinnige grenzende Komödie. «Berichten sie mir wieder, wenn die ganze Geschichte Sinn macht,» sagt dort ein CIA-Agent, der die Überforderung aller Personen im Film auf den Punkt bringt. Beide Filme konterkarieren sich, sind brillant und bleiben mit dem eigentlichen Lebensthema der Coens verbunden: dem Verbrechen. Denn egal, welchen der mittlerweile dreizehn erschienen Filme der Brüder man sich anschaut, nie geht es ohne Verstoß gegen das Gesetz, ohne Mord und Totschlag. Dass die Coens die Morde mit wenig Feingefühl darstellen, liegt an der Zeichnung der Filmcharaktere. Diese sind dem Nachbarn näher als dem alles planenden Superschurken, ihre Subtilität ist die eines Presslufthammers. Wenn in «Fargo» (1996) Peter Stomare seinen ehemaligen Partner im Gartenhäcksler entsorgt, dann symbolisiert dies eben jene Nähe des Verbrechens zur nachbarschaftlichen Banalität. Zumeist ist schlicht das Verbrechen dem Verbrecher überlegen. Hierdurch erhalten die Filme ihre Komik, die nicht darauf schielt, die Darsteller zu Witzfiguren zu machen, sondern, dass die Normalität der Menschen sich in Koinzidenz mit der Abnormalität des Verbrechens ins Aberwitzige steigert. Das kann auch erklären, warum die Coens immer wieder auf die gleichen Schauspieler zurückgreifen. Dazu gehören neben Joel Coens Ehefrau Frances McDormand, die er am Set «Blood Simple» (1984) kennen lernte, vor allem Steve Buscemi, John Goodman und John Turturro. In ihrem vor Kurzem in den USA in die Kinos gekommenen Film «A Serious Man» greifen die Coens erstmalig auf Neulinge und Serienschauspieler zurück. Zudem nehmen sie ein Thema auf, das bei ihnen sonst nur latent vorhanden ist: das Judentum. Zwar kommen zumindest in «Barton Fink» (1991) und «The Big Lebowski» (1998) Juden vor, aber dass sie zum prägenden Millieu des Films gemacht werden, ist ungewöhnlich. Wie schon in «O Brother, Where Art Thou» (2000) adaptierten die Brüder für «A Serious Man» klassischen Stoff: War es vor dem die Homersche Odyssee, die ins Mississippi der 1930er Jahre verlegt wurde, ist es nun die Geschichte Hiobs, die im Minnesota der 1960er Jahre spielt. Im Januar 2010 wird der Film in Deutschland zu sehen sein und wir wollen den Coens nicht wünschen, dass es der erste ihrer Filme ist, bei dem unser Nachbar im Kino das Taschentuch zückt.

 

                                                                                                     von Stefan Daniel

«Jüdische Zeitung», November 2009