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«Es schaut nicht extrem aus»

Polen und der Antisemitismus – ein zwiespältiges Verhältnis

Ein offenkundig antisemitischer Angriff auf den polnischen Oberrabbiner Michael Schudrich schreckte Ende Mai die jüdische Gemeinde des Landes auf. Als Schudrich auf dem Weg zum Schabbatessen war, hatte ein 33-jähriger Mann aus der Neonazi-Szene ihn in der Nähe der Warschauer Synagoge angeschrieen: «Polen den Polen». Der Oberrabbiner fragte, was das solle. Daraufhin schlug der Angreifer ihn auf die Brust und sprühte ihm Tränengas ins Gesicht. Das Opfer trug leichte Verletzungen davon.

Ein Sprecher des Innenministeriums deutete den Übergriff damals in einer ersten Reaktion um. Er wertete die Tat als eine Provokation, die das Ziel habe, Polen als ein antisemitisches Land darzustellen. Dabei verwies er auf den Zeitpunkt des Angriffs, einen Tag vor Schudrichs Auschwitz-Besuch mit Papst Benedikt XVI.. Staatspräsident Lech Kaczynski nahm sich der Angelegenheit hingegen persönlich an und empfing den Oberrabbiner wenige Tage nach der Gewaltattacke in seinem Amtssitz. Fünf Wochen später nahm die Polizei den geständigen Täter, einen Arbeiter, fest. Zwei Monate saß er in Untersuchungshaft. Ende August sollte der Prozess gegen ihn beginnen. Als Höchststrafe sieht das polnische Gesetz für solche Verbrechen fünf Jahre Gefängnis vor.

Das Europäische Parlament nahm den Angriff auf Schudrich in eine Resolution auf, die den zunehmenden Rassismus und Antisemitismus in Europa verurteilte und dabei Polen neben wenigen anderen Ländern besonders hervorhob. Das wiederum fand eine große Mehrheit der polnischen Abgeordneten überzogen und antwortete darauf mit einer Gegenresolution. Auch der ehemalige Außenminister Wladyslaw Bartoszewski nannte die EU-Resolution gegenüber der JZ eine «Gemeinheit». Man dürfe den Angriff auf Schudrich nicht mit rassistischen Morden in anderen EU-Ländern in einen Topf werfen. «Es gibt bei uns nicht so viele antisemitische Verbrechen wie in Frankreich», betonte Bartoszewski, der Ehrenbürger Israels ist.

Der polnische Antisemitismus drücke sich anders aus als in Westeuropa, erklärt der jüdische Publizist Czeslaw Bielecki: «Nicht so sehr durch brutale Exzesse, durch die Frankreich und Deutschland bekannt sind, sondern durch die allgemeine Leugnung, dass es in Polen Antisemitismus gibt.» Dabei spiele eine Art Opferkonkurrenz eine Rolle. «Nur ungern nehmen es Polen zur Kenntnis, dass es keine Symmetrie gibt zwischen dem Holocaust und den schlimmsten stalinistischen oder nationalsozialistischen Verfolgungen, die sie erlebt haben», sagt Bielecki.

Nach Umfragen sind in Polen antisemitische Vorurteile weit verbreitet. Laut einer von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) finanzierten Umfrage vom Mai 2005 meinten 43 Prozent der Polen, Juden hätten in der Wirtschaftswelt zu viel Macht. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 20 Prozent, in Ungarn 55. Jeder zweite Pole war außerdem der Ansicht, die Juden würden zuviel über den Holocaust sprechen. In Deutschland sahen das 48 Prozent so.

Kurz nach dem Angriff auf den Oberrabbiner richteten die jüdischen Gemeinden eine Datenbank für antisemitische Verbrechen ein. Die Initiative erhielt den Namen Magen (hebräisch für Schild). Eine Statistik gibt es allerdings noch nicht. Der Präsident des Verbandes der Jüdischen Gemeinden, Piotr Kadlcik schätzt ein: «Bisher schaut es bei uns nicht extrem aus. Antisemitismus ist hier kein Massenphänomen». Die Beschimpfungen von Juden nehmen dennoch zu, beklagte Kadlcik. «In den vergangenen Wochen hat es einen deutlichen Anstieg von Drohanrufen und Drohbriefen gegeben.»

Oberrabbiner Schudrich selbst macht für die antisemitische Stimmung unter anderem die rechts-populistische Regierungskoalition verantwortlich. Die Anfang Mai erfolgte Aufnahme der Rechtsaußen-Partei Liga Polnischer Familien in die Regierung habe rechtsextreme Täter ermutigt. Kadlcik lobt jedoch das entschlossene Vorgehen der Regierung gegen Rechtsradikale. Als besonders bedeutsam gilt, dass die Internetseite Redwatch abgeschaltet wurde und mehrere Verantwortliche verhaftet wurden. Auf der Homepage wurden vor allem Linke und Homosexuelle zur «Fahndung» ausgeschrieben. Darauf wurde einer von Rechtsextremisten überfallen und lebensgefährlich verletzt.

Auch bei den Wahlen in Polen treten offen antisemitische Kandidaten wie Leszek Bubel an. Der Stimmenanteil des Chefs der rechtsextremen Nationalen Partei und Verlegers lag bei den Präsidentschaftswahlen immer unter einem Prozent. Bei der letzten Wahl im Oktober erhielt er 0,13 Prozent der Stimmen. 18.828 Bürger wählten ihn.

Landesweiten Protest löste einer der wichtigsten Kommentatoren des Senders Radio Maryja aus. Der Antisemit Stanislaw Michalkiewicz beschimpfte in seiner Kolumne Ende März die Juden. «Der Jüdische Weltkongress, die wichtigste Firma des Holocaust-Industriekonzerns», verlange von Polen Tributzahlungen, andernfalls werde es «auf der internationalen Bühne gedemütigt». Er sprach von «jüdischen Krawallen im KZ Auschwitz» und dem «Aufbauschen» des Judenpogroms von Jedwabne im Jahr 1941. Zugleich warf er der liberalen Zeitung «Gazeta Wyborcza» eine «systematische Dressur in der so genannten Toleranz» vor und nannte sie deshalb «die jüdische fünfte Kolonne auf polnischem Boden». Für Michalkiewicz hatte das Ganze trotz Ermittlungen der Staatsanwaltschaft keine Konsequenzen. Er kommentiert weiter. Selbst auf der Website des Senders ist sein antisemitischer Beitrag weiterhin zu lesen.

Polnische Experten heben hervor, dass Polen zwischen 30.000 und 100.000 Juden im Zweiten Weltkrieg vor den Nazis retteten, obwohl das dort gefährlicher als im Westen war. In Jad Vaschem erhielten besonders viele Polen einen Baum: Exakt 5.941 Polen werden in Jad Vaschem als «Gerechte unter den Völkern» geehrt, gefolgt von 4.726 Niederländern auf Platz zwei.

Zur Entlastung gegen den Antisemitismusvorwurf wird auch angeführt, dass Politiker mit jüdischen Wurzeln in Polen Karriere machen. Dazu gehört der frühere Außenminister und heutige Europaabgeordnete, Bronislaw Geremek.

Für die Tat gegen den Oberrabbiner wurde der 33jährige Neonazi inzwischen zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Diese hatte er gestanden, sich jedoch gegen den Vorwurf des Rassismus verwehrt.

Oliver Hinz

«Jüdische Zeitung», September 2006