Trauriger Rekord

 

Im Jahr 2009 wurde weltweit eine deutliche Zunahme von Vorfällen und Gewalttaten gegen Juden verzeichnet. Laut einem Bericht des Koordinierungsforums für die Bekämpfung des Antisemitismus (EUFA) ist der Anstieg antisemitischer Handlungen dabei in Westeuropa besonders besorgniserregend. Der jährliche Bericht wurde nun, kurz vor dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, vom Vorsitzenden der Jewish Agency, Natan Sharansky, der Öffentlichkeit vorgestellt. Daraus geht hervor, dass es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr so viele antisemitische Gewalttaten in Westeuropa gab wie im vergangenen Jahr. Der stärkste Anstieg antisemitischer Attacken war in Frankreich zu verzeichnen. 631 Vorfälle alleine in der ersten Hälfte des Jahres 2009 stehen hier 474 Fällen im gesamten Jahr 2008 gegenüber. Das Vereinigte Königreich kam mit 600 Fällen auf den traurigen zweiten Platz. Aber nicht nur ihre Anzahl ist gestiegen, auch die Qualität der Übergriffe hat sich gewandelt. Sie werden, das betonte Sharansky in seinem Bericht, zunehmend brutaler. So wurde im Mai 2009 im US-Bundesstaat Connecticut die 21-jährige jüdische Studentin Johanna Justin-Jinich erschossen. Ihr Mörder hatte zuvor in sein Tagebuch geschrieben, dass er es «o.k.» finde, einen Juden zu erschießen, und bei einem Angriff auf das US Holocaust Memorial Museum in Washington D. C. wurde im Juni der Sicherheitsbeamte Stephen Johns von Neonazis ermordet.

 

Ein weiteres, mehr als besorgniserregendes Ergebnis des Berichts war, dass etwa 42 Prozent der europäischen Bürger meinten, dass Juden ihre Vergangenheit als Opfer dazu nutzten, um Geld zu «erpressen». Die Liste von Vandalismus und Zerstörung jüdischer Einrichtungen ist in Europa besonders lang, und sie umfasst fast alle Staaten. So rammten im südfranzösischen Toulouse Angreifer ein brennendes Auto in die Tore einer Synagoge und richteten dabei schwere Schäden an. Im nördlichen Pariser Vorort Saint-Denis sowie in Straßburg wurden zwei Synagogen mit Brandsätzen angegriffen. Aber nicht nur in Frankreich waren Synagogen vermehrt Ziel von antisemitischen Attacken. So wurde etwa eine jüdische Gemeinde in Schweden mit einem durch ein eingeschlagenes Fenster geworfenen Brandsatz angegriffen und in Dänemark hatte im Dezember 2008 ein Angreifer zwei Israelis, die in einem Einkaufszentrum arbeiteten, angeschossen. Der dänische Terrorist Wissam Freijeh, dessen Eltern aus dem Libanon stammen, wurde kürzlich zu zehn Jahren Haft verurteilt. Eine Besserung ist nicht in Sicht: Obwohl das Jahr 2010 erst begonnen hat, ist auch für dieses Jahr bereits eine Vielzahl von antisemitischen Attacken zu berichten. So wurde im Januar auf der Insel Kreta eine Synagoge gleich zweimal angegriffen. Beim zweiten Angriff gelang es den Angreifern dann schließlich, die Synagoge aus dem 16.Jahrhundert niederzubrennen. In Straßburg waren am 27. Januar Gräber mit Hakenkreuzen und Neonazi-Parolen beschmiert und zerstört worden. Auch in Deutschland wurden derartige Untaten registriert: In Gotha hing ein blutiger Schweinskopf am Eingang zum jüdischen Friedhof. In Ungarn und der Ukraine war Antisemitismus gar ein gern genutzte Waffe im Wahlkampf.

 

Besonders viele judenfeindliche Angriffe wurden in den ersten drei Monaten des Jahres 2009 verübt. Der Bericht der Jewish Agency geht davon aus, dass dies im direkten Zusammenhang mit den blutigen Angriffen Israels auf Gaza zum Jahreswechsel 2008/09 zu sehen ist. Über diesen Krieg legt inzwischen ein anderer Bericht Zeugnis ab: Der südafrikanische Richter Richard Goldstone hat diesen im Auftrag der UNO verfasst und Israel darin - ebenso wie übrigens die Terrororganisation Hamas, der der Angriff damals vornehmlich galt - der unangemessenen Gewaltanwendung bezichtigt.

 

Es wäre töricht, dies alles nun damit zu begründen oder gar zu rechtfertigen, dass Israel einen falschen, gefährlichen und blutigen Kampf gegen die Hamas vom Zaun gebrochen hat. Ebenso töricht ist es allerdings, den Zusammenhang zu leugnen. Am wenigsten aber können die Berichte und ihre Verfasser dafür. Sowohl die Jewish Agency als auch Richard Goldstone haben nur dokumentiert, was andere angerichtet haben.

 

«Jüdische Zeitung», Februar 2010