Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Der Mann an Axel Springers SeiteZum Tode von Ernst Cramer
Einer der letzten Kommentare aus seiner Feder galt der Literatur. Als Ende Oktober vergangenen Jahres bekannt wurde, dass der Literatur-Nobelpreis diesmal an Herta Müller gehen würde, nahm Ernst Cramer dies zum Anlass, über Dissidenten im vergangenen Jahrhundert nachzudenken. Die in Rumänien geborene Herta Müller, so formulierte Cramer damals in der Tageszeitung «Die Welt», sei weniger aufgrund ihrer deutschen Abstammung durch die rumänische Geheimpolizei verfolgt worden, als vielmehr aufgrund ihres in den Ländern des real existierenden Sozialismus «verpönten freien Geistes». In fast allen Unrechtssystemen hätten sich, so Cramer, viele «so oder so» untergeordnet, aber es habe immer auch die anderen, die Dissidenten, gegeben. Lediglich eine einzige Gruppe habe im «Jahrhundert der Verfolgung» keine Chance gehabt, sich gegenüber dem Unrechtsstaat selbst zu positionieren. Cramer sprach von den Juden im «Dritten Reich», die, einmal als «Nicht-Arier» eingestuft, keine Chance mehr gehabt hätten, dieser Klassifizierung zu entkommen. Es könne niemals einen Literaten geben, so schloss Cramer seinen Kommentar, der diesen im millionenfachen Mordenden Umstand nobelpreiswürdig darstellen könne. Der Kommentar vereinigt auf beispielhafte Weise alle Komponenten des Denkens des Publizisten Ernst Cramer. Einerseits war Cramer immer ein felsenfester Feind totalitärer Haltungen, ein unversöhnlicher Gegner des Kommunismus etwa. Doch auch etwas anderes konnte und wollte Cramer nie ausblenden: Fast schelmisch mutet Cramers autobiographische Anmerkung in seinem Kommentar zur Ehrung Herta Müllers an, in der er erläutert, woher ihm das Banat, Müllers Heimat also, ein Begriff war. Als er noch ein Pennäler gewesen, so schrieb Cramer, habe einmal im Jahr der Sammeltag des Vereins für das Deutschtum im Ausland stattgefunden. Regelmäßig habe er zu diesem Anlass blaue Ansteckblumen aus Stroh verteilt und jedes Mal habe ein Gymnasiallehrer vorgetragen, wo überall im Ausland Deutsche lebten. Dies verdeutlicht Ernst Cramers Lebenshorizont. Als Sohn einer Augsburger Kaufmannsfamilie - sein Vater war mit Bertolt Brecht befreundet - er blickte am 28. Januar 1913 das Licht der Welt. In jungen Jahren war er in der jüdischen Jugendbewegung aktiv, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zeitweise in Buchenwald inhaftiert. Im letzten Monat vor Kriegsbeginn gelang ihm gerade noch die Ausreise. Er war einer der letzten Juden, denen dies glückte, seine Eltern und sein Bruder wurden im Konzentrationslager ermordet. 1945 kehrte Ernst Cramer dann in der Uniform der US Army nach Augsburg zurück. Schon bald schlug er seine journalistische Laufbahn ein, zunächst als Redakteur der «Neuen Zeitung» in München und als Mitarbeiter einer Nachrichtenagentur. 1958 wurde der aufstrebende Verleger Axel Springer auf Cramer aufmerksam und engagierte diesen als stellvertretenden Chefredakteur der Tageszeitung «Die Welt». Die Verbindung, die in der bedingungslosen Solidarität mit dem Staat Israel und der Aussöhnung nach dem Holocaust ihre Eckpfeiler fand, sollte zwei Leben lang anhalten. 1969 wurde Cramer Leiter des Verlegerbüros, Herausgeber und schließlich Aufsichtsratsmitglied bei Springer und 1985 war er neben Friede Springer einer der Testamentsvollstrecker Axel Springers, seit 1981 leitete Cramer die Axel-Springer-Stiftung. Am 19. Januar, nur wenige Tage vor seinem 97.Geburtstag, ist Ernst Cramer in Berlin gestorben. Nur wenige Tage vor seinem Tod hat er seinen letzten Kommentar geschrieben. |