Reden gegen das Vergessen

Auf der Gedenkstunde im Bundestag zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus sprachen Israels Präsident Schimon Peres und der polnische Historiker Feliks Tych

 

Der Schoa-Überlebende und polnische Historiker Feliks Tych auf seiner Rede vor dem Bundestag am 27. Januar.

Foto: Reuters

Es kommt nicht oft vor, dass der Deutsche Bundestag nahezu vollständig zusammenkommt; es kommt ebenso selten vor, dass ein ausländisches Staatsoberhaupt vor den gewählten Volksvertretern im Berliner Reichstag sprechen darf. Am 27. Januar kam zum «Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus» beides zusammen. Um zwölf Uhr trat das Parlament vollständig zur Gedenkstunde an, die zentriert um eine Rede des israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres stattfand. Eingeleitet wurde die Gedenkstunde durch eine Rede von Bundestagspräsident Norbert Lammert. Lammert wies darauf hin, dass es angesichts des Aussterbens der letzten Zeitzeugen der Schoa und der Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen nach Deutschland wichtig sei, «das Bewusstsein für die besondere geschichtliche Verantwortung Deutschlands wach zu halten.» Die Möglichkeit dazu bieten, so Lammert, unter anderem die Pflege authentischer Orte sowie Orte, an denen die Verbrechen der Täter dokumentiert werden. Lammert nannte die Dokumentationsstätte «Topographie des Terrors», die Anfang Mai in Berlin eröffnet wird, als ein Beispiel für den Kampf gegen das Vergessen.

 

Lammert übergab das Rednerpult unter Applaus an Shimon Peres. Peres hielt seine Rede auf Hebräisch, seine Stimme war dunkel, klar und manchmal sehr laut. Unverständlich war es demnach für den normalen Zuhörer, dass sich Abgeordnete der FDP in aller Ruhe mit dem Schreiben von Nachrichten auf dem Mobiltelefon und dem Studium von Akten beschäftigen konnten. Solche Eindrücke machen deutlich, wie wichtig nach wie vor der Kampf gegen das Vergessen ist, den auch Shimon Peres als zentralen Aspekt seiner Rede hervorhob: «Die Schoa muss dem menschlichen Gewissen stets als ewiges Warnzeichen vor Augen stehen; als Verpflichtung zur Heiligkeit des Lebens, zur Gleichberechtigung aller Menschen, zu Freiheit und Frieden.»

 

Doch Peres' Absicht lag nicht in der reinen Erinnerung; vielmehr wurde immer wieder deutlich, dass ihm die Vergangenheit vor allem mit Blick auf die Zukunft Bedeutung hat: «Würden die Millionen Juden Europas über eine kollektive Stimme verfügen, würde diese Stimme uns und Sie alle auffordern, den Blick in die Zukunft zu richten. Zu verwirklichen, was diese Opfer hätten tun können, wenn ihnen nicht die Gelegenheit genommen worden wäre. Neu zu erschaffen, was wir durch ihren Tod verloren haben.» Auch den Staat Israel nahm Peres ins Gebet und forderte gerade in diesem Abschnitt seiner Rede zu genauem Hinhören auf: «Sie wissen, dass Israel dem Grundsatz „Zwei Staaten für zwei Völker" zustimmt. Wir haben im Krieg einen Preis bezahlt, und zögerten nicht, auch für den Frieden einen Preis zu zahlen. Auch jetzt sind wir bereit, auf Gebiete zu verzichten, um mit den Palästinensern Frieden zu schließen. Sie sollen einen eigenen Staat errichten, einen unabhängigen, gedeihenden und friedliebenden Staat».

 

Rednerisch beschlossen wurde die Gedenkstunde durch den Schoa-Überlebenden und Professor für Geschichte Feliks Tych aus Polen, der ungewöhnlich scharf mit dem Umgang mit der Schoa in den osteuropäischen Ländern ins Gericht ging: «Nichts kann das Dritte Reich von der Verantwortung für den Holocaust freisprechen, dem die Nürnberger Gesetze den Weg bahnten. Aber es gibt auch keinen Grund, die Regierungen Ungarns, Rumäniens, der Slowakei, Bulgariens und Kroatiens, die diese Gesetze nachahmten, in der Erzählung über den Holocaust auszusparen.» Vor allem seine polnischen Landsleute und sein eigenes Leben dienten Tych als plastisches Beispiel. Hoffnung machte Tych, dass es inzwischen immer mehr Historiker gebe, die das «Beschweigen als probates Mittel der Geschichtsfälschung als unvereinbar mit ihrem Berufsethos» ansähen.

 

Würdig beschlossen wurde die Gedenkstunde durch den Violinisten Daniel Hope, der das Kaddisch nach Maurice Ravel spielte.

 

Stefan Daniel

«Jüdische Zeitung», Februar 2010