Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Rowdies in der PeripherieDie inszenierte Demütigung der türkischen Botschafters in Israel gießt Öl ins Feuer der angespannten türkisch-israelischen Beziehungen
Beginnen wir mit dem Schluss. Am 27. Januar traf sich der Generalstabschef der israelischen Verteidigungskräfte Gabi Aschkenasi mit seinem türkischen Amtskollegen in Brüssel, um gemeinsame Rüstungsgeschäfte zu besprechen. Also wieder business as usual. Was hier so selbstverständlich daherkommt, ist es in diesen Tagen allerdings längst nicht. Israel und die Türkei galten lange Zeit als befreundete Nationen an der südöstlichen Flanke der westlichen Welt. Gerade dank der Vorgeschichte - Palästina gehörte bis 1918 zum Osmanischen Reich - und wegen des aufblühenden Islamismus in der modernen laizistischen Türkei, war das NATO-Land in den letzten Jahren ein bewährter Makler für die verfeindeten Nachbarn Israel, Libanon und Syrien.
Das gute Einvernehmen zwischen Israel und der Türkei trübt sich jedoch deutlich ein, seitdem der türkische Ministerpräsident Tayyib Erdogan großen Ehrgeiz entwickelt, eine führende Rolle in der islamischen Welt einzunehmen. Punkte sammelte er dort mit heftiger Kritik am israelischen Vorgehen im Gaza-Krieg. Provokativ lud er die israelische Luftwaffe bei einem NATO-Manöver in Anatolien im Herbst 2009 aus, nachdem Israel im östlichen Mittelmeer bereits Flugtests vorgenommen hatte, die Beobachter als Training für Luftschläge gegen den Iran eingeschätzt hatten. Der Zank eskalierte, als im türkischen Privatfernsehen die Serie «Tal der Wölfe» anlief, in der türkische Babys von israelischen Agenten mit dem Ziel entführt wurden, sie zu Juden zu konvertieren. Antisemitismus pur.
Nicht mal vom Erzfeind Griechenland so behandelt
Am 12. Januar sah sich Israels stellvertretender Außenminister Daniel Ayalon veranlasst, den unbotmäßigen Freunden eine Lektion zu erteilen. Er bestellte den türkischen Botschafter Oguc Celikkol ein und platzierte ihn vor laufenden TV-Kameras auf einem deutlich kleineren Sitzmöbel. Auf dem Tisch stand nur die israelische Fahne. Ayalon wies die Kameraleute auf die aus seiner Sicht berechtigte Diskriminierung des türkischen Botschafters hin. Celikkol berichtete daraufhin am 12. Januar im israelischen Fernsehsender «Arutz 2», er sei in eine Falle getappt. Er sei zu einem höflichen Gespräch eingeladen worden, und erst die Bilder in den Medien hätten im klar gemacht, dass er in entwürdigender Weise vorgeführt wurde. So sei er nicht einmal beim türkischen Erzfeind Griechenland behandelt worden.
Die größte israelische Zeitung «Jediot Acharonot» kommentierte die Aktion Ayalons damit, dass dieser als der Vernünftigste im Außenministerium gelte und gerade deshalb gelegentlich seinem Vorgesetzten, dem Rechtspopulisten Avigdor Lieberman „Israel Beitenu", zu beweisen versuche, dass er ihm ebenbürtig sei. Premierminister Netanjahu gab Außenminister Lieberman und seinem Stellvertreter für die Inszenierung der Demütigung zunächst volle Rückendeckung. Er hielt sich aber bedeckt, als Ayalon auch nach scharfem türkischem Protest öffentlich mit seinem Affront renommierte. Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül forderte am 13. Januar eine sofortige Entschuldigung und drohte für den Fall der Verweigerung mit Abbruch der diplomatischen Beziehungen. So bat Ayalon schließlich den gedemütigten Botschafter artig um Nachsicht.
Konfrontation für die Ehre?
Israels Staatspräsident Schimon Peres gestand am 15. Januar in einem Interview mit der Zeitung «Israel Hayom», dass die Diplomatie in diesem Fall nicht an einem Krieg, sondern an großem und überflüssigem Lärm gescheitert sei. Er betrachtete zwar Erdogans Politik als Quelle der Querelen, kritisierte aber gleichzeitig die öffentliche Bloßstellung des Botschafters vor den geladenen Fotografen. Das «Bündnis der Peripherie» sei vorübergehend zu einem «Bündnis der Rowdies» geworden. Peres warb um Verständnis für Erdogan, der außenpolitisch von Sarkozy und Merkel aus der EU ferngehalten werde und innenpolitisch an die islamischen Zeiten vor Atatürk anknüpfen wolle.
Erst nach so viel Bemühen um Verständnis konnte Verteidigungsminister Ehud Barak am 17. Januar mit hohen türkischen Regierungsvertretern zusammentreffen. Außenminister Lieberman äußerte kleinlaut, die Erniedrigung des Botschafters sei «ein überflüssiger Fehler» gewesen. Doch die Einsicht währte offensichtlich nicht lang. Aus dem Außenministerium wurde am 26. Januar ein internes Dokument bekannt, dass die von Israel kritisierten Positionen Erdogans erneut herausstellt und die Erniedrigung des türkischen Botschafters als «effektiv» bezeichnet. Die regierungsfreundliche Zeitung «Makor» pflichtete dem bei: Einer Konfrontation dürfe nicht aus dem Weg gegangen werden, wenn die Ehre und die Interessen Israels auf dem Spiel stünden. Die liberale Zeitung «Haaretz» zitierte dagegen die israelische Botschaft in Ankara, die den Bericht des Außenministeriums als «völlig wirklichkeitsfremd» charakterisierte. |