Freundschaft und Hass

Alan Dershowitz distanziert sich von Richard Goldstone

 

Wüste Attacken gegen Goldstone: Alan Dershowitz. Foto: Reuters

Richard Goldstone muss sich in diesen Monaten oft wie ein verlassener Mann fühlen. Der Leiter der von der UNO installierten Untersuchungskommission zum Gaza-Krieg, die im Herbst 2009 einen nach ihm benannten Bericht vorlegte, hat in den vergangenen Wochen und Monaten zahlreiche «alte Freunde» verloren. Was musste sich Goldstone nicht alles anhören: «jüdischer Selbsthasser», «Antisemit», «Verbrecher». Dabei hat der Mann nur seine Arbeit gemacht, und das gründlich. Die vom Genfer UNO-Menschenrechtsrat in Auftrag gegebene Studie konstatierte, dass sowohl Israel als auch die Hamas während des Gaza-Kriegs Anfang 2009 Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben. Beispiele: Einsatz von unerlaubten Phosphorbomben (Israel), Verwendung «menschlicher Schutzschilde» (Israel & Hamas), Bombardierung der Zivilbevölkerung (Israel & Hamas).

 

Verständlich, dass nun vor allem Vertreter des israelischen Verteidigungsministeriums und der Armee besonders schlecht auf den südafrikanisch-jüdischen Anwalt Goldstone zu sprechen sind. Angesichts des Ende Januar von der israelischen Regierung beim UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon eingereichten Schreibens, worin Israel erklärt, welche internen Untersuchungen der Vorfälle im Gazakrieg vorgenommen worden seien, geht der Rufmord gegen Goldstone weiter. Israels Verteidigungsminister Ehud Barak bezeichnete den Goldstone-Bericht in einer Rede vor dem Jüdischen Nationalfond in der Negev-Stadt Omer Ende Januar als «verdreht, falsch und unverantwortlich». Barak strich hervor, dass Israel in dem jetzt an die UNO eingereichten, eigenen Bericht klarstelle, «dass die israelische Armee wie keine andere auf der Welt [ist], sowohl vom moralischen als auch vom professionellen Standpunkt aus.» Barak bemühte damit wieder den Begriff von der «moralischsten Armee der Welt», eine seit Jahrzehnten innenpolitisch wirksame Selbstvergewisserungsformel, wie sie in vielen anderen Ländern und Armeen der Welt wohl in dieser oder ähnlicher Form zur Anwendung kommt.

 

Dass Goldstone nicht nur aus Israel sondern auch von US-amerikanischer Seite politischer und rhetorischer Gegenwind ins Gesicht bläst, ist nicht neu. Jetzt hat sich Alan Dershowitz, Politaktivist und Anwalt auf die Seite von Goldstones Kritikern geschlagen. Dershowitz, verbal extrem harter Verfechter der Regierungspolitik Israels, bezeichnete Goldstone in einem Interview mit dem israelischen Armeeradio Ende Januar als «Verräter am jüdischen Volk».

 

Dazu muss man wissen, dass Dershowitz und Goldstone einst Kollegen an der Harvard-Universität und über viele Jahre lang enge Freunde gewesen sind. Doch dass war vor dem Gaza-Krieg und vor dem UNO-Bericht Goldstones. Seitdem wurde die freundschaftliche Verbindung von Seiten Dershowitz' aufgekündigt. Dershowitz warnt: «Der Goldstone-Bericht ist eine Diffamierung, die von einem bösen, bösen Mann geschrieben wurde.» In dem Interview äußerte der US-Amerikaner seine Bestürzung, wie solch ein Bericht «von einem Juden» geschrieben worden sein könne. Das sei, so Dershowitz, als ob ein Jude die antisemitische Verschwörungstheorie der «Protokolle der Weisen von Zion» verfasst habe. Der südafrikanische Jurist verwende seinen Namen «Goldstone», so Dershowitz, um die Verleumdungen des Berichts gegen das jüdische Volk zu untermauern.

 

Laut Dershowitz sei es das Beste, ein Komitee in Israel zu errichten, bestehend aus dem ehemaligen Obersten Richtern Aharon Barak and Meir Schamgar, das die Vorwürfe des Goldstone-Berichts überprüfe.

 

Dershowitz' Ausfälligkeiten gegen Goldstone blieben nicht unbeantwortet. Die ehemalige Ministerin und Ex-Vorsitzende der linksliberalen, israelischen „Meretz"-Partei, Schulamit Aloni, sagte über Dershowitz: «Seine Äußerung grenzt an Hass. Goldstone ist ein zionistischer Jude, der einfach seinen Job macht». Laut Aloni ist Dershowitz ein «verabscheuungswürdiger Mann», der die jüdischen Siedler in den besetzten Gebieten unterstütze. Die Ex-Politikerin bezeichnet den Goldstone-Bericht als «vollkommen akkurat». «Wir können nicht den Fakt ignorieren, dass wir internationales Recht verletzt haben - die Armee benutzte Phosphorbomben und bombardierte Schulen und Krankenhäuser», so Aloni. Auch für Verteidigungsminister Ehud Barak fand sie eine Einschätzung: «Barak ist der gefährlichste Mann im Staat Israel.»

JZ

«Jüdische Zeitung», Februar 2010