S. Yarom und R. Skoblo         Foto: N. Körner

Ist «Viagra» eigentlich koscher?

Der Verband jüdischer Ärzte und Psychologen will mehr sein als eine Berufsvereinigung

«Der jüdische Mediziner hat zunächst einmal eine jüdische Identität.» So erklärt Roman Skoblo die Existenz eines Verbandes speziell für jüdische Ärzte und Psychologen, ohne dabei die nüchterne Entstehungsgeschichte der Organisation zu unterschlagen. Beinahe zwangsweise habe er als Labormediziner und klinischer Chemiker, in Personalunion auch noch Besitzer einer mondänen Hotelkette, diesen 1988 aus der Taufe gehoben. «Nicht weil ich ein Verbandsheini bin - nein. Da wir für den ersten Kongress zu „Medizin und Halacha", zu dem über 300 Gäste aus 22 Ländern kamen, Zuschüsse des Senates beantragten, mussten wir plötzlich einen Landesverband jüdischer Ärzte gründen.»

Zur Notwendigkeit kam das Bedürfnis, Weltanschauung, Religion, Herkunft und vor allem Beruf in einer Organisation zu verbinden. Das Datum des damaligen Kongresses, der 9. November 1988, war bewusst gewählt. Fünfzig Jahre nach der Reichspogromnacht sollte der Kongress die jüdische Sicht auf das menschliche Leben und die Bedeutung der Halacha für die Medizin zeigen. Die Halacha, die schriftliche Auslegung der Tora, spielt für viele jüdische Ärzte beim alltäglichen Ausüben ihres Berufes eine große Rolle - das Thema hatte sich mit einer einmaligen Veranstaltung kaum erschöpft.

Referieren Ehrensache
Wer weiß, ob «Viagra» koscher ist oder wie sich Neurodermitis durch Ernährung nach dem Kaschruth bekämpfen lässt - in Berlin bietet der Verband einmal im Monat Vorträge an, bei denen entweder der Referent oder das Thema jüdisch ist. Es geht um Patientenverfügung, um Medikamentenentwicklung, Aidstherapien oder «Die Arbeit der jüdischen Ärzte und was daraus wurde». Das Fachpublikum lernt, dass viele Urologen mit Instrumenten arbeiten, die vor einem Jahrhundert von jüdischen Ärzten entwickelt wurden. Historisch heiße Eisen werden angegangen, so «Die Rolle der deutschen Ärzte während des Naziregimes» oder «Die Exmatrikulation jüdischer Medizinstudenten 1933».

Für Referenten sind die Vorträge meist eine Ehrensache. Nicht selten werden sie vom Dach- zu Landesverbänden weitergereicht, oder umgekehrt. So manch beschäftigter Professor zückt bei Anfrage den Terminplan für die nächsten drei Jahre, um darin ein Zeitfenster für einen Vortrag beim Verband zu finden. Es kommen Professoren vom Technion in Haifa, Krebsspezialisten aus den USA oder führende Chefpsychologen der israelischen Polizei.

«Zunächst ist der Verband aber eine durchaus soziale Institution», sagt jedoch Verbandsvorsitzender Skoblo: «Man trifft sich mit Menschen, die zu treffen das Arbeits- und Familienleben kaum Zeit lässt. Zur geistigen Nahrung bieten wir stets auch ganz profan Kulinarisches. Diese Kombination scheint zu funktionieren.»

Von positiven und negativen Vorurteilen
Ein jüdischer Arzt will Mitglied werden, hat Probleme am Arbeitsplatz, sucht eine neue Praxis oder den Austausch mit jüdischen Kollegen. Immigranten brauchen Hilfe bei der Anerkennung ihrer Qualifikationen, ihrer Approbation. Patienten suchen speziell die Behandlung durch einen jüdischen Arzt. All diese Anfragen treffen beim Verband zusammen. Ansprechpartnerin ist Sahawa Yarom. Die studierte Psychologin und Psychotherapeutin erledigt seit 1992 die Beratung für den Verband. «Das Image des jüdischen Arztes litt unter positiven Vorurteilen wie unter negativen!», sagt Yarom und behandelt daher manche Anfrage mit Diplomatie. «Ich berate Menschen!», betont sie jedoch und meint damit jeden, Ärzte und Privatleute gleich welcher Fach- und Glaubensrichtung. Sahawa Yarom kümmert sie sich auch um die Programmgestaltung und Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes.

Yarom erhält Briefe mit Bitten um Medikamente oder Rechercheanfragen zu verstorbenen jüdischen Medizinern. Sie ist Promoterin des Fachaustausches zwischen Deutschland und Israel. Neben Vorträgen, Kongressen, Stadtrundfahrten organisiert sie Fachreisen und Fortbildungen. Für größere Veranstaltungen, die meist ins Jüdische Krankenhaus verlegt werden, versucht sie Sponsoren, meist aus der Pharmaindustrie, zu gewinnen.

Ihre Tätigkeit sieht sie als Dankeschön an die Stadt Berlin und merkt zuweilen erstaunliche Details an: «Grün verursacht Allergie! Das ist bewiesen. Grün im Make-up ist unbedingt zu vermeiden!»

Status verloren, Interesse vorhanden
Gerade Zuwanderern bietet der Verband, der keine Mitgliedsbeiträge erhebt, ein Forum. Zahlreiche aus der ehemaligen Sowjetunion immigrierte jüdische Mediziner können in Deutschland nicht praktizieren. «Die Anerkennung in einem Ärzteverband ist manchem das einzige, was bleibt!», so Skoblo. «Viele Emigranten haben Heimat, Freunde und mit dem Beruf verbundene Anerkennung verloren. Nicht wenige haben hohe Ämter bekleidet und wurden von allem depriviert. Der Verband nimmt sie auf, als das, was sie waren! Wir sorgten dafür, dass, wer unserem Verband beitrat, automatisch Mitglied der Ärztekammer wurde. Das war eine große Geste, um den verlorenen Status aus der ehemaligen Sowjetunion ein Stück weit herzustellen.»

Die Zuwanderer stellen nach Skoblos Angaben heute zwischen 60 und 70 Prozent der Mitglieder. Die Jüngeren, russische Juden der zweiten Generation, häufig in Deutschland geboren oder zumindest aufgewachsen, haben keine Probleme, den Fachvorträgen zu folgen. In seiner Anfangszeit vermittelte der Verband zugewanderten Mitgliedern Sprachkurse des Goethe-Institutes sowie deren Finanzierung. Diese haben inzwischen gelernt, Vorträge zu verstehen, selbst wenn die Sprachkenntnisse nicht perfekt sind. Einige sind einfach da und hören trotz rudimentären Verständnisses höflich zu.

Forschen im Reichsärzteregister
Skoblo, der noch vor 1989 in Bonn in der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer tätig war, sieht einen Unterschied im Bonner und Berliner Umgang mit der Geschichte, bemerkt eine «Hinwendung zur Aufklärung». Gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung organisierte der Verband Veranstaltungen zum Thema «Wert des menschlichen Lebens» - eine ethische Diskussion, interkonfessionell geführt mit Vertretern islamischen und christlichen Glaubens. Auch zur Gedenkveranstaltung für die während des Nazi-Regimes deportierten und ermordete Mediziner erscheinen Repräsentanten aller religiösen Gruppierungen, aller Krankenkassen, aller Fachrichtungen.

Skoblo will insbesondere die Schicksale der Berliner jüdischen Ärzte und Nazi-Opfer aufgearbeitet sehen. Sein Projekt fand Zustimmung bei Dr. Manfred Richter-Reichhelm, dem ersten Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Seit fünf Jahren wird das dunkle Kapitel der Ärzteschaft in Deutschland durchforscht: Welche Rolle spielten die deutschen Berufskollegen? Wie viele beteiligten sich aktiv an Denunzierung und Vertreibung? Wer profitierte durch Arisierung?

«Gedenken ist eine religiöse Verpflichtung.» Skoblo treibt daher einen weiteren Teil des Projektes voran. 200.000 Euro kamen bisher zusammen, um ein Verzeichnis relegierter jüdischer Ärzte in Berlin zu erstellen. Eine biographische Note soll den Werdegang oder Schicksal jedes Einzelnen beleuchten. «Von 3.500 kassenärztlich organisierten Ärzten in Berlin waren 1933 2.000 jüdisch. Ihre Deportation verursachte ein so plötzliches und riesiges Defizit in der Gesundheitsversorgung, das überhaupt nicht unbemerkt bleiben konnte! Dennoch wurde es stillschweigend von der Bevölkerung getragen. Das ist ein Phänomen. Das Buch soll einen Verlust unbekannten Ausmaßes dokumentieren. Dazu wird gerade der Datenbestand des Reichsärzteregisters, das etwa hunderttausend Einträge zählt, durchsucht.» Im Gedenkbuch soll nachzulesen sein, welcher Berliner Arzt seine Laufbahn im amerikanischen Exil oder in Palästina fortsetzen konnte, wer in einem Konzentrationslager umkam, wer sich in akademischen Kreisen einen Ruf machte.

Bald auf Bundesebene
Obschon sich jüdische Ärzte bereits vor dem Holocaust zu Fachzirkeln zusammenschlossen - einen unmittelbaren Vorläufer hat der heutige Verband nicht. Seiner Keimzelle in Berlin folgten die Gründungen weiterer sechs Landesverbände. Berlin als größte jüdische Gemeinde Deutschlands stellt die meisten Mediziner. Psychologen sind im Verbandnamen explizit aufgenommen, denn in der jüdischen Gemeinschaft finden sich viele traumatisierte Menschen, nicht nur der Holocaustgeneration. Posttraumatische Stresssyndrome sind auch unter den Vertretern der Nachkriegsgeneration zu bemerken. Das Ziel des Verbandes ist heute, als Bundesverband anerkannt zu werden. In einer Satzung, der alle sieben Landesverbände zustimmen müssen, werden Ziele und weitere Vorhaben des Verbandes bald nachzulesen sein.

Nina Körner

Information:

Der Verband jüdischer Ärzte Nordrhein-Westfalen organisiert am 3. September eine Bootsfahrt auf dem Rhein. Das Schiff legt um 10:30 Uhr in Köln ab.

Vom 20. bis 22. Oktober informiert das Wochenendseminar «Mittelalterliche jüdische und christliche Literatur» zur Auslegung religiöser Texte für die Medizin. Veranstalter ist der Verband jüdischer Mediziner in Baden-Württemberg. Mehr Informationen zu Verband und Veranstaltungen erteilt Frau Sahawa Yarom unter 030 821 66 18 oder mobil unter 0172 30 61 889

 

«Jüdische Zeitung», September 2006