Dan Halutz und Amir Peretz             Foto: dpa

Ein Volk will Rechenschaft

Viele Israelis beklagen politisches und militärisches Versagen in der Libanon-Krise

Dass der gerade verstrichene Libanon-Krieg mit seinen zahlreichen zivilen Opfern, Sachschäden und Zermürbungseffekten auf allen Seiten keine Sieger, sondern nur Verlierer kennt, diese Einschätzung teilen schon jetzt viele Beobachter und Beteiligte. Adäquat äußern sich viele Israelis in den neuesten Umfragen, so auch bei einer Erhebung der renommierten Tageszeitung «Ma'ariv». 66 Prozent der Befragten stimmten dort der Aussage zu, dass «keiner» diesen merkwürdigen Krieg gewonnen habe. Allerdings waren 53 Prozent der Befragten der Meinung, Israel hätte den Krieg fortsetzen sollen, statt sich auf eine Waffenruhe mit der schiitischen Hisbollah einzulassen. Ganze 70 Prozent äußerten sich mit der Entscheidung der Regierung unzufrieden, einer Waffenruhe zuzustimmen, ohne dass die beiden von der Hisbollah verschleppten israelischen Soldaten freigelassen worden seien.

Olmert und Peretz sinken ab
Die Unzufriedenheit mit der eigenen Führung schimmert aber nicht nur in diversen Umfragen durch, sondern hat sich mittlerweile fast zu einem öffentlichen Diskurs ausgewachsen. Dabei richtet sich die Kritik der israelischen Bevölkerung vorrangig gegen die amtierende Regierung. Mit der Arbeit von Ministerpräsident Ehud Olmert waren im August nur noch 40 Prozent seiner Landsleute zufrieden - im Juli waren es noch doppelt so viele. Die Zufriedenheit mit Verteidigungsminister und Vizepremier Amir Peretz sank sogar auf 28 Prozent. Mehr als 50 Prozent der Israelis befürworten den Rücktritt von Amir Peretz, und immerhin auch mehr als 40 Prozent den Rücktritt von Ehud Olmert.

Auch aus den kämpfenden Einheiten und insbesondere von den einberufenen Reservisten hagelt es im Nachhinein Kritik. «Wir marschierten eine ganze Nacht, um die Toten aus dem Libanon rauszuholen, ohne Wasser und ohne Nahrungsmittel», erzählte Soldat Roni Faigenboim. «Uns wurde gesagt, dass es für die Piloten zu gefährlich sei, Wasser abzuwerfen. Aber haben wir uns etwa nicht gefährdet?» Den zum Kriegsdienst eingezogenen Reservisten wurde schwarz vor Augen, als sie sich für den Einsatz im Libanon einkleideten. «Es fehlte an allem: Schusssichere Jacken, Nachtsichtgeräte, Wasserflaschen und sogar Waffen», erzählt ein Reservist. «Ich habe mir noch privat in der Apotheke ein wenig Verbandsstoff besorgt», meinte ein Sanitäter aus der gleichen Brigade.

Protest der Reservisten
Zum Protestmarsch nach Jerusalem, vor das Büro des Ministerpräsidenten, hatte sich Reserveoffizier David Hartschlag mit einer israelischen Flagge zunächst allein aufgemacht. Dann gesellten sich die frisch aus dem Kriegsdienst entlassenen Kämpfer der Alexandroni-Brigade, dann der Brigade «Speerspitze» und schließlich auch die Eltern gefallener Soldaten hinzu.

Das Durcheinander, die schlechte Vorbereitung in den Lagerhallen für den Notfall und schließlich ein komplettes Chaos während des Kampfeinsatzes ließen die Protestteilnehmer vor der Knesset schon wenige Tage nach dem vereinbarten Waffenstillstand auf mehrere Tausend Menschen anschwellen. «Niemand wusste wirklich, wo und wie wir kämpfen sollten. Alle paar Minuten änderten sich die Befehle», beklagte sich dort ein frustrierter Reservist.

Die Ziele der Protestkundgebungen sind unterschiedlich. Einige Protestler wollen nur dafür sorgen, dass die Armee sich künftig besser vorbereitet, aus ihren Fehlern lernt und nicht wieder die Reservisten wegen mangelnder Ausrüstung in den Tod laufen lässt. «Wir hatten nur ein einziges Funkgerät für dreißig Mann. Wenn wir uns aus taktischen Gründen aufgeteilt hätten, wäre jeder Kontakt mit der Hälfte des Trupps abgebrochen» meint einer der gemäßigten Kritiker. «Wir haben eine starke, mutige und ausgeklügelte Armee. Aber irgendwer hat diesmal nicht gewusst, die Kraft dieser Armee richtig einzusetzen», kritisiert ein anderer Reservist und plädiert dafür, «Köpfe rollen zu lassen». Ein High-Tech-Ingenieur aus dem Zivilbereich, Joram, der bei der Infanterie eingesetzt wurde, forderte dagegen eine staatliche Untersuchungskommission, «damit die Verantwortlichen den Preis zahlen, wie das bei jedem Konzern ist, wo die Manager gescheitert sind».

Die Kritik vieler Unzufriedener richtet sich gegen Politik und militärische Spitze zugleich. Ein wesentlicher Grund für die schlechte Vorbereitung der Armee habe, so Kritiker, an ständigen Kürzungen des Militärhaushalts gelegen. Doch auch vordringlichste Übungen für den Ernstfall seien zu kurz gekommen, so der Militärexperte Zeev Schiff: «Die Soldaten haben Palästinenser an Straßensperren überprüft und Polizeiaktionen im Westjordanland durchgeführt, anstatt für einen richtigen Krieg zu trainieren.»

Nicht nur vor der Knesset, sondern auch im Parlament selbst ist mittlerweile Unmut laut geworden. Nachdem Olmert und Peretz in den Umfragen dramatisch abgestürzt sind, bilden sich in der Kadima- und der Arbeitspartei offenbar schon erste Koalitionen, um die gescheiterten Spitzenpolitiker umgehend zu ersetzen.

«Iran ist ermutigt»
Teile der israelischen Medien haben ebenfalls jegliche Zurückhaltung aufgegeben. So schrieb Caroline Glick in der «Jerusalem Post»: «Die Regierung Olmert muss gehen. Die Knesset muss dieser Regierung ihr Misstrauen aussprechen, und es muss Neuwahlen so bald geben, wie es gesetzlich zulässig ist.» Glick nahm eine gnadenlose Abrechnung mit der politischen Spitze vor: «Jeder Aspekt des Umgangs der Regierung mit dem Krieg war falsch. Sie entwickelte keinen umfassenden Plan zur Organisierung von Hilfsmaßnahmen, um Bürger in ihren Bombenschutzräumen zu versorgen oder sie zu evakuieren. Und dann gibt es noch die militärischen Misserfolge. Es lag in der Verantwortung der Regierung, die Luftkriegsstrategie der IDF zu kritisieren, zu hinterfragen und ihre Verluste einzuschränken, als nach zwei oder drei Tagen deutlich wurde, dass diese Strategie falsch war. Zu diesem Zeitpunkt hätte die Regierung die Reservisten einberufen und eine Kombination aus Boden- und Luftoffensive starten sollen. Aber der Regierung war nicht danach. Sie wollte den Krieg billig gewinnen. Und als die Luftangriffe keinen Erfolg hatten, gab sie ihre Kriegsziele auf, verkündete den Sieg und klagte einen Waffenstillstand ein.» Für die Zukunft malt die Jerusalemer Journalistin auch außenpolitisch ein düsteres Szenario: «Der UN-Waffenstillstand, dem Olmert, Livni und Peretz applaudieren, unterhöhlt Israels Souveränität, schützt die Hisbollah, entlässt Iran und Syrien aus der Verantwortung, stärkt den Glauben unserer Feinde, Israel könne vernichtet werden. Iran ist ermutigt worden. Sein Erfolg im Krieg wird nun von den Ayatollahs dafür verwendet, den Anspruch auf die Führerschaft über die arabische Welt zu bekräftigen.»

Die Aktien von Halutz
Nicht nur führende Regierungsvertreter sind in Bedrängnis, auch Generalstabschef Dan Halutz steht im Kreuzfeuer der Kritik. Dies hat offenbar weniger mit den gezeigten militärischen Leistungen zu tun, sondern mit der Tatsache, dass der Generalmajor bei Beginn der Kampfhandlungen gegen die Hisbollah erst einmal mit eigenen Aktienverkäufen beschäftigt war. Genau drei Stunden nach Ausbruch des Krieges am 12. Juli, als im Norden Israels die ersten Katjuscharaketen explodierten, die Entführung von zwei Soldaten bekannt wurde und ein nachsetzendes Panzerkommando der IDF in schwere, tödliche Kämpfe verwickelt wurde - just in dem Augenblick betätigte sich der Oberbefehlshaber nach eigenen Worten als «verantwortungsvoller Familienvater» und «normaler Bürger Israels»: Er rief seinen Broker bei der Bank Leumi an und gab die Weisung, alle seine Wertpapiere an der Börse zu verkaufen. Ganze 120.000 Schekel, rund 20.000 Euro, hatte der höchste Militär Israels angespart und angelegt.

«Ma'ariv» hatte Halutz' Geldgeschichte veröffentlicht und einen Israel-weiten Eklat ausgelöst. Jener Reporter, der die Geschichte mehrere Tage lang recherchierte, erhielt nicht nur eine volle Bestätigung vom Generalstabschef. Vielmehr beklagte Halutz auch noch, durch den Verkauf der Aktien 25.000 Schekel (5.000 Euro) Verlust gemacht zu haben. Vor der Presse versuchte er sich später recht ungeschickt zu rechtfertigen: «Das war eine fiese, ekelhafte Veröffentlichung. Irgendjemand wollte eine Schmutzkampagne gegen mich eröffnen.» Ein scharfzüngiger Medienvertreter konterte: «Wie ein Autist merkt der gar nicht, dass er da einen öffentlichen Skandal ausgelöst hat und dem Volk, den Soldaten und der Heimatfront so nicht als Vorbild dienen kann.»

Genau auf diesen Vorwurf reagierte Simcha aus Naharija. Ihre halbe Wohnung wurde durch eine Katjuscharakete zerstört. «Jetzt muss ich mich mit den Herren von der Steuer herumplagen, damit die mir die Reparatur von jedem einzelnen geborstenen Fensterrahmen genehmigen, während der Generalstabschef mitten im Krieg seine Aktien in Ordnung bringt.» Von allen Seiten ist nun der Druck gewachsen, Dan Halutz, den hoch dekorierten ehemaligen Luftwaffenchef und heutigen Generalstabschef fristlos zu entlassen - oder «wenigstens» zum Rücktritt zu bewegen.

Ulrich W. Sahm

«Jüdische Zeitung», September 2006