Die Scheinriesen

Die "Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost", versteht sich als Vertreter der humanistischen Tradtion des Judentums und eckt mit ihren Positionen bei der jüdischen Mehrheit in Deutschland an

 

Ein Sonnabend Mitte Dezember im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Soeben ging die Festveranstaltung zur Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille, einer Auszeichnung der Internationalen Liga für Menschenrechte, zu Ende. Menschenrechtler, Friedensaktivisten, Alt-68er und junge Linke treffen sich noch zum Essen und Gespräch in der Cafeteria. An einem der Tische sitzt der neue Vorstand des Vereins mit dem sperrigen Namen «Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost». Es ist eine der wenigen Gelegenheiten für die aus ganz Deutschland angereisten Mitglieder, persönlich über die kleinen und großen Fragen ihrer Organisation zu beraten: Wer darf Vereinsmitglied sein? Welche Positionspapiere werden verabschiedet? Soll der Boykott israelischer Waren, wie von diversen jüdischen Organisationen verschiedener europäischer Länder gefordert, befürwortet werden? Die meisten der diskutierten Fragen bergen enorme politische Sprengkraft. Denn hier werden Positionen verfochten, die bei jüdischen und nichtjüdischen Kritikern heftige Reaktionen auslösen, bis hin zum Antisemitismusvorwurf. Die «Jüdische Zeitung» traf die Gruppe der jüdischen Querdenker und befragte sie zu ihrer Organisation.

 

Ihr Verein hat gerade mal drei Dutzend Mitglieder. Wo sehen Sie die Gründe für den geringen Zulauf, sechs Jahre nach Gründung der Gruppe?

 

Riese: Der Zulauf hat erst vor Kurzem angefangen. Zum Zeitpunkt des Statuswechsels hin zum Verein, also vor zwei Jahren, waren wir ganze sieben. In dem Maße, wie die Arbeit professionellere Strukturen entwickelt, ist auch die Bereitschaft, in den Verein einzutreten, größer. Bisher war das sehr auf Berlin konzentriert. Und jetzt, nach und nach, ist es eine bundesweite Geschichte.

 

Wer kann in Ihrem Verein Mitglied werden?

 

Verleger: Gerade, bevor Sie kamen, hatten wir darüber diskutiert. Im Prinzip Juden, aber wir wollten uns nicht an die orthodoxe Definition halten, sondern: Als Jude kann bei uns Mitglied werden, wer sich jüdisch fühlt und von uns dann auch als solcher akzeptiert wird.

 

Irrelevante Splittergruppe? Der Vorstand der "Jüdischen Stimme für gerechten Frieden im Nahen Osten" (von links nach rechts); rolf Verleger (Vorsitzender), Iris Borchardt-Hefets, Kate P. Katzenstein-Leiterer, Edith Lutz (nicht im Vorstand), Michal Kaiser-Livne, Michael Riese, Barbara Wolterstädt. Foto: Arkadij Shafirov

Ihnen wird vorgeworfen, auch Christen aufzunehmen. Was für eine «Jüdische Stimme» ist denn das, wenn die Aufnahmekriterien so schwammig sind?

 

Riese: Das ist nicht beliebig. Es ist die Frage, ob man es auf ähnliche Konflikte und Genauigkeiten ankommen lassen muss wie in den jüdischen Gemeinden. Das wollen wir vermeiden, weil das den politischen Zielen nicht angemessen ist.

 

Verleger: Wir haben Mitglieder, die nur einen jüdischen Vater haben.

 

Borchardt-Hefets: Was heißt «jüdisch»? Also, ich bin in Israel aufgewachsen und bin zionistisch erzogen worden. Rolf ging jahrelang jede Woche in die Synagoge, also viel häufiger als ich es in meinem Leben war. Keiner fragt aber, ob ich Jüdin bin oder nicht. Es reicht, dass ich Israelin bin. Es ist schon die Frage: Was ist ein Jude, was macht einen Juden aus?

 

Woher kommen die Mitglieder der «Jüdischen Stimme»?

 

Borchardt-Hefets: Ich denke, wenn man sich die Herkunft unserer Mitglieder ansieht, dann sind da «Ossis» überrepräsentiert und auch Israelis und Juden, die im Ausland - sprich, in den USA oder England - sozialisiert oder aufgewachsen sind.

 

Verleger: Aber es ist doch schlicht so, dass das deutsche Judentum tot ist. Was soll man also erwarten? Die «Jews for Justice for Palestine» in Großbritannien haben 1.200 Erstunterzeichner. Das sind Zahlen, die gibt es hier eben nicht, weil...

 

Katzenstein-Leiterer: ...weil es eben diese Menge Juden auch nicht gibt.

 

Kaiser-Livne: Aber auch, weil wir besonders verfolgt wurden. Auch die, die es hier gibt. Sie wagen es nicht, so etwas zu machen.

 

Gibt es einen Vordenker oder eine Vorbewegung der «Jüdischen Stimme», ein Vermächtnis des deutschen Judentums vor der Schoa?

 

Verleger: Das Schönste während meinen letzten drei aktiven Jahren im Verein war, dass ich ein paar so alte Herrschaften kennengelernt habe wie Hajo Meyer, der in den Niederlanden lebt, oder Hedy Epstein aus den USA, eine alte deutsche Jüdin. Aber die leben eben alle nicht mehr hier. Ebenso der einzig Vernünftige in meiner Verwandtschaft: Cousin Henry, ehemals Heinz, jetzt in Brüssel lebend, der ist auch über 70. Ebenso natürlich Uri Avnery in Israel. Aber wo sind die in Deutschland? Solche Leute sind nicht mehr hier.

 

Riese: Die Traditionslinie mit Brüchen, die hier entstanden ist, kann man eigentlich auf den ersten Libanonkrieg 1982 datieren. Das war in der jüdischen Kultur des gesamten Westens inklusive Israels eine Umbruchsituation, erstmals nach 1967. Und das hat auch in Deutschland und im deutschsprachigen Raum erstmals dazu geführt, dass sich jüdische Gruppen organisiert haben, die eine andere Auffassung hatten. Die haben gewisse Grundsteine - Frankfurt, Berlin, Wien, Zürich - und die haben auch miteinander Kontakt gehabt. Das ist, glaube ich, auch eine der Wurzeln. Auch immer eine Minderheitsbewegung, aber das war doch eine Trendwende im westlichen Europa.

 

Sie sprachen von dem starken ostdeutschen Vermächtnis und der Ostberliner Kerngruppe bei der «Jüdischen Stimme». Da wird der Vorwurf laut, dass Sie durch die DDR-Propaganda geformt wurden und daher einen starken antiisraelischen und antizionistischen Impetus haben.

 

Katzenstein-Leiterer: Ja, damit müssen wir als Ostdeutsche rechnen. Ich bin auch ein Kind von deutsch-jüdisch-kommunistischen Immigranten und bin in New York geboren. Vielleicht können wir es so sagen: Wir, die wir Ostberliner Juden sind, haben hier etwas gesucht, wo wir unsere Auffassung von Humanität, kommunistischer Auffassung von Humanität, und von Menschenrechten verwirklichen können - im Hinblick auf unser Jüdischsein. Und wir möchten gegen die jetzige Politik Israels auftreten.

 

Wolterstädt: Ich bezeichne mich aber nicht als Kommunistin. Ich bezeichne mich als Marxistin. Das möchte ich mal ganz klar sagen. Ich kann hier in der Gruppe wirklich was tun für den Frieden im Nahen Osten und darüber bin ich froh.

 

Hat die Gruppe eine einheitliche Ideologie?

 

Verleger: Nein, oder? Wir hatten gerade eine heftige Diskussion, die noch nicht ausdiskutiert ist und es wahrscheinlich auch nicht wird: Wie wir jetzt mit Bestrebungen umgehen, Israel generell zu boykottieren. Wir sind im Diskussionsprozess. Im Vorstand gibt es verschiedene Standpunkte dazu. Wir wollen jetzt die Mitgliedschaft befragen, einfach um danach eine Vorstellung davon zu haben, was die Mehrheit im Verband will. Und danach würde man sich dann erstmal an die EJJP richten und denen sagen, wie bei uns die Mehrheit aussieht. Aber eine vereinheitlichte ideologische Grundlage ist weit und breit nicht in Sicht. Die ist eher allgemeiner. Jeder von uns hier hat gesagt, dass es um die humanistische Tradition im Judentum geht. Das verbindet uns alle, denke ich.

 

Borchardt-Hefets: Es gibt schon einen EJJP-Boykott auf israelische Waren, die in den besetzten Gebieten produziert werden. Das steht bis jetzt auf jeden Fall unter einem Konsens.

 

Stoßen Sie mit Ihrer Meinung auf viel innerjüdische Kritik?

 

Verleger: Wir sind sehr klein und dementsprechend klein ist die Gegenkritik. Ich habe allein im Jahr 2009 fünfzehn Vorträge gehalten - da setzt sich ja nie einer mit aufs Podium um mit mir darüber zu diskutieren. Also, man versucht schon zu sagen, das ist nur eine Randgruppe. Was ja für das deutsche Judentum auch stimmt. Aber nicht für die deutsche Bevölkerung als solche, die sehr wohl sieht, dass da etwas im Argen liegt.

 

Kaiser-Livne: Und es stimmt auch nicht für das Judentum im Ausland. Die Mitgliederzahl in verschiedenen jüdischen Organisationen in den USA, in Großbritannien und anderswo wächst ständig.

 

Riese: Unser gesellschaftspolitischer Stellenwert ist jetzt schon größer als die Anzahl unserer Mitglieder. Es gibt Nachfrage zu Nahost-Debatten, zu politischen Veranstaltungen, von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und selbst von der FDP nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Da haben wir schon ein größeres Echo als anhand der Größe unseres Vereins erwartbar wäre.

 

Mitglieder der "Jüdischen Stimme" bei einer Demonstration vor dem Bundeskanzleramt.

Foto: privat

Gibt es auch ein Medienecho?

 

Riese: Ja. Wir hatten im Januar 2009 auch eine große Anzeige in der «Süddeutschen Zeitung» zur Nahost-Situation...

 

Borchardt-Hefets: ...zum Gaza-Krieg...

 

Riese: ... zum Gaza-Krieg. Das hat natürlich eine enorme Außenwirkung gehabt. Es gab viele Reaktionen, einschließlich der Finanzierung durch Spenden.

 

Borchardt-Hefets: Es gibt auch viele Anfragen. Aber wenn wir unseren Mund aufmachen, dann wird es nicht gesendet oder veröffentlicht. Das ist schon ein paar Mal passiert. Das sind Medien, bei denen deutsche Nichtjuden die Entscheidungen treffen, und wenn wir das Bild vom «guten Opfer» oder die Grenze, die sie sich gesetzt haben, überschritten haben, dann heißt es: So etwas darf man nicht über Israel sagen, egal, wer das sagt. Und dann wird es nicht gesendet.

 

Kaiser-Livne: Wir haben die Anzeige in der «Süddeutschen Zeitung» selbst initiiert. Wir haben dann auch viele Spenden und Briefe bekommen. Es ist so, dass die Zivilgesellschaft in Deutschland diese Stimme sucht. Wir werden nicht von der Presse unterstützt. Aber wir bekommen sehr viele Briefe von Leuten, die unsere Meinung stark unterstützen und sich richtig freuen, dass es so eine andere jüdische Stimme gibt, die sich nicht so mit Israel und der israelischen Politik identifiziert.

 

Haben Sie berühmte Mäzene oder Sponsoren?

 

Katzenstein-Leiterer: Nein.

 

Kaiser-Livne: Viele kleine Spenden. Das heißt, hinter uns stehen viele Bürger.

 

Hefets: 25-Euro-Spenden. Wie bei Obama. (alle lachen)

 

Sie nehmen regelmäßig an Demonstrationen teil, wie zum Beispiel zur Zeit des Gaza-Kriegs...

 

Katzenstein-Leiterer: Ja. Zur Großdemonstration am 17. Januar 2009 in Berlin waren wir auch mit unseren Plakaten gegangen. Die Gründerin unserer Gruppe, Fanny-Michaela Reisin, hat einen Vortrag auf der Tribüne gehalten, der unwahrscheinlich stark angenommen wurde.

 

Borchardt-Hefets: Diese Demonstration, die zuvor von Berlins Innensenator Erhart Körting als Hamas-Demonstration bezeichnet wurde, war sehr gewalttätig. Die Polizisten haben die palästinensischen Jugendlichen provoziert. Da haben wir deutlich gezeigt, dass wir als «Jüdische Stimme» da sind, um dem auch etwas entgegenzusetzen und das auch zu sagen. Wir haben es auch benutzt - als Quelle, um Einfluss zu gewinnen.

 

Wie eng arbeiten Sie mit palästinensischen oder arabischen Organisationen zusammen?

 

Kaiser-Livne: Wir arbeiten mit der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft zusammen, mit Nahost-Friedensgruppen, auch mit der Kirche.

 

Verleger: Zum Gaza-Krieg hatte ich den Kommentar «Gaza - Der böse, böse Nachbar» geschrieben und das wurde von den Muslimen wahrgenommen. Seitdem habe ich mehrere Einladungen von palästinensischen Gesellschaften oder von der Muslimischen Jugend Deutschlands bekommen, um dort Vorträge zu halten. Ich denke, was ich da mache, ist einfach wichtig für das Judentum. Diese jungen Leute haben noch nie bewusst einen Juden gesehen und wenn ich dahin gehe und darüber rede, was die jüdische Religion eigentlich für eine Tradition hat und wie ich das im Widerspruch dazu sehe, was in Israel passiert, dann denke ich, ist das das Beste, was ich für das jüdisch-islamische Verhältnis machen kann, was unter diesen Umständen in Deutschland überhaupt möglich ist.

 

Eine große Mehrheit des israelischen, des deutschen und des US-amerikanischen Judentums denkt völlig anders. Die sagen, Ihre Nähe zu palästinensischen Stimmen macht sie zum Feind des jüdischen Volkes.

 

Verleger: Beim US-amerikanischen Judentum wäre ich mir nicht so sicher. Aber man muss seinen Weg gehen und die Leute reden lassen. Das Judentum ist meine Heimat. Ich weiß doch, was das ist. Da brauche ich mir von anderen nichts dazu anhören.

 

Borchardt-Hefets: Für mich ist das besonders wichtig. Ich habe an der Gegendemonstration zur «Pax Europa» teilgenommen, einer islamfeindlichen Bewegung, die von Israel bzw. Israels Politikern gewollt ist. Aber ich möchte diese Spaltung zwischen mir als Israelin, als Jüdin und zum Teil als Araberin nicht zulassen. Mein Vater ist als Jude in Palästina geboren und spricht Arabisch, meine Mutter ist in Marokko geboren. Wir sind auch ein großer Teil, also eigentlich die Mehrheit in Palästina. Und die Zionisten, die aus Europa gekommen sind, wollen jetzt diese Spaltung zwischen Juden und Muslimen vertiefen. Das finde ich natürlich falsch. Beide Seiten gehören zu mir. Das ist auch die Tradition der Länder, in denen meine Eltern aufgewachsen sind. Ich betrachte es als selbstverständlich, dass ich mit Muslimen verbunden bin, genauso wie ich mit Christen verbunden sein kann. Umso mehr eigentlich. Mit dem Islam hat das Judentum an sich theologisch kein Problem.

 

Katzenstein-Leiterer: Ich war von der jungen linken «Neuen Solidarität» ins Berliner Haus der Demokratie eingeladen. Das kamen auch acht palästinensische Jugendliche aus Universitäten in Palästina. Ich habe mit denen diskutiert, das war ungeheuer fruchtbar. Ihre Intentionen stimmten mit unseren vollständig überein. Sie wollen sich als gebildete Palästinenser mit gebildeten israelischen Jugendlichen gemeinsam für einen Frieden in einem Land einsetzen. Dann habe ich ihnen von uns erzählt und sie waren sehr glücklich, dass es solche Juden hier in Europa und in Deutschland gibt, die auch auf ihrem Standpunkt stehen.

 

Zum Verein:

Psychologen, Psychotherapeuten, Biologen, Professoren, Lehrer, Journalisten, Angestellte - die Ausbildungsberufe und Tätigkeiten der Mitglieder verraten viel über das intellektuelle Umfeld dieser kleinen jüdischen Politvereinigung. Sie sind die schrillsten deutsch-jüdischen Dissidenten des 21. Jahrhunderts, denn sie positionieren sich in Fragen des Nahostkonflikts und des Selbstverständnisses des Staates Israel gegen die Mehrheitsmeinung des jüdischen Deutschlands: für ein Ende der israelischen Besatzung des palästinensischen Westjordanlandes, für eine Ende der Blockade des Gazastreifens und für einen «Staat aller seiner Bürger». Laut eigener Aussage hat sich die «Jüdische Stimme» zur Aufgabe gesetzt, «über die Notwendigkeit und Möglichkeit eines gerechten Friedens zwischen Palästina und Israel zu informieren» und darauf hinzuwirken, dass «die Bundesregierung ihr außenpolitisches und ökonomisches Gewicht in der EU, in der UNO und im Nahen Osten nachdrücklich und unmissverständlich im Interesse der Herstellung eines lebensfähigen, souveränen Staates Palästina auf integriertem Hoheitsgebiet und innerhalb sicherer Grenzen nutzt und aktiv zur Verwirklichung eines dauerhaften und für beide Nationen lebensfähigen Friedens beiträgt». So protestierte die «Jüdische Stimme» anlässlich der deutsch-israelischen Regierungskonsultationen am 18. Januar in Berlin und fordert Konsequenzen aus dem Untersuchungsbericht der UNO («Goldstone-Report»), der Israel und der Hamas Kriegsverbrechen während des Gaza-Kriegs 2008/9 vorwirft. Ins Leben gerufen wurde die «Jüdische Stimme» am 9. November 2003 in Berlin als Reaktion auf die «Genfer Initiative», einem Friedensplan gemäßigter israelischer und palästinensischer Kräfte. Sie ist eine Sektion der Föderation «European Jews for a just Peace in the Middle East» («Europäische Juden für einen gerechten Frieden») und besitzt seit 2007 Vereinsstatus. Heute zählt sie deutschlandweit 34 Mitglieder.

Haben Sie Ihren Verein und Ihre Ideen auch schon in jüdischen Gemeinden vorgestellt?

 

Verleger: Nun, ich hatte diese Position ja schon vertreten, als ich noch im Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Lübeck und Vorsitzender des größeren Landesverbands in Schleswig-Holstein war. Ich war bis zum Juni 2009 auch Mitglied im Direktorium des Zentralrats. Da musste ich ja nun nicht bei jeder Sitzung sagen, was ich hierzu denke. Das wussten alle, dass ich diese Position vertrete.

 

Riese: Es ist nicht so, dass wir den Kontakt zu den Gemeinden fürchten. Im Gegenteil. Wenn wir von Gemeinden in Briefen angegriffen wurden, haben wir auch immer wieder auf die Möglichkeit hingewiesen, Gespräche zu führen. Wir haben keine einzige Einladung abgelehnt - wir haben keine bekommen.

 

Wurden Sie, Herr Verleger, aufgrund Ihrer politischen Meinung vom Landesverband abgewählt?

 

Verleger: Ja. Von den Leuten, die mich delegiert haben. Mein Landesverbandsvorsitzender hat mir lange die Treue gehalten und fand bis zuletzt, ich sei schon der Richtige dafür. Aber ich habe ja in dieser Frage eine Meinung vertreten, die meine gesamte Basis nicht für richtig hielt. Also die Funktionäre, die in den Gemeinden tätig sind. Dieser Widerspruch...irgendwann war's dann halt so weit.

 

Fühlen Sie sich heute auf verlorenem Posten? Sind Sie noch in der Gemeinde?

 

Verleger: Ja. Gut, ich gehe jetzt nicht mehr so oft hin. Aber ich habe beispielsweise auch unserem Gemeindevorsitzenden die Rede für den 9. November geschrieben. Es ist jetzt nicht so, dass ich schmollen würde. Nein, ich fühle mich nicht auf verlorenem Posten. Wir vertreten ja etwas, was die meisten Leute in Deutschland richtig finden, auch wenn es im Widerspruch zur öffentlichen Meinung der politischen Klasse steht.

 

Riese: Es ist ja keine Schande, Minderheitspositionen zu vertreten, und es dreht sich in den jüdischen Gemeinden nicht alles ausschließlich um den Nahen Osten.

 

Die Berliner Gruppe der «Jüdischen Stimme» hält jeden Monat eine Mahnwache gegen die Mauer im Westjordanland und gegen die israelische Blockade des Gazastreifens ab. Wie sind die Reaktionen auf der Straße?

 

Katzenstein-Leiterer: Sehr unterschiedlich. Viele finden zum ersten Mal überhaupt eine Information zu diesem Thema und sind dafür sehr dankbar. Einige ignorieren die Sache. Es gibt auch mal eine Gegenstimme. Oft passiert es uns, dass Israelis kommen und sagen: «Pfui, ihr Juden. Wie könnt ihr?». Aber wir diskutieren mit denen und machen ihnen klar, dass es uns auch um ihre Sicherheit geht - es geht uns ja nicht darum, dass Israel irgendwie verschwinden soll - es geht uns um die Sicherheit Israels. Und solange Israel Menschenrechte verletzt, solange Israel die Resolutionen der UNO überhaupt nicht beachtet, so lange wird Israel keine Sicherheit haben. Über den Bau einer Mauer, wenn man sie für die Sicherheit braucht, kann jeder Staat selber entscheiden. Aber dann doch bitte genau auf der Grenze oder zumindest auf das eigene Territorium, aber nicht auf geklautem Territorium.

 

Lutz: Ich wurde in Gaza mal interviewt und gefragt: «Lieben Sie Israel?» Er hatte meine Antwort nicht erwartet, ich sagte nämlich «Ja». Ich bin auch für Israel hier. Weil es um die Sicherheit Israels geht. Wenn wir die Entwicklung nicht stoppen, wird es Israel vielleicht nicht mehr geben.

 

Borchardt-Hefets: Ich denke auch, dass Ministerpräsident Netanjahu versucht, Zeit zu gewinnen. Er hat auch Recht. Das hat mehr als 40 Jahre funktioniert und wird auch weiter funktionieren. Ich sehe keine Perspektive. Deswegen lebe ich auch hier in Deutschland und nicht mehr in Israel. Deshalb kommen auch mehr und mehr Israelis hierher und auch die Israelis, die in Israel leben, sind, wie sie selbst sagen, verzweifelt. Es ist nicht so, dass sie irgendeine Hoffnung haben. Sie haben das akzeptiert, so ist das Leben. Sie haben nicht das Gefühl, dass man als Bürger überhaupt die Politik beeinflussen kann. Was ich für eine Demokratie, wenn man Israel überhaupt als eine Demokratie bezeichnen kann, sehr problematisch halte.

 

Verleger: Israel wird sich selber nicht aus dieser Situation befreien können. Von allein sind da die Gegenkräfte gegen das, was jetzt abläuft, zu schwach. Der Druck muss von außen kommen, zum Beispiel von der EU. In diesem Sinne finde ich die bürokratische Verordnung, die die britische «Her-Majesty's-Food-Administration» gerade erlassen hat, ein sehr schönes Hoffnungszeichen. Darin steht, dass die Waren korrekt auszuzeichnen sind und das EU-Assoziationsabkommen korrekt anzuwenden ist. Wenn das in Deutschland zum Beispiel genauso passieren würde und Israel von der gesamten EU einheitlich klar gemacht würde, dass die Besetzung als «völkerrechtlich nicht in Ordnung» angesehen wird und nicht andauernd so unter der Hand toleriert wird, das wäre schon mal was. Das müsste einfach so sein wie mit der Türkei oder mit Serbien, wo die EU auch sagt «Ihr müsst das und das machen» und dann ist das auch Recht. So könnte Israel auch auf den rechten Weg geführt werden, mit sanfter Hand, aber unnachgiebig. Das wäre mein Traum.

 

Borchardt-Hefets: Fangen wir damit an, dass die Deutschen nicht die Initiativen blockieren, die auf EU-Ebene kommen.

 

Riese: Das wäre schon mal ein Erfolg.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 Das Gespräch führte Eik Dödtmann

«Jüdische Zeitung», Februar 2010