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An Donau und DreiländereckWer jüdisches Leben in Bratislava sucht, findet ÜberraschendesIn einem Betonbunker unter Trambahnlinien vergessen, hatte die Donaustadt einen ihrer berühmtesten Bürger: den Rebben Chatam Sofer. Der Gelehrte gilt als Begründer der modernen Orthodoxie. Mit dem Aufschwung zur quirligen Metropole findet sich heute auch jüdische Vergangenheit im Stadtbild, das Gemeindeleben jedoch bleibt bescheiden. Die ehemals schönste Synagoge Bratislavas fiel 1967 einem wahnwitzigen Bauprojekt zum Opfer. Mit ihr wurde die halbe Altstadt unter einer Stadtautobahn begraben. Über die Novy˘ Most, deren Pfeiler ein ufo-förmiges Restaurant krönt, fällt diese in die Stadt ein, der Autostrom zieht fünf Meter vor dem Haupteingang der Martinskirche vorbei. Nahe der Betonmauer des Brückenkopfes erinnert daneben ein metallenes Gebilde, gekrönt von einem Davidstern, an Holocaust und das zerstörte Gebetshaus. «Bratislava erlebte den größten Bauverlust in Friedenszeiten!», kommentiert Juraj Kohlmann. Als Pressburger seit 50 Jahren bezeichnet er sich selbst, und ist als Touristenführer der Gemeinde ein eloquenter Kenner der jüdischen Stadtgeschichte. Der Königsweg Die bronzenen Figuren historischer Persönlichkeiten oder Stadtcharaktere sind beliebte Fotomotive. Napoleon lehnt da lässig an einer Bank. Ein Paparazzi photographiert um die Ecke. Beinahe stolpert man über den Kanalarbeiter, der fröhlich unter einem Kanaldeckel hervorsieht. Der schöne Iwan, eine Stadtlegende und sympathischer Nichtstuer, der stets sehr elegant ein leeres Kuchenpaket vom feinsten Konditor durch die Stadt trug. Die Burg thront stolz oberhalb der Donau - ein nationales Kulturdenkmal. Tatsächlich handelt es sich um einen Nachbau des historischen Gebäudes aus den 60er Jahren. Die Burg hatte nach einem Großbrand für mehr als 150 Jahre als Ruine den Berg beherrscht. Ein verstecktes Schmuckstück ist die Stadtpost, wo sich Urlaubsgrüße an historischen Schaltern aufgeben lassen. Neben Thai-Massage und Bar Rouge findet sich der alte Traffiker. Österreichische Ausflügler fallen mit ihren Fahrrädern in den Stadtkern ein. Von Wien nach Bratislava muss das Donauwasser nicht lange fließen, die Städte sind nur einen Katzensprung von einander entfernt. Deshalb verbindet ein propellergetriebener «Twin-City-Liner» neuerdings die beiden Städte - dreimal täglich ist Bratislava bequem per Flussfahrt auf einem Schnellkatamaran leise und doch 60 Kilometer pro Stunde schnell zu erreichen. Im Blatt «Development Press» wird eigens für ausländische Investoren slowakisches Kapital- und Immobiliengeschäft der Metropole im einst vielsprachigen Dreiländereck aufbereitet. Wo das Donauwasser sich weitet und die Ecken der drei Länder umspült, etwa 15 Kilometer südlich von der Stadt, haben der holländische Mäzen Gerard D. Meulensteen und der slowakische Sammler Vincent Polakovi´c sich eine Halbinsel als intimen Ort für eine kleines Ausstellungshaus gewählt. In Form einer römischen Galeere zeigt es als eines der jüngsten Museen seiner Art in Europa moderne Kunst in hellen Räumen und am Flussufer. Hinter dem breiten Fluss steht am Horizont die Stadtsilhouette Bratislavas. Friedhöfe voll, Synagogen leer Kein Schild weist das hellblaue, einstöckige Gebäude in der Uliza Kozia als Gemeindezentrum aus. Keine Kamera, keine Polizeibewachung. Die Eingänge von Arztpraxen und Anwaltsbüros sind dagegen durch Concierge und steuerbare Linsen bewacht. Zum Antisemitismus im Land sagt Salner scherzhaft: «Ich bin damit zufrieden», dann fügt er hinzu: «Unsere Antisemiten sind keine». Stadtkenner Kohlmann ist da viel skeptischer: «Der Antisemitismus hier schläft. Wären wir mehr und sichtbarer, gäbe es mehr Antisemitismus.» Die jüdischen Gemeinden mögen klein sein, jedoch gibt es in jeder slowakischen Stadt nach einem Beschluss des Slowakischen Nationalrates nur eine. «Eine praktische Sache - das verhinderte weitere Spaltungen der ohnehin gespaltenen Community», so Gemeindevorsitzender Salner. Auch als die Regierung 1992 entschied, jüdischen Bürgern zurückzugeben, was in der Tschechoslowakei konfisziert worden war, half dies der Gemeinschaft. Der Zentralverband jüdischer Gemeinden in der Slowakei (ZZNU) verwaltet den Besitz der ehemals 650 und heute lediglich 11 Gemeinden, meist Friedhöfe und Synagogen. Heute zahlt der Staat einen Pauschalbetrag für jedes Gemeindemitglied. Aus der Summe werden die Rabbiner bezahlt. Im Hof des Bratislaver Gemeindezentrums befindet sich in einem modernen luftigen Bungalow eine Gemeinschaftsküche nebst Speisesaal. Hier treffen sich Kinder zum «Moadon», Ältere zu Treffen der Holocaust-überlebenden. Die mittlere Generation organisiert Vorträge, einmal monatlich gibt es eine Ausstellung. Zwei Angestellte kümmern sich um Kultur, Religion und Soziales. Die Gemeinde besteht zu 55 Prozent aus älteren Leuten, die häuslicher Pflege bedürfen. Salner ist ausgebildeter Ethnologe, seine Gemeinde so auch ein bisschen «Forschungsthema». Ein wenig beklagt er auch die Passivität mancher Mitglieder im Gemeindeleben. Während Jahrzehnten des Sozialismus haben sich slowakische Juden in der Mehrheit ihrem Glauben entfremdet. Wie in anderen osteuropäischen Ländern mieden viele das offene Glaubensbekenntnis: «Nach 1989 existierte höchstens ein kulturelles Judentum in der Slowakei, jedoch kein traditionell religiöses.» Dennoch will der Ethnologe Salner keinen Untergang des traditionellen, synagogalen Lebens beschwören. Er sieht die slowakische Gemeinde im Wandel begriffen. Die Krone der Rabbis Dort liegt auch der Chatam Sofer - «Die Krone aller Rabbis», wie sein Grabstein titelt. Lange hatte sich kein Nachfolger für den berühmten Bratislaver Oberrabbiner Mosche Igra gefunden, zahlreiche Koryphäen der Epoche hatten abgelehnt. Die Fußstapfen der Autorität waren vielen eine Nummer zu groß. Dann kam der 1762 in Frankfurt geborene Moses Schreiber. Dessen Vater soll mit seinem Erziehungslatein bereits bei dem Achtjährigen zu Ende gewesen sein und ihn in die Obhut Gelehrter gegeben haben. Moses Schreiber, auch Moshe Sofer oder Chatam Sofer genannt, wurde zur Legende in der religiösen, erzieherischen und rechtlichen Auslegung von Talmud und Tora. Von 1806 bis 1839 versah Moshe Sofer das Amt des Oberrabbiners in Pressburg. Er führte die Gemeinde durch die Napoleonischen Kriege (1804-1812) und die Nachwirkungen der Josephinischen Reformen (in den 1790ern) - eine bewegte Zeit. Ein Gespräch des Rebben mit dem kleinen Kaiser der Franzosen bewahrte die Stadt angeblich vor einer Besetzung. Ohne die Toleranzpatente Josephs II. (1765-1790), Kaisers des «Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation» und Königs von Ungarn und Böhmen zugleich, wäre dem Chatam Sofer möglicherweise nie seine spätere Berühmtheit erwachsen. Josephs Reformen - aus heutiger Sicht markierten sie das Ende der Gegenreformation, ermöglichten verfolgten Gruppen - Protestanten, Juden, Freimaurern - nicht nur eine freiere Religionsausübung. Juden bewegten sich nun aus dem Getto heraus, knüpften mehr Kontakte zur Außenwelt, regere Geschäftsbeziehungen. Sie vernachlässigten strenge Regeln, begannen sich zu assimilieren. Doch Chatam Sofer war ein strikter Gegner von Liberalisierung und gesellschaftlicher Anpassung. Bei intensiverem Kontakt der jüdischen Minderheit zur christlichen Bevölkerungsmehrheit befürchtete der Rabbi eine Verwässerung und letztendlich existenzielle Bedrohung des Judentums. So plädierte der religiöse Gelehrte für den Erhalt des Gettos, auch um den Preis diskriminierender Gesetze. Damit machte Chatam Sofer Pressburg zu einer Bastion der uneingeschränkt Gesetzestreuen - und galt bald als Vorkämpfer der modernen jüdischen Orthodoxie. Auch heute noch wird er in orthodoxen Kommentaren und Abhandlungen bevorzugt zitiert. Diesen Herbst soll eine Tagung des jüdischen Kulturforums «Makor» («Quelle») an den Chatam erinnern. Das Wunder im Bunker Der Befehl kam von Josef Tiso. Ursprünglich römisch-katholischer Pfarrer, erlebte Tiso in den 30er und 40er Jahren einen Aufstieg vom oppositionellen Abgeordneten der Slowakischen Volkspartei zum Präsidenten der Unabhängigen Slowakischen Republik (1939-1945). Die Republik war weitgehend ein Marionettenstaat Nazideutschlands, nachdem dieses das Sudetenland und weitere Teile Tschechiens als Protektorat Böhmen annektiert hatte. Tiso, der sich selbst gern als Vodca (slowakisch: «Führer») betitelte, war definitiv Antisemit, aber ein Gegner von Gewalt gegen die Juden. Erklärt etwa sein religiöses Amt die Rettungsaktion für des großen Rabbi letzte Ruhestätte? Nicht aus Respekt, höchstens aus Angst hätte Tiso entschieden, so meint Kohlmann. Möglicherweise hatte der Präsident von dem biblischen Fluch des Rebben gehört, nach dem jeder, der sein Grab und den aus den Planken seines Lesepults gezimmerten Sarg berühre, bis in die siebte Generation verflucht sei. Für wahrscheinlicher hält der passionierte Pressburger Kohlmann, dass die «richtigen Leute bestochen» wurden. Als Wunder könne gelten, dass die Bestochenen Wort hielten. Seit 1987 haben sich Anhänger des Chatam Sofer, mehrheitlich aus dem Ausland, um die Renovierung der Ruhestätte bemüht. Die Stadt nahm 10.000 Dollar Kosten für die Verlegung der Bahnlinien in Kauf. Mehrere Hinweisschilder weisen das umzäunte Gelände heute als heiligen Ort aus. Die schwarzen Fliesen mit dem Glitzer des Sternenhimmels sind 30 Zentimeter über dem eigentlichen Niveau des Friedhofs gelegt, damit unter den zahlreichen Pilgern auch die Nachkommen Aarons das Mausoleum besuchen dürfen. Ein Friedhofsgang bleibt diesen meist verwehrt, denn sie verunreinigen sich mit dem Betreten einer Ruhestätte. Wie an der Klagemauer in Jerusalem, können sie und andere Besucher Wünsche auf kleinen Zetteln hinterlassen. Römer, Türken, Adlige Viel ist nicht bekannt - ein Großbrand in städtischen Archiven hat 1832 viele Dokumente zerstört. Doch angeblich gab es bereits im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung Juden an der Donau. Als Sklaven der Römer kamen sie aus Palästina an die Limeslinie. Seitdem gab es einige Verwirrung um den Stadtnamen. Im achten Jahrhundert nach einem Fürst der Mährer namens Uratislaus, der die Stadt an der Stelle der römischen Befestigung Pisonium gründete, Uratislaburgium oder Wratisslaburgium genannt, wandelte der Name sich über Brecisburg, Bosenburg, Braslav, Bosonium, Preslawaspurch oder Prespurch zu Pressburg und nach dem zweiten Weltkrieg zu Bratislava. Noch heute spricht man von der Stadt in ihren glorreichen Zeiten während der K.u.K.-Monarchie als Pressburg. Bis ins 16. Jahrhundert waren die Juden hier eine starke Gruppe, was Kohlmann durch die Stadtgeschichte bewiesen sieht: es gab kein Getto, jedoch zwei Synagogen. Die Juden genossen dieselben Rechte wie andere Bürger. Ein spezieller Judenrichter kümmerte sich ausschließlich um die Belange der Juden unter sich, er wurde vom König gestellt. 1526 machte die Schlacht von Mohác, wo geschätzte 24.000 Ungarn innerhalb einer Stunde fielen, dies zunichte. Der Sieg der Türken zerschlug das über 500 Jahre stabil gebliebene ungarische Reich. Die Herrschaft der Osmanen dehnte sich fortan bis an die österreichischen Grenzen der K.u.K.-Monarchie. Pressburg war das letzte Bollwerk. Die Stadt einzunehmen sollte den Türken niemals gelingen. In der einsetzenden Xenophobie allerdings, verwies man die Juden der Stadt. Erst 100 Jahre später wies ihnen einer der Grafen Pállfy erneut einen Schutzbrief zu. Die meisten Ländereien des Grafengeschlechts Pálffy, namhafter ungarischer Adel, lagen in der Slowakei. Die Pállfy standen über Jahrhunderte treu zum Habsburger Kaiserreich, bekleideten Ämter des kaiserlicher Generalfeldmarschalls, des Schlosshauptmanns von Pressburg oder des Palatin von Ungarn - und zuweilen all dies in Personalunion. Den Juden verliehen sie Wohnrecht - zunächst außerhalb der Stadtmauern. Ein Getto entstand, das mit Sonnenaufgang geöffnet und bei Sonnenuntergang geschlossen wurde. Grund durften die Juden nicht erwerben. Erst 1673 bekamen sie ein erstes kleines Stück Land unterhalb der Burgmauer - besagten Friedhof und heute Ziel von Pilgern aus aller Welt. Er diente der Gemeinde bis 1840 und war bis dahin mehrmals aufgeschüttet worden. War kein Platz für neue Gräber, erhöhte man den Friedhof um eine Schicht und versetzte die Steine. Archäologen der Nachkriegszeit wollen sich durch drei bis fünf Schichten gegraben und 6.000 Gräber exhumiert haben. Nach Ethnologe Salner dominierte jedoch das Landjudentum in der Slowakei bis zum Zweiten Weltkrieg. Nur wenige große Persönlichkeiten von Weltrang seien daraus hervorgegangen. Größere Populationen fanden sich lediglich in Kosice und Bratislava. 1942 ereilte das Unheil die Juden der Slowakei. 57.000 wurden nach Polen deportiert. Weniger als 200 Überlebende sind bisher bekannt. Kubistischer Jugendstil |