Filmkritik

Mitleidslose Unschärfe

Moderner Hiob: der Physikprofessor Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg). Foto: Tobi-Verleih

Der neue Film der Brüder Joel und Ethan Coen kann als eine Wette mit dem Zuschauer verstanden werden: Wetten, dass wir es schaffen, eine der grausamsten Geschichten der Menschheitsgeschichte so zu verfilmen, dass alle im Kino vor Amüsement nahezu kollabieren? Topp, die Wette gilt! Und um es vorweg zu nehmen: Die Brüder haben die Wette gewonnen. Natürlich mussten sie den Stoff, der als die Geschichte Hiobs bekannt ist, ziemlich glattbügeln. Sie verfrachten Hiob in einen US-amerikanischen Vorort der 1960er Jahre, nennen ihn Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) und ersetzen ganz zeitgemäß Hiobs berühmte Gottesfurcht durch einen biederen Konservatismus. Larry widerfährt ein Unglück nach dem anderen. Frau weg, Haus weg, Geld weg, Job in Gefahr und die Gesundheit ist wohl am Ende auch noch ramponiert. Beste Voraussetzung dafür, dass der Zuschauer Larrys Leiden nachfühlt, Mitleid mit ihm hat. Doch nichts da. Als Zuschauer hat man kein schlechtes Gewissen, über Larrys unverschuldetes Leid zu lachen.

 

Larry, der an einer Provinzuniversität Physikdozent ist, wird dem Zuschauer nicht sympathisch, weil er das ihm widerfahrende Missgeschick in grotesker Passivität annimmt. Er wehrt sich nicht dagegen. Stattdessen sucht er Hilfe bei drei Rabbinern. Mit ihnen zusammen fragt er sich, warum Ha-Schem ihn mit Leiden straft. Die Antworten der Rabbiner sind so weise wie wertlos und variieren zwischen dem empfohlenen Perspektivwechsel auf einen Parkplatz und einer merkwürdigen Geschichte über die Zähne eines Goj. Nein, das Problem der Theodizee kann und will der Film nicht lösen, vielmehr verbleibt Ha-Schem im Dunkeln der Geschichte. Die eigentlichen Götter sind die Brüder Coen. Ihr zynisches Spiel mit Larry Gopnik gleicht demjenigen, das Gott mit Hiob spielt, um Satan (den Zuschauern) etwas zu beweisen.

 

Abgesehen davon, dass «A Serious Man» ein wundervoll kurzweiliger und komischer Film ist, gibt es Aspekte, auf die vor dem Schauen hingewiesen werden muss: Da sind die kleinen Unverhofftheiten des Films. Ein plötzlicher Genickschuss, eine Textzeile von «Jefferson Airplane», verwirrende Traumsequenzen und ein Ende, das in Hollywood auf lange Zeit seinesgleichen suchen wird. Dann der philosophische Anspruch, der glücklicherweise nebenher spielt und, wenn denn gewollt, gefahrlos übersehen werden kann.

 

Schaden kann es allerdings nicht, wenn man weiß, warum Schrödingers Katze gleichzeitig tot und lebendig ist, was es mit Heisenbergs Unschärfe auf sich hat und was beides mit dem Blick auf einen Parkplatz zu tun hat. Dann gibt es noch die Haare im Film. Es wird das haarige Ohr eines Rabbiners gezeigt, die Pranken des schmierige Sy Ableman (Fred Melamed) sind mit üppiger Haarpracht bewuchert, die nackte Frau im Film hat nicht nur auf dem Kopf Haare und Larrys sodomitischer, mit mystischen Zahlenketten spielender Bruder Arthur (Richard Kind) zeigt beim Planschen im Wasser eine der denkwürdigsten Körperbehaarungen der Filmgeschichte; nicht zuletzt ist da der Dybbuk (Fyvush Finkel) im Vorfilm, der an seiner Wangenrasur als Dybbuk erkannt wird.

 

Der Vorfilm an sich ist die letzte Merkwürdigkeit. Ein kurzes Kammerspiel in einem Schtetl des 19. Jahrhunderts, indem kräftig gejiddelt wird. Ob es etwas mit dem Hauptfilm zu tun hat, außer dass die amerikanische Vorstadt Ende der 1960er so etwas wie das moderne Schtetl ist, ich würde nicht darauf wetten.

 

«A Serious Man», USA 2009. 105 Min., Regie und Buch: Joel und Ethan Coen, Darsteller: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Sari Wagner, Fred Melamed, Aaron Wolff. Läuft seit 21. 1. in den deutschen Kinos. Freigegeben ab 12 Jahren.

 

Stefan Daniel

«Jüdische Zeitung», Februar 2010