"Die Leinwand"

von Benjamin Stein

 

"Die Leinwand" erschienen bei C. H. Beck, 416 Seiten, 19,95 Euro

Es ist mittlerweile fast hundert Jahre her, dass auf dem deutschen Buchmarkt ein formal und inhaltlich derart innovativer Roman eines jüdischen Autors deutscher Sprache erschienen ist wie der soeben veröffentlichte zweite Roman des 1970 in Ost-Berlin geborenen Lyrikers, Schriftstellers und Literaturorganisators Benjamin Stein. Dessen literarisches Debüt, «Das Alphabet des Juda Liva» (1995), hatte vor mehr als zehn Jahren bereits höchste Erwartungen geweckt und die Presse seinerzeit zu der vielleicht etwas überzogenen Bemerkung verleitet, dass mit Stein die jüdische Erzähltradition nach Mitteleuropa zurückgekehrt sei. In diesem Zusammenhang erscheint es allerdings mehr als bemerkenswert, dass Benjamin Stein - anders als die meisten großen jüdischen Schriftsteller im deutschen Sprachraum, die diese Tradition maßgeblich zu benennen versucht - nicht nur ein streng orthodoxes Leben führt, sondern auch seinen literarischen Stoff in diesem Sujet findet. Wenn auch in einer sehr universellen Ausprägung, die den Leser auf höchst überzeugende, geradezu selbstverständliche Art an der Lebensweise moderner religiöser Juden im 21. Jahrhundert teilhaben lässt. Benjamin Steins neuestes Buch lässt sich am ehesten mit den vielschichtigen phantastischen Werken eines Leo Perutz vergleichen und hier am ehesten mit dessen bekanntestem Roman «Der Meister des Jüngsten Tages», denn auch «Die Leinwand» handelt von einer massiven Persönlichkeitsstörung, die dem Leser erst nach der kompletten Lektüre des Buches vollkommen offenbar wird. Das besondere an der Struktur des Romans ist die formale Anordnung in zwei unterschiedliche Erzählstränge, die Aspekte ein und derselben Geschichte in den Berichten von zwei Personen spiegeln, die sich nur einmal, in der Mitte des Buches bewusst begegnen: Zunächst die Version des jüdischen Schriftstellers und Journalisten Jan Wechsler, der eines Tages einen angeblich ihm selbst auf dem Flug von Tel Aviv nach München abhanden gekommenen Koffer zugestellt bekommt, zu dessen Inhalt er in seiner Erinnerung allerdings keinerlei Bezug finden kann. Und wenn man das Buch wendet und umdreht, findet man die Variante des israelischen Psychoanalytikers Amnon Zichroni, der einem seiner Patienten, dem Geigenbauer Minsky, einem Überlebenden der Schoa, im Verlaufe seiner Therapie das geistige Rüstzeug an die Hand gegeben hatte, um einen internationalen Bestseller über seine Kindheitserlebnisse in den Konzentrationslagern zu schreiben. Dieses Werk wurde später - ausgerechnet von Wechsler - als reine Fiktion entlarvt. Auch Wechsler selbst hat höchste literarische Ambitionen, sein Ideal, dem er akribisch, aber ohne Erfolg nacheifert, hat er in der Technik des «black polish» der Uhrmacherkunst gefunden: «Betrachtet man ein solches Einzelteil, [...] wirkt es zunächst wie ein Spiegel. Im nächsten Moment jedoch, wenn man es nur leicht neigt, scheint es das Licht vollständig zu absorbieren, und der Blick des Betrachters versinkt in diesem schwarzen Spiegel wie in einem tiefen Spalt, der sich plötzlich zur Unendlichkeit hin aufgetan hat.» Diese Arbeitstechnik jedoch ist auch Teil des psychischen Problems von Jan Wechsler, in das uns Benjamin Stein auf ebenso faszinierende wie beängstigende Art und Weise schauen lässt. Als der in zunehmendem Maße an sich selbst zweifelnde Wechsler auf der Suche nach verschütteten Bruchstücken seiner Erinnerung erneut nach Israel reist, wird er bei der Einreise verhaftet und zum spurlosen Verschwinden eines gewissen Amnon Zichroni befragt... Benjamin Stein hat mit seinem Roman «Die Leinwand» ein absolut fesselndes Stück Literatur geschaffen, das sich in seiner außergewöhnlichen Vielschichtigkeit und sprachlichen Eleganz kaum auf ein bestimmtes Genre festlegen lässt und ebenso als literarischer Krimi wie als psychologischer Entwicklungsroman gelten kann.

«Jüdische Zeitung», Februar 2010