"Eine Handbreit Hoffnung"

von Clara Kramer

"Eine Handbreit Hoffnung", aus dem Amerikanischen von Ursula Pesch; erschienen bei Droemer, 399 Seiten, 19,95 Euro.

«Wenn ich an den Holocaust denke, denke ich nicht an die sechs Millionen, die damals umkamen, sondern an die fünfzig Millionen, die nie die Chance hatten, geboren zu werden.» Dieser entwaffnende Satz aus den soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Erinnerungen der 1927 in Zólkiew/Ukraine (damals Polen) geborenen Clara Kramer ist exemplarisch für die in ihrem Buch - unter Mithilfe des Schriftstellers und Drehbuchautors Stephen Glantz entstandene - so überaus authentisch vermittelte absolut vorwärts gewandte, positive Lebenseinstellung. Die als Zeitzeugin in den USA auch in ihrem hohen Alter noch immer vielbeschäftigte und unermüdlich umherreisende Vortragsrednerin Clara Kramer überlebte die Schoa gemeinsam mit fünf eigenen Familienmitgliedern und zwei weiteren jüdischen Familien in einem Kellerversteck in ihrer Heimatstadt. Dessen Tarnung bestand vor allem darin, dass es sich unter dem Schlafzimmer eines nicht gerade als «Judenfreunden» bekannten deutschstämmigen Ehepaars befand, das während der Besatzung auch vier deutschen Soldaten und zwei Eisenbahnern in ihrem Haus Quartier geben musste - es fällt also nicht schwer, sich die permanente Todesangst der unter den Dielen verborgenen jüdischen Familien vorzustellen, während sie das Poltern von Soldatenstiefeln und die Stimmen des Feindes hören mussten. Zwei Jahre jünger als ihre berühmte Leidensgenossin Anne Frank, führte auch Clara Kramer in ihrem Versteck ein ergreifendes Tagebuch, das heute im Holocaust Memorial Museum in Washington, D. C. verwahrt und als Teil der permanenten Ausstellung ausgestellt wird. Ihr literarisches Testament «Eine Handbreit Hoffnung» («Clara's War») schafft das erfreuliche Kunststück, einerseits den Originaltext des Tagebuchs in nur wenig mehr als ein paar kurzen Auszügen wiederzugeben, andererseits aber die ganz eigene Stimme der Autorin in ihrer damaligen jugendlichen Weltsicht beizubehalten. Eine unverwechselbare, mitunter naiv wirkende Stimme, die sich manchmal nicht entscheiden kann, ob sie nun altklug oder frühreif ist, jedoch in der Fülle der im Tagebuch wiedergegebenen sowie vermutlich auch nachträglich erinnerten Details ungemein wache Sinne und eine ausgeprägte Beobachtungsgabe offenbart. «Es gab keinen logischen Grund für unser Überleben. [...] Wenn ich mich frage, was uns von den anderen unterschied, dann lautet die Antwort: Wir hatten die Becks.» Julia und Valentin Beck wurden 1995 von Yad Vashem posthum als Gerechte geehrt - sie waren durch ihre moralische Integrität und ihre politische Weitsicht zu der Ansicht gelangt, ihren jüdischen Nachbarn helfen zu müssen und auf diese Weise zu deren Rettern geworden. «Alles, was ich über Liebe, Ehre und Mut gelernt habe, habe ich von ihnen gelernt», schreibt Clara Kramer scheinbar pathetisch im Epilog ihres Buches. «Als ich vor über sechzig Jahren dieses Kellerversteck verließ, hatte ich das Gefühl, dass mein Leben nicht mehr mir allein gehörte. Ich wusste, dass ich ein Leben würde führen müssen, das der Tatsache würdig wäre, gerettet worden zu sein.» Doch dieses Versprechen sollte sie schon kurze Zeit später durch ihre eigene mutige Initiative einlösen können, als sie die der Kollaboration mit den Nazis verdächtigten Becks durch Vorlage ihres Tagebuchs bei dem verantwortlichen sowjetischen Parteisekretär vor der Deportation nach Sibirien bewahrte. Clara Kramers Lebenserinnerungen bieten mehr als nur «Eine Handbreit Hoffnung» - sie dokumentieren den Triumph des Lebens: «Nach dem Krieg waren wir [...] noch zu acht. Inzwischen sind aus den acht wieder über sechzig geworden, die erst vor kurzem bei einer Hochzeit in Tel Aviv zusammenkamen.»

«Jüdische Zeitung», Februar 2010