"Das wilde Kind"

von T.C. Boyle

"Das wilde Kind", aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren, erschienen bei Hanse, 106 Seiten, 12,90 Euro.

Es gehört zu den üblichen Widersprüchen des Literaturbetriebs, dass ein ebenso hochbegabter wie viel bewunderter Schriftsteller wie T. C. Boyle, ein erklärter «Kultautor» noch dazu, der vor allem für seine nicht weniger unterhaltsamen als umfangreichen und hochambitionierten Romane berühmt ist, die mit ihrem unverwechselbaren sarkastisch-erhellenden Grundton das Lebensgefühl einer ganzen Generation getroffen haben, nun ausgerechnet mit einer kaum 100 Seiten zählenden, eher konventionell gehaltenen und geradezu klassisch anmutenden Erzählung sein eigentliches Meisterwerk vorlegt. Wie es scheint, hat ausgerechnet sein deutscher Verlag das besondere Potenzial dieser Erzählung zuallererst erkannt, denn «Das wilde Kind», eine ausgesprochen geglückte, hochkonzentriert vorgetragene literarische Abhandlung über so ewig junge Themen wie die Freiheit des Individuums, Entfremdung von und Disziplinierung durch die Gesellschaft, soziales Ausgestoßensein sowie die menschliche Natur im Allgemeinen, erscheint bereits vor Veröffentlichung der amerikanischen «Originalausgabe» als Einzelband auf Deutsch, während es in den USA lediglich die Titelstory einer Sammlung von neuen Erzählungen des Autors sein wird. Der bekannte Mythos vom Wolfskind ist nicht erst durch die Sage von Romulus und Remus in unserem kulturellen Gedächtnis fest verankert. Und während in Deutschland bis heute die mysteriöse Geschichte von Kaspar Hauser fasziniert, hatte das nachrevolutionäre Frankreich ebenfalls einen spektakulären Fall eines kaum acht Jahre alten wilden Kindes vorzuweisen, eines offenbar von seinen Eltern ausgesetzten, kälteunempfindlichen, nackten Jungen, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts, auf allen vieren krabbelnd, die Wälder Südfrankreichs durchstreifte und erst zwei Jahre nach seiner ersten Sichtung durch Jäger eingefangen werden konnte und der «Wissenschaft» übergeben wurde. Man war begeistert, Rousseaus berühmte These, dass der Mensch von Natur aus gut sei, am lebenden Beispiel eines Menschen überprüfen zu können, der ganz offensichtlich bisher keinerlei kulturelle Prägung erfahren hatte und nicht fähig war, sich in Gesten oder gar in Worten auszudrücken: «Es war ein primitives Leben, das nur auf ein einziges Ziel - nämlich Nahrung - ausgerichtet war, und Bonaterre erkannte in ihm die Ursprünge des primitiven menschlichen Lebens, unberührt von Kultur, Bewusstsein und menschlichen Gefühlen. [...] War er einsam? Hatte er Angst? Glaubte er an höhere Wesen? Niemand weiß es. Nicht einmal er selbst hätte es sagen können, denn er verfügte über keine Sprache, keine Vorstellungen, keine Möglichkeit zu wissen, ob er lebte oder wo er lebte oder warum er dort lebte.» Victor von Aveyron, wie der Junge von seinen Erziehern genannt wird, ist die Sensation der jungen Republik, und der französische Innenminister lobt höchstpersönlich eine lebenslange Rente für ihn aus. T. C. Boyle entwirft die Geschichte des Jungen als menschliche und gesellschaftliche Tragödie; denn sehr bald erweist sich, dass die Lernerfolge Victors auch nach Jahren mühevoller «Erziehung» äußerst bescheiden ausfallen und letztlich nur zur wissenschaftlichen Profilierung seines Erziehers gereichen können. Boyles Erzählung ist auf faszinierende und kunstvoll verdichtete Weise so überreich angefüllt mit den ewig aktuellen, elementaren Fragen der menschlichen Existenz, dass man sie künftig an erster Stelle seiner wichtigsten Werke nennen muss. Insbesondere mit seinem tieftraurigen, poetischen Schlussbild findet er eine bestechende Metapher für das Schicksal Victors, die uns die ganze Absurdität seiner versuchten «Zivilisierung» vor Augen führt.

 

 

 

«Jüdische Zeitung», Februar 2010